Als die Züge übers Wasser fuhren

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Die mit Eisenbahnwagons beladene Fähre beim Wendemanöver im Lindauer Hafen auf einer Postkarte mit dem Stempel von 1921.
(Foto: Repro: Sammlung Schweizer)
Karl Schweizer

Noch heute fahren Züge zum Lindauer Hauptbahnhof auf dem Bahndamm über das Wasser auf die Insel. Früher konnten einige von ihnen von dort aus sogar per Schiff weiter gen Süden fahren. Eine Ausstellung im Stadtarchiv Friedrichshafen informiert derzeit unter anderem mit Exponaten aus der Lindauer Sammlung Föger darüber.

Der erste Eisenbahntrajekt (lat. traiectus = Überfahrt) weltweit überhaupt wurde 1850 im Mutterland der Eisenbahn, in Britannien, in der Nähe der schottischen Hauptstadt Edinburgh über den Meeresarm „Firth of Forth“ eröffnet. Der erste in deutschen Landen wurde 1852 zwischen Homberg und Duisburg-Ruhrort in Betrieb genommen.

1869 folgten die ersten Bodensee-Trajektlinien von Friedrichshafen sowie von Lindau nach Romanshorn und zurück. Danach kamen die regulären Eisenbahntransportlinien per Schiff von Lindau nach Konstanz (1873–1899), zwischen Bregenz und Konstanz (1884–1917), Bregenz und Romanshorn (1884–1915) sowie zwischen Bregenz und Friedrichshafen (1884–1913), jeweils im Ganzjahresbetrieb.

Die bayerischen Staatseisenbahnen, denen seit 1862 auch die bayerischen Bodenseeschiffe gehörten, ließen für den Trajektverkehr auf der Lindauer Werft von der Schweizer Firma Escher Wyss aus Zürich zunächst drei Trajektkähne mit einer Länge von jeweils 40 Metern und einer Tragfähigkeit von je 250 Tonnen bauen. Das Lindauer Tagblatt berichtete darüber am 21. Februar 1869, dass „der „Trajektkahn Nr. 2 unter Kanonendonner und Beifallsrufen vieler Zuschauer glücklich vom Stapel“ gelassen worden war.

Beladen wurden die zweigleisigen Kähne mit den Eisenbahnwaggons in der Südwestecke des Lindauer Hafens durch eine bayerische Tenderlokomotive Gattung IV. Über die insgesamt rund 26 Meter lange bewegliche Trajektbrücke mit ihren zwei darauf montierten Bahngleisen wurden die Güterwaggons auf die je nach Wasserstand bis zu sieben Meter tiefer liegenden Kähne geschoben, bzw. von diesen heraufgezogen. Dabei wurde mit Hilfe von leeren Zwischenwaggons vermieden, dass die schwere Lokomotive selbst auf die Brücke oder den Trajektkahn rollen musste.

Im Sturm losgerissen

Unter günstigen Bedingungen dauerte dies rund 40 Minuten. Bei Sturm rissen sich beispielsweise am 6. Dezember 1895 zwei beladene badischen Trajektkähne von Konstanz kommend vom Schleppschiff los und strandeten am Lindauer Eisenbahndamm.

Zunächst wurden die Kähne an die Personenkursschiffe angebunden und von diesen in eineinhalb Stunden zum 23 Kilometer entfernten Zielhafen Romanshorn oder in die Gegenrichtung gezogen. Die Waggons waren meist mit Getreide, Obst, Holz oder Stückgut beladen. Im Startjahr 1869 konnten auf diese Weise 12 220, im Jahr 1871 bereits 21620 Güterwagen über den See transportiert werden. Wegen des steigenden Bedarfs wurde 1874 das für 483 000 Mark ebenfalls von Escher-Wyss erbaute Dampftrajektschiff II mit eine Länge von 73 Metern und einem Fassungsvermögen von bis zu 18 Wagen in Betrieb genommen. Allein auf der Strecke zwischen Romanshorn und Lindau wurden in den Jahren zwischen 1901 und 1913 insgesamt 631 232 Wagen trajektiert.

Nachdem NS-Deutschland sich im März 1938 Österreich einverleibt hatte, verfügte die Deutsche Reichsbahn auch über das dortige Eisenbahnnetz mit seinen Anschlüssen in die Schweiz und nach Italien. Sie beschloss deshalb zum 1. Mai 1939 die Einstellung aller Trajektlinien von Deutschland über den Bodensee. Die Lindauer Linie wurde wegen außerordentlichen Niedrigwassers bereits Ende 1938 eingestellt. Die Linie Romanshorn-Friedrichshafen wurde auf Betreiben der Schweizerischen Bundesbahnen SBB 1948 wieder in Betrieb genommen und erst 1976 als Eisenbahntrajekt eingestellt, um dann aber bis heute als reiner Auto- und Personen-Fährverkehr weiter betrieben zu werden. Der 2015 gegründete Lindauer Eisenbahn- und Schiffsverkehrsverein bemüht sich auch um das historische Erbe der ehemaligen Lindauer Trajektanstalt.

Lesetipp: Hans Schlieper: „Eisenbahntrajekte über Rhein und Bodensee“, Düsseldorf 2009.

Veranstaltungstipp: „Zug um Zug – Trajektfähren auf dem Bodensee“, Ausstellung des Stadtarchivs Friedrichshafen im Max-Grünbeck-Haus, Katharinenstraße 55, Telefon 07541 / 209150, bis 30. April.

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