Auf der Bühne wird nichts geschönt

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 Mit viel Gefühl und schlichtem Bühnenbild werden die Lebensgeschichten von Nelson und Winnie Mandela im Stadttheater Lindau erz
Mit viel Gefühl und schlichtem Bühnenbild werden die Lebensgeschichten von Nelson und Winnie Mandela im Stadttheater Lindau erzählt
Sarah Lehle

An diesem Montagmorgen um neun Uhr hat es vor dem Stadttheater in Lindau nur so vor jungen Menschen gewimmelt. Grund hierfür war die Aufführung der Geschichte von Nelson Mandela und seiner Ehefrau Winnie Mandela in englischer Sprache. Da sich das Stück, das sowohl um neun wie auch um 11.30 Uhr aufgeführt wurde, insbesondere an junge Menschen beziehungsweise Schüler ab 15 Jahren richtete, war das laute Geplapper vor den Eingangstüren des Theaters schon von Weitem zu hören.

Die fünf Schauspieler um Regisseur Paul Stebbings von der TNT Theatre Britain & ADGE American Drama Group Europe erweckten die Lebensgeschichte Mandelas zum Leben und nahmen die Besucher mit auf eine Reise nach Südafrika der Jahre ab etwa 1930. Zunächst wurde der gut besuchte Saal in die einfachen Verhältnisse des jungen Mandelas entführt, um ihn anschließend auf seinem Weg als Jurastudent in der großen Stadt Johannesburg zu begleiten. Eindrücklich wurde bereits zu Beginn des Stücks auf die politischen Missverhältnisse und die Rassengrenzen Südafrikas eingegangen und sehr sensibel auch die Seite der „bösen Weißen“ beleuchtet.

Mandela selbst war Zeit seines Lebens der Auffassung, Südafrika gehöre allen gleichermaßen, ob schwarz oder weiß. Leider sah die Realität zur Zeit der Apartheid in diesem Land anders aus und schwarze Menschen gehörten der zweiten Klasse an. Das wollte Mandela nicht länger hinnehmen und unterstützte den Widerstand gegen diese Ungerechtigkeit. Dies bezahlte er mit seiner Freiheit. Zwar wurde er zunächst vor Gericht freigesprochen, doch musste er im Untergrund leben, war er doch erneut zur Verhaftung ausgeschrieben.

Die innere Zerrissenheit zwischen Liebe und Familie von Nelson wie auch seiner Frau Winnie war durch die hingebungsvolle Darstellung der Akteure deutlich zu spüren. Auf der einen Seite stand der Freiheitskämpfer, auf der anderen Seite der Familienvater, der um die Gefahr für seine Frau und seine Töchter wusste. Als sowohl Nelson wie auch Winnie schlussendlich verhaftet wurden, wurde auf der Bühne nichts geschönt. Die körperliche und seelische Gewalt, der die Verurteilten ausgesetzt waren, die Einsamkeit und die Trennung ihrer Liebe war für die Zuschauer sehr real dargestellt.

27 Jahre Haft von Nelson Mandela und sein Kampf gegen die Ungerechtigkeit im Gefängnis sowie die Einzelhaft und Verbannung von Winnie Mandela, ließ die Ehe der beiden sehr leiden. Zwar kämpften sie beide für das gleiche Ziel, die Abschaffung der Apartheid in Südafrika, doch ging Winnie hier deutlich rücksichtsloser und radikaler vor.

Die Darsteller schlüpften immer wieder gekonnt in verschiedene Rollen und sorgten somit für viel Abwechslung in dem rund 100-minütigen Stück. Das Bühnenbild war schlicht gehalten, was gut in die Gesamtkomposition des Bühnenwerks passte. Der Fokus war auf den einzelnen Darsteller gerichtet, von denen jeder eine großartige künstlerische Leistung auf die Bühne brachte. Ohne viel Schnickschnack, dafür mit sehr viel Ausdruck, erzählten fünf Schauspieler zwei sehr ereignisreiche Lebensgeschichten in Südafrika.

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