Das Schicksal der Kinder in Syrien bewegt Adnan Wahhoud (hinten links): Deshalb hat er neben den medizinischen Ambulanzen auch
Das Schicksal der Kinder in Syrien bewegt Adnan Wahhoud (hinten links): Deshalb hat er neben den medizinischen Ambulanzen auch ein Hilfsprojekt für jene gestartet, die durch den Bürgerkrieg zu Waisen wurden. (Foto: privat /oh)
Evi Eck-Gedler

Doch, Angst habe er manchmal schon, gesteht Adnan Wahhoud. Vor allem um die Menschen in Syrien, die in den von ihm gegründeten Ambulanzen arbeiten. Aus Sorge um sie und die bis zu 50 Patienten, die täglich diese sogenannten Medical Points aufsuchen, hat sich Wahhoud zu Beginn der Woche angesichts der erneuten Bombardierung von Aleppo zu einer außergewöhnlichen Entscheidung durchgerungen: „Ich habe den Menschen dort gesagt, geht nach Hause, passt auf euch auf.“ Der Medical Point Lindau in Khan Assal wurde geschlossen.

Man sieht es dem aus Damaskus stammenden Lindauer Adnan Wahhoud an, wie sehr ihn dieser Beschluss schmerzt. Doch seit der Bürgerkrieg am vergangenen Wochenende in der nordsyrischen Stadt Aleppo neu entbrannt ist, seit sieben Krankenhäuser und eine medizinische Ambulanz binnen vier Tagen im Westen Aleppos und der benachbarten Region Idlib zerbombt wurden, ist der Deutsch-Syrer angespannt: Der Ort Khan Assal liegt nur wenige Kilometer von der südwestlichen Stadtgrenze Aleppos entfernt. „In Sichtweite, wie Lindau und Bregenz.“

Die mittlerweile sechs Medical Points, die Wahhoud bisher im Nordwesten Syriens aufgebaut hat, bezeichnet er schon mal lächelnd als „meine Kinder“. Als der arabische Frühling im Frühsommer 2011 in seinem Geburtsland Syrien in einen Bürgerkrieg umgeschlagen war, da hatte der Lindauer Entwicklungsingenieur nur einen Wunsch gehabt: „Ich muss dort helfen.“ Immerhin lebten zu der Zeit noch fünf seiner Geschwister mit ihren Familien im Raum Damaskus.

„Ich habe nach den Armen geschaut, die von den großen Organisationen nicht erfasst werden“, blickt der heute 65-Jährige zurück. Wenn er mit den Menschen redete, ob Einheimische oder Flüchtlinge, dann hörte er immer wieder: „Wir brauchen medizinische Hilfe.“ Im Herbst 2012 war Wahhoud mit seiner Frau und einer Lindauer Ärztin in ein Flüchtlingslager an der syrischen Grenze zur Türkei gefahren: Neben den Zelten hatten sie eine kleine Ambulanz eingerichtet.

In jedem Medical Point gibt es einen Arzt und einen Apotheker

Fließend Wasser gab es dort, den Strom für den Medikamentenkühlschrank lieferte ein Aggregat. Eine Woche lang habe er mit seiner Frau dort gearbeitet. „Es war ein gutes Gefühl, wir konnten helfen.“ Und doch beschäftigte damals eine Frage den Lindauer: „Wie können wir so etwas dauerhaft machen?“

Wahhouds Kontakte zu Syrern in der Region dort zeigten recht schnell: „Ein Gebäude zu finden, ist kein Problem.“ Teilweise gebe es sogar leerstehende frühere medizinische Stützpunkte. Wichtig ist Wahhoud, dass in jeder seiner Ambulanzen unter der Woche täglich einige Stunden lang ein Arzt anwesend ist. Auch ein Apotheker und Krankenschwestern und -pfleger gehören zum jeweiligen Team. Alle sind syrische Fachkräfte.

1100 bis 1200 Euro kosten alle Gehälter zusammen monatlich für eine Ambulanz. Das mag für deutsche Verhältnisse wenig Geld sein. Wahhoud relativiert das: Zum einen sei das alltägliche Leben in Syrien billiger. „Und die Beschäftigten dort sind froh, dass sie ein regelmäßiges Einkommen haben“, das ihnen jeden Monat zuverlässig ausbezahlt werde. Alle zwei Monate übergibt ihnen Wahhoud ihr Gehalt persönlich, nutzt das auch zu Gesprächen über die aktuelle Situation. In der Zeit dazwischen zahlt ein Vertrauter von ihm das Geld aus. So ist Wahhoud auch sehr froh über die 6000 Euro, die ihm der Lindauer Lions-Club gespendet hat: Damit kann er ein Jahr lang einen der Ärzte bezahlen. Das Geld reicht noch bis zum Sommer nächsten Jahres.

Patienten werden umsonst behandelt

Dazu kommen jeden Monat pro Ambulanz gut 500 Euro für Medikamente, Impfstoffe und Verbandsmaterial – da diese Materialien in Syrien günstiger sind als in Deutschland, ist Wahhoud schon lange dazu übergegangen, mit den Lindauer Spenden direkt in seinem Geburtsland einzukaufen. Alle Patienten der Medical Points erhalten medizinische Behandlung und Medikamente übrigens umsonst.

Die Nachricht, dass seine Aktion in diesem Jahr einen Teil der Weihnachtsspenden der LZ-Leser erhalten wird, lässt Adnan Wahhoud strahlen: „Ich danke schon jetzt Ihren Lesern und Spendern.“ Jeder noch so kleine Betrag gebe den Menschen in Syrien die Chance, nicht flüchten zu müssen, sondern in ihrer Heimat bleiben zu können. Und seine sechs Medical Points – drei davon mit dem Namen Lindau im Titel – sollen auch dann Bestand haben, wenn keine Bomben mehr fallen und der unsägliche Bürgerkrieg endlich ein Ende habe.

Wer mehr Informationen zur Arbeit in den Ambulanzen in Nordsyrien möchte, der kann sich per E-Mail bei Adnan Wahhoud melden unter

wahhoud@aol.com

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