Lindau während der Französischen Revolution: „Ehrenschänderin“ auf Marktplatz zur Schau gestellt

 Blick vom Haus „Baumgarten“ auf den Marktplatz der Reichsstadt Lindau, rechts das Haus Zum Cavazzen, in der Bildmitte das Haus
Blick vom Haus „Baumgarten“ auf den Marktplatz der Reichsstadt Lindau, rechts das Haus Zum Cavazzen, in der Bildmitte das Haus der Stadtwache Lindaus sowie links im Hintergrund die Stiftskirche „Zu unserer Lieben Frau“ samt dem Stifts-Klosterbezirk auf einem kolorierten Kupferstich von I. Antoni Gmeinder (Zeichner) und Andreas Pfauz (Kupferstecher) aus der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts. Original im Stadtmuseum Lindau, Repro: Schweizer. (Foto: Stadtmuseum)
Schwäbische Zeitung
Karl Schweizer

Die Französische Revolution ab 1789 brachte viele Änderungen in Mitteleuropa mit sich, alte Machtverhältnisse wurden teilweise verändert. In deren Folge verlor auch Lindau durch den „Reichsdeputationshauptschluss“ zu Regensburg 1802 seine Eigenschaft als langjährige Reichsstadt.

Die letzte Phase dieser „Reichsstadtherrlichkeit“ vor 225 Jahren war auch in der Inselstadt recht turbulent. Das revolutionäre Frankreich wehrte sich gegen die angreifenden alten europäischen Adelsmächte ab 1792 durchaus erfolgreich.

Auf die Nachricht hin, dass französische Soldaten bei Hüningen den Rhein überschritten hatten, flüchteten im Juni 1796 die neue adelige Äbtissin des Lindauer Frauenklosters, Anna Freiin von Ulm-Langenrhein, sowie die verbliebenen sechs Nonnen aus der Stadt.

Plünderten am 5. August kaiserlich-österreichische Soldaten das Lindauer Zeughaus, kamen tags darauf die ersten französischen Offiziere in die Stadt. Der anhaltende Kriegszustand bewirkte u.a. eine empfindliche Teuerung aller Lebensmittel.

Man ließ sehr wenige der Bauern in die Stadt herein und gab jedem eine Bedeckung mit und nach ihren Verrichtungen in der Stadt lieferte man sie wieder hinaus. Lindauer Chronik

Im September rebellieren Vorarlberger sowie Lindauer Bauern gegen ihre bisherigen Abgaben an den größten städtischen Grundbesitzer, das Heilig-Geist-Spital, sowie gegen die Belastungen durch die ewigen Kriegshandlungen innerhalb der Stadtmauern allgemein. Doch wurden sie vom kaiserlich-habsburgischen Kommandanten bald wieder gewaltsam aus der Stadt vertrieben und bestraft.

Einige Lindauer tragen französische Farben

Die Lindauer Chronik widmet diesem Aufbegehren später folgende rechtfertigenden Sätze: „Da auch die Bauern im Bregenzischen, in Dornbirn und die Wälder (Bauern des Bregenzer Waldes, K.S.), und auch die in unserer katholischen Landschaft und die Wasserburger unsere Stadt, ob man gleich ihnen nichts zu Leide getan und man an allem was vorgegangen war, keine Schuld hatte, vielmehr jederzeit die Drangsale lindern, stark mitempfinden musste, mit Raub und Brand drohten, so wurde von hiesiger Obrigkeit alle Vorsicht beobachtet.

Man ließ sehr wenige der Bauern in die Stadt herein und gab jedem eine Bedeckung mit und nach ihren Verrichtungen in der Stadt lieferte man sie wieder hinaus … Mehrere Tage hindurch wollten Wälder und Oberländer hereingelassen sein. Sie mussten aber ihre Gewehre im Blockhaus abgeben und es durften nur einige herein, denen man jedes Mal eine Bedeckung (Bewachung, K.S.) von Militär mitgab und ihnen eine Zeit bestimmte, in und nach welcher sie wieder hinausmussten.“

Um sich mit den Offizieren der bald danach wieder einrückenden französischen Armee verständigen zu können, bestimmte der Stadtmagistrat (heute der Stadtrat) eine Kommission von angesehenen Handelsleuten und Bürgern, welche der französischen Sprache kundig waren. Opportunistisch ließ sich ein Teil der Lindauer Bürgermänner nun Kokarden in den Farben Blau-Weiß-Rot der Französischen Republik für ihre Hüte anfertigen.

Soldatenmutter auf dem Marktplatz eine Stunde lang gefesselt zur Schau gestellt

Die Französische Revolution hatte auch in Lindau zur Folge, dass der alte Brauch verstärkt auflebte, Angehörige der städtischen Oberschicht, bzw. Menschen, welche sich auffallend stark in den Vordergrund zu drängeln versuchten, des Nachts heimlich mit handgeschriebenen und an den Haustüren oder Fensterläden befestigten Spottgedichten („Pasquillen“) zu kritisieren.

Bereits am Samstag, den 20. Oktober 1795, war eine Frau, eine Soldatenmutter aus der benachbarten Grafschaft Montfort, mit einer Schandtafel, worauf „Ehrenschänderin“ zu lesen war, auf dem öffentlichen Marktplatz Lindaus eine Stunde lang gefesselt zur Schau gestellt worden.

Sie hatte wiederholt über einige „höhere“ Bürgerstöchter kritische – jedoch damals völlig unstatthafte – Dinge geäußert und verbreitet. Zusätzlich wurden nun sonntags in der Stadt und auf dem Festland Predigten über das Laster der Verleumdung gehalten, obrigkeitliche Worte verlesen und jedermann vor ähnlicher „Versündigung“ gewarnt.

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