Als Nachkriegs-Lindauer sich wenig einsichtig zeigten

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 Ruhe nach dem Sturm: die Lindauer Maximilianstraße im Sommer 1945.
Ruhe nach dem Sturm: die Lindauer Maximilianstraße im Sommer 1945. (Foto: ECPAD, Paris; Repro: Karl Schweizer)
Karl Schweizer

75 Jahre nach Ende des Zweiten Weltkriegs erinnert die Lindauer Zeitung an die Zeit damals. Im 18. Teil geht es darum, wie Schweizer damals auf das Nachkriegs-Lindau geblickt haben.

Mitte Juli 1945 wurden 60 Journalisten verschiedener Zeitungen und Nachrichtenbüros der Ostschweiz vom Internationalen Roten Kreuz und der Französischen Armee eingeladen, eine Informationsfahrt durch die französische Besatzungszone rund um den Bodensee zu unternehmen. Dazu gehörte auch ein Besuch in Lindau. Dort war unter anderem ein kurzer Empfang im Hauptquartier von General de Lattre de Tassigny in der Villa Wacker im Stadtteil Schachen vorgesehen.

Der Korrespondent der bürgerlichen „Schweizerischen Bodensee-Zeitung“ aus Romanshorn schrieb darüber beispielsweise in dessen Ausgabe vom 18. Juli 1945: „Der Weg von Bregenz nach Lindau weist alle Anzeichen vorgekommener Kriegshandlungen auf: Einschläge in Hausmauern, Markierungen von Blindgängern, massenhafte Motorfahrzeug-Kadaver zu beiden Seiten der Straße, zerstörte oder gesprengte Brücken. Im übrigen herrscht auf dieser Durchgangsstraße von Bayern ins Vorarlberg ein pausenloser militärischer Motorenwagenverkehr.“

Am Eichwald war es voll, wie der Journalist bemerkt: „Das schattige Lindauer Strandbad hat auch in Friedens-Stoßzeiten nie so viele Autos parken gesehen wie jetzt, wo die Badeerfrischung zum Monopol der Besatzungstruppe geworden ist.“ Dann ging es weiter zum Hauptquartier des Generals de Lattre: „Die Autobusse ließen zunächst Lindau links liegen und fuhren direkt zum Bad Schachen hinaus, das sich wohl auch nie träumen ließ, dass einmal statt der illustren Nazigrößen ein französisches Truppenkommando sich in ihm einlogieren werde.“

Weil der General sich infolge einer Konferenz mit dem französischen Hygieneminister in Konstanz verspätet, besichtigen die Journalisten Lindau: „Wie ausgestorben und tot jetzt dieser Verkehrsknotenpunkt daliegt. Die Bezeichnung ‚tot’ bezieht sich allerdings nur auf die Zivilbevölkerung, denn an Besatzungstruppen mangelt es in und um Lindau nicht. Es sollen an die 17 000 Mann untergebracht sein, und man spürt etwas davon, wenn man die sich zu ganzen Stößen antürmenden Wegweiseranschriften an Straßenkreuzungen sieht, die den Zugang zu irgendeinem Büro, einem Stab oder einen Armeefunktionär andeuten.“

Über Lindau selbst schreibt er nicht viel: „Im Bahnhof schleicht ein mit Rotkreuzabzeichen versehener Eisenbahnzug langsam zur Halle hinaus. Die Gärten und Parkanlagen sehen verwahrlost aus, die Häuser nicht minder. Abgesehen von einigen Kolonnen Gefangener, die unter Bewachung von Marokkanern oder Senegalesen zu irgend einer Arbeit unterwegs sind, begegnet man höchstens ein paar Hilfspolizisten mit einer Armbinde, einem Briefträger, der nichts zu tun hat, weil der Postverkehr unterbunden ist, ein paar Kindern und einigen in den Hotels angestellten jungen Mädchen.“

Die Journalisten haben sich auch mit Einheimischen unterhalten. Der Redakteur der sozialdemokratischen „Volksstimme“ aus St. Gallen skizzierte diese teils ernüchternden Begegnungen in der Ausgabe vom 14. Juli 1945 wie folgt: „Wenig erfreulich sind die wenigen Gespräche, die wir mit Deutschen führen konnten, ausgefallen. In der Altstadt von Lindau stießen wir auf einen Feuerwehrmann, der sich ohne ein Zeichen besserer Einsicht über die Evakuation der Stadt beklagte. Andere Deutsche in Lindau und Konstanz erklärten, sie hätten das Naziregime nie mitgemacht. Die Plakate über die Gräuel in den Konzentrationslagern seien Propaganda. Die Rationen, die ihnen die Franzosen gäben, seien ungenügend.“

Doch es gab auch andere Gesprächspartner: „Keine Klagen, sondern wichtige politische Anliegen trug uns Genosse Wilhelm Klemm (ehemals Lindauer SPD-Stadtrat und Gewerkschaftsvorsitzender) in Lindau vor, den einige unserer Kollegen auf der Straße angesprochen hatten und der ihnen bereitwillig Auskunft gab.“ Er habe von „den großen Schwierigkeiten“ berichtet, „welche die ‚Säuberung’ ihnen bereite. Gemeinsam mit anderen demokratischen Parteien haben die Sozialdemokraten Lindaus ein Säuberungskomitee gebildet, das die Nazis feststellen soll. Parallel dazu geht eine ähnlich Aktion der Besetzungsbehörden.“ Klemm habe auch von den Bemühungen der Sozialdemokraten berichtet, die in Lindau die Gewerkschaften neu gründen wollten. Dazu schreibt der Redakteur: „Wie schwer das ist, wurde uns klar, als uns ein französischer Soldat, während wir im Kreis um den Genossen Klemm herumstanden, höflich darauf aufmerksam machte, dass nicht mehr als fünf Personen zusammenstehen dürften.“

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