Als mit „James Cook“ in Lindau die Rock-Musik Fahrt aufnahm

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 Tony Nussbaumer (git. voc), Klaus Pilz (org.), Matthias „Massi“ Häringer (bass) und Reinhold „Fats“ Fries an den Drums in ihrem
Tony Nussbaumer (git. voc), Klaus Pilz (org.), Matthias „Massi“ Häringer (bass) und Reinhold „Fats“ Fries an den Drums in ihrem musikalischen Element Mitte Juni 1969 im Vaduzer „Cafe Wolf“. (Foto: Tony Nussbaumer)
Karl Schweizer

In der zweiten Hälfte der 1960er-Jahre wurden von England und den USA aus Beat, Soul und Blues zur neuen Popmusik gemischt und weiter entwickelt, der Rock-Music. Ende des Jahrzehnts verbreitete sich diese auch in Lindau. Ihre regionalen Pioniere waren die legendären Vorarlberger „Gamblers“, Lindaus Rock-Band Nummer Eins aber wurde damals „James Cook“. Der neue, u.a. an Jimi Hendrix, John Mayall und The Cream orientierte Sound, konnte nun durch elektronische Fuzz-Boxen, einen verstärkten Bass-Ton, mehr „ungedrückte“ elektrische Gitarrensaiten sowie hoch aufgedrehte Verstärker-Vorstufen generiert werden. Sozialkritische, meist englische Texte jenseits des üblichen Schlager-Trallalas, waren Teil dieses Gesamtkunstwerkes.

Im Jahr 1967 stieß Anton „Tony“ Nussbaumer zu einer sich gründenden Lindauer Band von 14-15-Jährigen und brachte die Rythm and Blues-Musik (R&B) in die bisher an den „Shadows“ orientierten Klänge. Tony Nussbaumer (Gitarre und Vocals), Matthias „Massi“ Häringer (Bass), Sänger Hans-Jürgen Loy (1948 – 2009) sowie der von Lindaus legendärer Beatband „The Ragged Men“ her stammende Reiner Braun an den Drums 1967 Lindaus erste Rockband „James Cook with his Children“. Die bereits prominenten Loy und Braun hatten zuvor zur ersten Lindauer Beatmusikgeneration gehört. Nussbaumer und Häringer bildeten fortan den „Nuklues einer sich personell und stilistisch ständig weiterentwickelnden Band“, so Tony Nussbaumer.

Alexis Korner, die „Yardbirds“, die frühen Rolling Stones, Eric Clapton und der „Britisch Blues“ brachten musikalisch und lyrisch ihr eigenes Lebensgefühl am besten zum Ausdruck. In Lindau wurde „Cook“ durch Mitglieder der vorherigen Beatgeneration, wie Richard Nguyen, Rainer Braun und Max Hörl gefördert.

Erste Konzerte konnten im Saal der Reutiner Gaststätte „Colosseum“ (heute Bodenseehotel) und im katholischen Gemeindesaal von St. Ludwig gespielt werden. Massi Häringer war noch Mitglied der dortigen Kirchenjugend. Tony Nussbaumers erste Gitarre war eine gebrauchte Jazzgitarre, kostete 200,- D-Mark und die durch den Kauf entstandenen Schulden mussten durch viel Ferienarbeit refinanziert werden. Lindaus Musikalien-Geschäfte waren damals „Donderer“ und „Sauer“ in der Grub sowie „Horber“ in der Ludwigstraße.

Gegen Ende 1967 hörten Reiner Braun und Hans-Jürgen Loy auf mitzuspielen. Zusammen mit Reinhold „Fats“ Fries, damals Lindaus Schlagzeuger Nr. 1, wurde nun das noch härter spielende Trio „James Cook“ gegründet. Hatte Jimi Hendrix bereits 1966 gefragt „Are you experienced?“, so wurde die nötige musikalische und organisatorische Erfahrung nun mit noch fleißigerem Proben und immer weiteren öffentlichen Konzerten gesammelt. Auf dem Trottoire vor der „Häringer-Villa“ in der damals beschaulichen Aeschacher Holdereggenstraße war ein geeigneter Platz, um den weithin ungewohnten Klängen zuzuhören. Wiederholt fanden umjubelte Auftritte im Saal des „Schlechterbräus“, in der Holdereggen-Villa (Musikschule) sowie in der rustikalen Lindauer „Sängerhalle“ (heute Inselhalle) statt. Das einmalige Freiluft-Konzert im Reutiner Strandbad Eichwald genoss nicht nur der junge Jockel Tschiersch unter den rund 300 begeisterten Fans.

