Azubimangel: So finden Lindauer Betriebe wieder gute Azubis

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Lindau - Die Zahl ist alarmierend: Mehr als 90 Ausbildungsplätze konnten im Landkreis Lindau im vergangenen Jahr nicht besetzt werden. Das ist ein neuer Spitzenwert, 2011 zum Beispiel waren es gerade einmal halb so viele. „Wir haben Branchen wie die Hotellerie und die Gastronomie, die schon resigniert haben“, sagt Josefine Steiger, die bei der IHK Schwaben für den Bereich Ausbildung zuständig ist.

Resigniert hat Gert Wimpissinger vom Lindauer Hof zwar noch nicht. „Die jungen Leute, die ins Hotelfach wollen, sind von der Qualifikation her teilweise fürchterlich“, sagt er aber. Zwar sei im vergangenen Jahr jeder seiner zehn Ausbildungsplätze besetzt gewesen. Zwei Azubis hätten aber in diesem Jahr bereits abgebrochen. „Das Gastgewerbe ist ein schwieriges Gewerbe“, gibt der Hotelier zu. So kämen zum Beispiel die Arbeitszeiten an Feiertagen und am Wochenende bei den jungen Leuten nicht gut an. „Wenn sie nirgends eine Ausbildungsstelle bekommen, dann kommen sie zu uns. Und wir nehmen sie, weil wir keine Wahl haben.“ Dabei sei gerade das Gastgewerbe ein Beruf, den man mit Freude ausüben müsse. Neben dem Gastgewerbe haben es, so Josefine Steiger, auch Branchen wie die Logistik oder die kunststoffverarbeitende Industrie schwer. „Verfahrensmechaniker ist ein toller Beruf, nur kennt ihn leider keiner“, sagt sie.

Auffällig ist laut Reinhold Huber, Sprecher der Agentur für Arbeit Kempten-Memmingen, dass vor allem kleine Betriebe oft keine Azubis finden. „Für sie ist die Situation dramatisch“, sagt er. „Sie können nicht so sehr mit Werbung glotzen und fallen oft hinten runter.“ In ländlichen Gebieten wie dem Landkreis Lindau wirke sich das besonders stark aus, da es dort eben viele kleinere Betriebe gebe. Dabei habe eine Ausbildung in einem kleineren Betrieb durchaus Vorteile: Der Kontakt ist dort oft viel persönlicher, Probleme werden schneller erkannt und behoben.

Unter den Handwerkern sind es die Fleischer und die Bäcker, die oftmals keine Azubis finden, wie Kreishandwerkermeister Ulrich Kaiser weiß. In der Elektro- und KFZ-Branche passten ausbildungswillige Jugendliche oft nicht zu den Anforderungen des Arbeitgebers: Die schulische Vorbildung reicht oft nicht aus.

„Heute finden auch die schwächeren Jugendlichen einen Ausbildungsplatz. Diesem Personenkreis wäre noch vor einigen Jahren eine Fördermaßnahme empfohlen worden“, sagt Moni Treutler-Walle, Sprecherin der Handwerks-kammer für Schwaben. Das sei einer der Gründe, warum Ausbildungsverträge vor Ende der Ausbildungszeit gelöst würden. „Beide Seiten merken dann während der Probezeit, dass es einfach nicht passt.“

Mittlerweile wird viel getan, um auch schwächere Schüler und Menschen mit niedrigerem Bildungsgrad in Ausbildung zu bekommen – und zu halten. IHK, Handwerkskammer, Arbeitsagentur – sie alle haben Angebote wie Ausbildungspaten, assistierte Ausbildung und Matchingprogramme, die Arbeitgeber und Azubis zusammenbringen sollen. Das Lindauer Unternehmen Chance bereitet mit dem Programm „Fit for Job“ auf das Arbeitsleben vor.

So finden Lindauer Betriebe wieder gute Azubis
Im vergangenen Jahr konnten in Lindau mehr als 90 Ausbildungsplätze nicht besetzt werden. Julia Baumann hat sich auf die Suche nach Lösungen für den Azubimangel gemacht.

Eltern und Lehrer raten oft zu Abitur und Studium

Einige der Programme richten sich speziell an Flüchtlinge. Sie können zumindest einen Teil der Lücke schließen. Im Gegenzug erhoffen sie sich durch die so genannte 3+2-Regelung – drei Jahre Ausbildung und zwei Jahre arbeiten – oft, in Deutschland bleiben zu können. „Allerdings glänzt Bayern da nicht mit Entgegenkommen“, sagt Reinhold Huber. So sollte in Lindau erst im vergangenen Jahr ein Flüchtling abgeschoben werden, obwohl er sich bereits seit einiger Zeit in Ausbildung befand.

