Als Lindau Schmuggelstützpunkt für Nazi-Täter war

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 Autostau vor dem Grenzübergang Lindau-Zech/Unterhochsteg im Jahre 1956.
Autostau vor dem Grenzübergang Lindau-Zech/Unterhochsteg im Jahre 1956. (Foto: Brugger in der Sammlung Flock; Repro: Schweizer.)
Karl Schweizer

Zum 75. Mal jährt sich am 27. Januar, dass das Konzentrationslager Auschwitz von der Roten Armee der Sowjetunion befreit wurde. Die SS war damit dort nicht mehr Herrin über Tod oder Leben zehntausender Menschen. Kurze Zeit später fanden aber etliche SS-Schergen auch in Lindau Unterstützung zur Flucht vor juristischer Gerechtigkeit.

Der jüdische Architekt Simon Wiesenthal (1908 – 2005), Überlebender eines Leidensweges durch zwölf NS-Arbeits- und Konzentrationslager, zuletzt kurz vor der Vernichtung am 5. Mai 1945 von der US-Armee aus dem KZ Mauthausen bei Linz befreit, begann bereits im Sommer 1945 mit der Ermittlung von bisherigen NS-Tätern.

Netzwerke helfen den NS-Verbrechern bei der Flucht

Diese sollten mit Hilfe unter anderem von US-Geheimdiensten, wenigen neuen österreichischen Staatsanwälten und seit Sommer 1948 auch in Zusammenarbeit mit dem neuen israelischen Geheimdienst festgenommen und vor Gericht gestellt werden.

Dabei stieß Wiesenthal ab Ende 1946 immer häufiger auch auf Informationen über verschiedene heimliche lokale und regionale Netzwerke, welche untergetauchte NS-Verbrecher auf den „Rattenlinien“ in das Ausland südlich der Alpen und weiter zum Beispiel nach Spanien, Lateinamerika, Syrien und Ägypten lotsten.

Bereits in seinem Buch „Ich jagte Eichmann“ vom Jahre 1961 berichtete er kurz über derartige NS-Stützpunkte unter anderem in Lindau und Bregenz: „Ein wichtiger Knotenpunkt befand sich in Lindau. Ein ehemaliger Wehrmachtsoffizier war der Chef, seine Mitarbeiter waren Majore und Oberste. Die Sache war als Handelsorganisation aufgezogen, die ihre Ausläufer in Kairo und in Damaskus hatte“, schrieb er. „So fuhr ich eines Tages nach Bregenz, denn die Transporte des Knotenpunktes Lindau gingen über Bregenz.“

In seinem zweiten Buch „Doch die Mörder leben“ vom Jahre 1967, samt dessen teilweisen Vorabdruck im Wochenmagazin „Der Spiegel“, präzisierte Wiesenthal seine Skizze wie folgt. Dabei ging er längst von einer übergeordneten Geheimorganisation hierzu aus, der Organisation der ehemaligen SS-Angehörigen: Odessa. „In Lindau hatte Odessa eine ,Export-Import’-Gesellschaft gegründet, deren ‚Vertreter’ in Kairo und Damaskus saßen. Die Informationen, die ‚Hans’ mir gegeben hatte, wurden im darauffolgenden Jahr von einem österreichischen Polizeibeamten in Bregenz bestätigt; er nannte mir eine Menge illegaler Transporte, die aus dem nahegelegenen Lindau kamen.

Von Bregenz über die Schweizer Grenze in den Nahen Osten oder Südamerika

Der österreichische Beamte sagte, dass diese illegalen Transporte für die deutschen, österreichischen und Schweizer Polizeibeamten ebenso wenig ein Geheimnis seien wie für die französischen Besatzungsbehörden, die offenbar ein Auge zudrückten. ‚Haben Sie je von Haddad Said gehört?’ fragte er mich. ‚Ein Deutscher mit einem syrischen Pass; er organisiert viele Transporte, die von Lindau kommen und über Bregenz gehen.’

‚Wo hat er seinen Stützpunkt?’ ‚In München und Lindau. Von dort leitet Haddad Said die Gruppen durch Bregenz. Wir können sie nicht aufhalten. Sie haben gültige Grenzscheine. Von Bregenz aus gehen sie über die nur wenige Kilometer entfernte Schweizer Grenze. Von dort fliegen sie in den Nahen Osten oder nach Südamerika. Alle haben sie gültige Pässe, Visa und eine Menge Geld.’ Ich fragte: ‚Können Sie denn gar nichts wegen dieser Transporte unternehmen?’

‚Was können wir schon tun? Diese Leute kommen nur durch, und wir sind froh, dass sie aus unserem Land draußen sind. Ihre Papiere sind in Ordnung. Oft sind die Reisen in die Schweiz als Familienbesuche getarnt. Die Flüchtlinge werden von Frauen und Kindern begleitet – aber die sind in Wirklichkeit Einwohner von Lindau und spielen nur die Rolle von Angehörigen. Kein Mensch behelligt sie mit Fragen. Dieser Haddad Said hat seine Freunde in hohen Stellungen, die ihm sehr nützlich sind.’

Später – viel zu spät – fand ich heraus, dass ‚Haddad Said’ der Hauptsturmführer Franz Röstel war, einer der führenden Leute der Odessa. Er pendelt heute zwischen einer deutschen Siedlung in Uruguay und der Costa Brava in Spanien hin und her, wo viele frühere SS-Führer und Parteibonzen hübsche Ferienhäuser haben.

Priester bringen Flüchtlinge in Klöstern unter

Ebenso entdeckte ich, dass Odessa auch über eine sogenannte ‚Kloster-Route’ zwischen Österreich und Italien verfügte. Römisch-katholische Priester, zum Teil Franziskaner, halfen, die Flüchtlinge über eine Reihe ‚sicherer’ Klöster hinunterzubringen.“

Inzwischen wird die tatsächliche Existenz der Odessa als übergeordnete und europaweit organisierende NS-Fluchtorganisation von zahlreichen Historikern fundiert angezweifelt, ohne aber den NS-Schmuggel selbst samt seinen lokalen Anlaufstellen, wie beispielsweise jenen in Lindau und Bregenz, in Frage zu stellen.

Noch im Juli 1964 gelang es Simon Wiesenthal nach entsprechenden vertraulichen Hinweisen durch eine sowjetische Nachrichtenagentur, dass die österreichische Polizei in der Nähe des Semmering den früheren SS-Oberscharführer, Gestapofunktionär und Kriminalassistenten Kurt Wiese kurz vor seinem geplanten Flug nach Ägypten festnahm.

Wiese, angeklagt wegen zweihundertfachen Mordes, darunter 80 jüdischen Kindern, war kurz zuvor aus seinem Kölner Hausarrest geflohen. Eine Frau hatte ihn mit dem Auto an den Lindauer Grenzübergang Unterhochsteg gefahren. Nach erfolgreichem Grenzübertritt mit gefälschten Papieren als „Hubert Zimmermann“, war er, der frühere „Schlächter von Bialystok“, nach Österreich gelangt.

Dem aus dem bayerisch-schwäbischen Günzburg stammenden berüchtigten KZ-Arzt Josef Mengele, gefürchtet unter anderem für seine menschenverachtenden Experimente an Kindern und Jugendlichen im KZ Auschwitz, gelang hingegen als „Helmut Gregor“ 1948 über Innsbruck und den Brenner die Flucht. Er ertrank 1979 unbehelligt an der brasilianischen Atlantikküste.

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