Von einem Cousin eingeladen, fuhr Tony Nussbaumer am Ostersonntag 1968 zum Züricher Konzert der angesagten britischen „Jeff-Beck-Group“, damals noch mit Rod Steward als Sänger. Ein Reifen des ausgeliehenen NSU-Quickly-Mopeds platzte unterwegs, aber per Anhalter schaffte es Nussbaumer noch rechtzeitig zum auch ihn befeuernden Rockkonzert.

Die eigene Banderweiterung um Klaus Pilz an der elektrischen Farfisa-Orgel im Herbst 1968 änderte zwangsläufig vorübergehend auch etwas den Klang der Band. Der Radius der Konzertauftritte wurde nun durch Pilz bis in die Schweiz ausgedehnt. Mussten doch durch die Einnahmen des häufigen Spielens auch die durch die Anschaffung neuer Instrumente wie US-Gitarren, einen Gibson-Bass, einen Marshall-Verstärkern und ein Ludwig-Schlagzeug entstandenen erheblichen Schulden abbezahlt werden.

Nachdem Pilz Ende 1969 dauerhaft und Nussbaumer vorübergehend für ein lukratives Schweizer Bandprojekt ausgestiegen waren, bildeten Nussbaumer und Häringer ab 1970 zusammen mit dem Vorarlberger Drummer Hannes Schlachter ein neues, deutlich hard-rockigeres Trio, die „James Cook Formation“. Hannes Schlachter, das Motorrad fahrende Multitalent, vermittelte nun verstärkt Auftritte im Vorarlberger Rheintal bis hinein ins legendäre Liechtensteiner „Cafe Wolf“ sowie gemeinsame Festivalauftritte u.a. mit den Vorarlberger „Gamblers“. Dazu zählte auch der Auftritt von „James Cook“ beim sensationellen Vorarlberger „Woodstock“, dem FLINT-Festival vom Juli 1970 vor rund tausend Jugendlichen. Auftritte im westlichen Bodenseegebiet folgten.

Zur zwiespältigen Episode entwickelte sich die Einladung durch einen Züricher Rockerclub zu einem Open-Air-Konzert im Bodensee-Rheindelta bei Hoechst. Als Tony Nussbaumer nach Mitternacht das nahe Ende des Konzertes ankündigte, wurden er und die Band von einem der Musikbegeisterten mit gezogenem Messer zum Weiterspielen bis in den frühen Morgen gezwungen.

Nach dem Weggang von Hannes Schlachter 1972 zum Studium an der Münchner Graphikerschule nahm 1973 Barny Fischer (später bei „Mr. Condom“), Sohn des Lindauer „Rädle“-Wirtes, seinen Platz ein. Als „NHF“ (Nussbaumer, Häringer, Fischer) wurde weiter gerockt, inzwischen mit meist eigenem Songmaterial, bis 1974 auch „Massi“ in München sein Studium begann.

Nach Jahrzehnten war die Freude groß, als Tony Nussbaumer, Fats Fries und Massi Häringer im September 2017 als „James Cook Revival Band“ die Lindauer im damaligen „Nana“ überraschten, „vorbereitet“ durch die beiden Lindauer Konzerte von Nussbaumer und Häringer zusammen mit dem exzellenten Drummer Michael „Mahdi“ Milla vom Dezember 2014 im „Nana“ und Juli 2015 im „Zeughaus“. Derzeit arbeitet Tony Nussbaumer an einem musikalischen Soloprojekt.

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