Doch auch, wenn man die Flüchtlinge mit einrechnet: Im Landkreis Lindau gibt es derzeit einfach nicht genügend Azubis. Denn den gut 90 offenen Ausbildungsplätzen stehen nur acht Jugendliche gegenüber, die keine passende Ausbildung gefunden haben. „Alle Beteiligten müssen sich auf die Hinterbeine stellen und ihren Job attraktiver machen“, sagt Kreishandwerkermeister Kaiser. Dazu gehöre auch eine bessere Schulpolitik, denn oft drängten Eltern ihre Kinder zum Abitur und später zum Studium.

Die Deutsche Kinder- und Jugendstiftung hat eine Studie veröffentlicht, die zum Ergebnis kommt, dass viele Eltern und Lehrer Jugendlichen eher zu einem hohen Schulabschluss als zu einer Ausbildung raten. Dabei ist die Ausbildung, so Kaiser, keine Einbahnstraße. „Der Meistertitel ist wie ein Bachelortitel, mit ihm hat man Zugang zur allgemeinen Hochschule.“ Außerdem würden viele Menschen mit abgeschlossener Ausbildung Akademiker finanziell in die Tasche stecken – und Akademiker oft keinen passenden Job finden.

Kaiser hofft, dass sich das Problem Azubimangel mit ein wenig Geduld erledigen wird. „Die Geburtenraten steigen wieder“, sagt er. „Wenn die Generation Praktikum Kinder bekommt, werden diese Eltern offener sein.“

Sich als attraktiver Arbeitgeber zu präsentieren kostet Zeit und Energie – aber es lohnt sich

Die Firma Weber ist ein Werkzeughandel in Aschaffenburg mit 26 Mitarbeitern. Bei der letzten Bewerberrunde haben sich dort 150 Jugendliche auf drei Ausbildungsstellen beworben. „Das war nicht immer so“, sagt Geschäftsführerin Vanessa Weber. Früher sei ihr Führungsstil patriarchalischer, der Ton rauer gewesen. Vor einigen Jahren ist der jungen Unternehmerin, die die Firma ihres Vaters bereits mit 22 Jahren übernommen hat, sogar mal ein Azubi davon gelaufen.

„Das hat sich in der Region schnell herumgesprochen, wir haben kaum noch Bewerbungen bekommen.“ Im Nachhinein sei sie über diesen Warnschuss froh. Denn sie begann, umzudenken.

Weber tut viel, um ihre Firma als attraktiven Ausbildungsbetrieb zu präsentieren: Mehrmals im Jahr hält sie Vorträge an Schulen. „So lernen die Jugendlichen mich kennen und sehen, dass ich eine nette Chefin bin“, erklärt sie.

Wer ein Praktikum bei der Firma Weber machen möchte, der hat in allen Ferien Gelegenheit dazu. Außerdem bietet Weber Betriebsbesichtigungen für Berufs- und Wirtschaftsschulen an und gibt dort Workshops zum Thema E-Commerce.


Vanessa Weber
Vanessa Weber (Foto: Weber)

Seit einigen Jahren macht Werkzeug Weber außerdem bei einer regionalen Werbekampagne mit. Dort werben Firmen aus der Region Aschaffenburg gemeinsam um Nachwuchskräfte. Auch die sozialen Medien nutzt Weber als Werbefläche. Allerdings nicht Facebook. „Da erreicht man wirklich niemanden mehr, vielleicht noch die Eltern, die dann ihren Kindern den Post mit der Stellenbeschreibung weiterschicken.“ Stattdessen müsse man dort vertreten sein, wo junge Menschen sind. Das sei zum Beispiel Instagram.

„Natürlich ist das alles aufwendig, aber es ist eben ein langfristiges Invest“, sagt Weber. Vor etwa acht Jahren habe sie begonnen, sich die Zeit dafür bewusst freizuschaufeln. „Seit etwa fünf Jahren ernte ich die Früchte.“

Das Image der Ausbildung muss aufpoliert werden

Es ist ein Fakt, dass ein Hochschulstudium hierzulande mehr wert ist als eine Ausbildung. Zumindest in den Köpfen der Menschen. Denn in Wirklichkeit stimmt das natürlich überhaupt nicht: Bis Studenten ihren Bachelor oder gar Master in der Tasche haben, haben Schreiner, Zimmermänner oder Restaurantfachleute oft schon Jahre gearbeitet – und dementsprechend Geld in der Tasche. Während die einen ihr Bafög oder den Studentenkredit abstottern, bauen die anderen bereits ihr Eigenheim. Klar, bei manchen Studenten gleicht sich das schnell wieder aus, weil sie als Manager oder Ingenieur viel verdienen. Andere werden Taxifahrer und kommen nie an das Gehalt eines Schreiermeisters heran.

Damit das Image der dualen Ausbildung wieder ein besseres wird, sind wir alle gefragt: Die Gesellschaft, die Politik, Lehrer und Eltern. Denn letzendlich geht es doch vor allem um eins: dass Jugendliche den Beruf finden, der zu ihnen passt.

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