Attac gehen die Protestler aus

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Etwa 50 Demonstranten sowie einige Passanten haben die Reden der Abschlusskundgebung vor dem Alten Rathaus gehört.
Etwa 50 Demonstranten sowie einige Passanten haben die Reden der Abschlusskundgebung vor dem Alten Rathaus gehört. (Foto: dik)
Schwäbische Zeitung
Redaktionsleiter

Organisator Lothar Höfler hatte auf deutlich mehr Demonstranten gehofft, die am Donnerstagnachmittag gegen allzu freizügige Wirtschaft protestieren sollten. Letztlich zogen knapp 50 Frauen und Männer über die Insel im Protest gegen viele der Nobelpreisträger der Wirtschaftswissenschaften. Diese sollte es gar nicht geben, wenn es nach Attac geht. Die Lindauer Tagung nicht, und die hochrangige Auszeichnung auch nicht.

Begleitet von Sambarhythmen, hervorgerufen durch eine Musikgruppe, in der Lindauer und Vorarlberger aktiv sind, zogen die Demonstranten gut eine Stunde lang durch den Hafen und die Altstadt. Wie immer in den vergangenen Jahren verliefen Demonstrationszug und Kundgebung auch heuer absolut friedlich, wie Lindaus Polizeichefin Sabine Göttler bestätigte. Das mag auch daran liegen, dass das Durchschnittsalter der Demonstranten in Lindau deutlich über dem liegt, das in sogenannten Schwarzen Blöcken normal ist.

Höfler und seine Mitstreiter hatten Banner und Plakate vorbereitet, so dass kaum jemand mit leeren Händen im Protestzug unterwegs war. Die Botschaften waren eindeutig: „Neoliberale Wirtschaftswissenschaft: Teil des Problems, nicht der Lösung.“ Das passt zum Motto des Attac-Aktionstages: „Wo neoliberale Wirtschaftswissenschaft versagt, ist die Zivilgesellschaft gefragt“.

Bei einem Pressegespräch hatten Attac-Vertreter bereits vor der Demo ihre Gründe für den Protest genannt. Wirtschaftspublizist Christian Felber aus Wien war dabei sehr grundsätzlich geworden: Denn seiner Meinung nach dürfe niemand von einem Wirtschafts-Nobelpreis sprechen. Denn Alfred Nobel habe diesen Preis nicht gestiftet, und seine Erben hätten sich dagegen verwahrt, diesen als Nobelpreis anzuerkennen. Tatsächlich hat die Schwedische Reichsbank ihn aus Anlass ihres 300. Jubiläums „in Gedenken an Alfred Nobel“ gestiftet.

Felber nannte dies eine „Leichenschändung“, denn Alfred Nobel habe mit Ausnahme von Literatur und Frieden seinen Preis nur Naturwissenschaftlern zuerkannt. Davon seien die Wirtschaftswissenschaften aber weit entfernt, auch wenn manch ein Ökonom so tue, als habe er es mit quasi unveränderlichen naturwissenschaftlichen Gesetzen zu tun. Dem widerspricht Felber aber heftig, denn schon Märkte seien nicht gesetzt, sondern gestaltet, auch wenn viele so täten, als wäre es anders; „Märkte funktionieren nicht nach festen Regeln“ – jedenfalls nicht nach solchen, die sich nicht verändern ließen.

Geld und Handel sind laut Attac zum Selbstzweck geworden

Felber warf den meisten Wirtschaftswissenschaftlern vor, sie würden verschweigen und hätten zum Teil sogar vergessen, dass sie Sozialwissenschaftler sind und als solche immer auf einem ideologischen Fundament stehen. Das sieht er als wichtigsten Grund dafür, dass Handel und Geld keine dienende Funktion für den Menschen mehr hätten, sondern Selbstzweck geworden seien.

So fordern die Attac-Aktivisten, dass sich die Wirtschaft den Grundsätzen von Menschenrecht, Erhalt der Umwelt, Abbau von Ungerechtigkeit und dem Ziel des sozialen Zusammenhalts der Menschheit unterordnen muss. Felber will eine Weltwirtschaft, in der nur solche Firmen frei handeln dürfen, die diese Ziele verfolgen. Da der Preis alles regelt, sollten alle anderen entsprechende Zölle zahlen müssen, bevor sie überhaupt Produkte verkaufen dürfen.

Solche Gedanken seien den in Lindau versammelten Wirtschafts-Preisträgern aber zumeist sehr fern. Sie hätten sich vielmehr der Geldpolitik und anderen rein mechanischen Konstrukten verschrieben und seien deshalb gar keine Ökonomen im Sinne der griechischen Wortbedeutung: Oikos sei das Haus, und Nomos umfasse moralische Grundsätze oder Regeln. Dass ihr Fachgebiet etwas mit Ethik zu tun habe, davon wollten leider die meisten Wirtschaftwissenschaftler heutzutage gar nichts mehr wissen, bedauert Felber.

Das sieht Professor Max Otte ähnlich, der bei der Kundgebung vor dem Alten Rathaus spricht. Die herrschende Meinung seiner Kollegen an den wirtschaftswissenschaftlichen Fakultäten nennt er die „Religion des Hyperkapitalismus. Mit Wissenschaft hat das nichts zu tun. Es geht immer nur um Eigennutz.“ Dem müsse man etwas entgegensetzen. Umso mehr bedauert er die geringe Teilnehmerzahl: „Es sind wenige. Aber haltet durch.“

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