„Asklepios ist ein ganz schwieriger Arbeitgeber“

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„Asklepios ist ein ganz schwieriger Arbeitgeber“
Schwäbische Zeitung

Verhindern können die Mitarbeiter des Lindauer Krankenhauses die von Asklepios geplante Ausgliederung wohl nicht. Und sie müssen wohl damit leben, dass sie unter den Tarifen des öffentlichen Dienstes bezahlt werden. Ellen Paschke von Bundesvorstand der Gewerkschaft Verdi machte den Kollegen in Lindau wenig Mut. Ändern könnten sie das nur, wenn sich alle Mitarbeiter der Klinik gemeinsam gegen den Konzern wehren.

Von unserem Redakteur  Dirk Augustin

Paschke glaubt nicht an einen Verhandlungserfolg von Betriebsrat und Gewerkschaft. „Bei Asklepios wird das in Lindau nicht gelingen, weil das die Unternehmensstrategie ist“, berichtete die Gewerkschafterin bei einem Fachgespräch gestern im Alten Rathaus. „Asklepios macht das grundsätzlich überall so.“ Deshalb rate sie allen Landkreisen und Städten, die eine Klinik verkaufen wollen, auf keinen Fall mit diesem Konzern zu verhandeln. „Asklepios ist ein ganz schwieriger Arbeitgeber“, der seine Gewinne auf Kosten der Mitarbeiter erziele. Leider, so ergänzte Paschke, ließen viele Mitarbeiter sich das gefallen und glichen Personalkürzungen mit immer mehr Arbeit aus. Deshalb spürten Patienten oft kaum etwas von dem Druck, der in Krankenhäusern des Asklepioskonzerns herrsche.

Die Verdi-Frau ergänzte, dass die Mitarbeiter im Prinzip sogar selbst schuld seien an dieser Entwicklung. Denn sie hätten bisher kaum aufbegehrt gegen Privatisierungen, Ausgliederungen und Tarifkürzungen. Außerdem seien viel zu wenige Mitglieder in der Gewerkschaft, ergänzte Ludwig Debong, stellvertretende Vorsitzender der DGB-Region Allgäu. Deshalb sei die Schlagkraft der Beschäftigten zu gering. Das bestätigt Erika Harder, die in der Asklepiosklinik Gauting arbeitet und als stellvertretende Vorsitzende des Konzernbetriebsrat nicht nur gute Erfahrungen mit ihrem Arbeitgeber gemacht hat. Und in Lindau diene die Ausgliederung gezielt wohl auch dazu, den Betriebsrat teilweise zu entmachten, ergänzte Moderator Norbert Kolz. Das passe zu Erfahrungen, die Verdi bei der Asklepios-Service GmbH gemacht habe, wo der Konzern in Hamburg mit Druck auf Mitarbeiter die Bildung eines Betriebsrats verhindert habe, sagte Paschke. Ihren Frust fasste die Verdi-Frau mit drastischen Worten zusammen: „Asklepios ist noch schlimmer als Schlecker.“ „Die erzielen Gewinne ohne Ende“

Die drei anderen Klinikkonzerne seien zwar nicht so schlimm im Umgang mit den Mitarbeitern, berichtete Paschke, dennoch ist sie grundsätzlich gegen die Privatisierung von Krankenhäusern. Die seien Teil der öffentlichen Daseinsvorsorge und deshalb Aufgabe der Städte, Landkreise oder Bundesländer. Dass von 2000 Kliniken in Deutschland nur 600 in öffentlicher Hand sind, sei erschreckend. Dass sich in ein paar Jahren die Zahl halbieren werde, sei richtig übel. Schuld daran seien verfehlte Gesundheitsreformen und die Wirtschaftskrise. Die Kommunen hätten kein Geld für dringend notwendige Investitionen. Ganz im Gegensatz zu den Klinikkonzernen: „Die erzielen Gewinne ohne Ende.“ Und können deshalb laut Paschke Krankenhäuser kaufen.

Derzeit strebe die Gesundheitspolitik der schwarz-gelben Regierung nach Willen der FDP auf ein Schweizer Modell hin, behauptete Paschke vor 30 Zuhörern. Die Freidemokraten wollten den Leistungskatalog der gesetzlichen Kassen einfrieren, was Kassen bis heute nicht zahlen, müssten künftig die Patienten aus dem eigenen Geldbeutel aufbringen. In der Folge werde sich nicht mehr jeder eine gute medizinische Versorgung leisten können, weil wie in der Schweiz die Zusatzversicherungen für viele Menschen zu teuer werde.

Die Schweizer Gewerkschaftsvertreterin konnte wegen eines Trauerfalls an der Diskussion nicht teilnehmen. In Vorarlberg gebe es noch kaum private Krankenhäuser, und eine Diskussion um einen Systemwechsel der Gesundheitsversorgung auf die Kopfpauschale hin gebe es auch nicht, zumindest noch nicht, berichtete Thomas Steurer, Betriebsratsvorsitzender des Landeskrankenhauses in Bregenz. Doch auch in seiner Klinik leiden Mitarbeiter unter großem Druck. Dies vor allem deshalb, weil niedergelassene Ärzte sich auf einfache und lukrative Arbeiten beschränken und die Notfallversorgung und Nachtdienste den Ambulanzen der Krankenhäuser überließen. Allein im Januar und Februar habe das Landeskrankenhaus 23 500 Patienten durch die Ambulanz geschleust. Eine Abteilung sei in der vergangenen Woche derart überbelegt gewesen, dass 14 Patienten auf dem Gang übernachten mussten.

In Liechtenstein ist man von solchen Verhältnissen weit entfernt, wie Sigurd Langenbahn, Präsident des Liechtensteiner Arbeitnehmer-Verbands, berichtete. Es gibt nur ein Krankenhaus, in dem Belegärzte tätig sind. Derzeit baue ein niedergelassener Augenarzt die erste Privatklinik. Durch hohe Staatszuschüsse ist auch die Krankenversicherung für jedermann erschwinglich – noch, denn in Folge der Krise werde sich das wohl in Kürze ändern. Verhältnisse wie in Deutschland gebe es aber in den Altenheimen. Und dort sei der Druck so groß, dass sich kein Betriebsrat getraut habe, an der Diskussion in Lindau teilzunehmen.

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