Als die Schweiz Lindauer Schiffe rettete

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Die Dampfschiffe Lindau und München im rettenden Hafen von Arbon im Frühjahr 1945.
Die Dampfschiffe Lindau und München im rettenden Hafen von Arbon im Frühjahr 1945. (Foto: Repro: Schweizer)
Schwäbische Zeitung
Karl Schweizer

Zum Ende des Zweiten Weltkrieges 1945 in Lindau hat die LZ eine Serie zusammengestellt. Der dritte Teil berichtet von geretteten Schiffen und Hotels, die Verwundete aufnahmen.

Kurz vor Kriegsende – die französischen Truppen rückten von Westen her unaufhaltsam vorwärts und hatten bis zum 25. April bereits Singen und Radolfzell befreit – sah ein Plan der SS die Versenkung der verbliebenen Bodenseeschiffe in Bregenz und Lindau vor. Eine ähnliche Situation vorausahnend, hatte sich Ing. Alfred Otter von der Reichsbahndirektion Augsburg, welcher damals die Schiffe im östlichen Bodensee unterstanden, bereits im November 1944 streng geheim mit dem Züricher SBB-Bahndirektor Fritz Hess im Schweizer Grenzort Buchs getroffen. Nach stundenlangen Verhandlungen hatte Hess zugesagt, dass gemäß den Bestimmungen der Haager Seekriegskonvention die verbliebenen deutschen und österreichischen Bodenseeschiffe im Notfall in Schweizer Häfen unter Schutz gestellt werden könnten.

Auf diese Absprache zurückkommend, vereinbarte Otter am 24. April 1945 wiederum in Buchs mit Ingenieur Ludwig Toma, dem Schifffahrtsinspekteur der Schweizerischen Bundesbahnen aus Romanshorn, dass die zwölf im Lindauer und Bregenzer Hafen liegenden Reichsbahn-Schiffe nun umgehend in schweizerische Häfen verbracht werden dürfen. Dies geschah in Absprache mit dem politischen Departement in Bern, welches wiederum von den Botschaften der Alliierten hierfür das Einverständnis erhielt.

In der Nacht zum 26. April 1945 wurden diese zwölf Dampf- und Motorschiffe heimlich von vorarlbergischen und deutschen Matrosen unter Leitung des Lindauer Kapitäns i.R. Armin Fäßlin in die Schweizer Häfen Rorschach, Arbon und Romanshorn gebracht. Bis zur Seemitte fuhren sie vorsichtshalber mit abgeblendeten Lichtern, danach mit Positionslichtern und weißer Flagge. Die mutigen Besatzungen kehrten später mit Motorbooten wieder zurück. In Lindau verblieben nur die beiden Schwesternschiffe „Augsburg“ und „Kempten“, die Zwangsarbeitern der Reichsbahn als bewachte schwimmende Nachtlager dienten.

Die in der Schweiz erscheinende Widerstandszeitung der „Bewegung Freies Deutschland“ berichtete über den erfolgreichen Coup im Mai, wie damit die Schiffe „vor der Zerstörungswut der Nazi-Bonzen, die alles mit sich in den Untergang reißen wollen“ gerettet worden waren.

Wie Lindau Lazarettstadt wurde

Ähnlich wie in den Nachbarstädten Konstanz und Bregenz, versuchte im Frühjahr 1945 eine kleine Gruppe Lindauer, die Stadt vor einer militärisch sinnlosen letzten bewaffneten Verteidigung zu bewahren, die nur zu deren Zerstörung geführt hätte. Sie wollten für Lindau den Status einer unbewaffneten internationalen Lazarettstadt erreichen. Dafür wollten sie die Anerkennung durch das internationale Komitee vom Roten Kreuz in Genf. Auf Pläne des Schweizer Konsuls Bitz in Bregenz zurückgreifend, der ursprünglich das ganze östliche Bodenseeufer zur Schutzzone erklärt haben wollte, sollte Lindau als „offene“ (entmilitarisierte) Verwundetenstadt vor feindlichen Luftangriffen und anderen Beschießungen verschont bleiben.

In den Lindauer Inselhotels, dem Gasthaus „Idyll“, der Volksschule Reutin und in der Peronne- (Luitpold)-Kaserne wurden Lazarette eingerichtet. Schon im März konnten in der Stadt 530 derartige Betten gezählt werden. Ende April waren bis zu 4000 Verwundete im gesamten Stadtgebiet untergebracht.

Die Initiativgruppe zur Anerkennung Lindaus als „internationale offene Rot-Kreuz-Stadt“, eine Bezeichnung, die offiziell damals gar nicht existierte, bestand aus dem in Dornbirn gebürtigen Besitzer des Hotels „Lindauer Hof“, Jörg Rhomberg, aus dem Vorsitzenden des Roten Kreuzes in Lindau, Karl Bachmann und aus Rudi Fetzer auf Schloss Moos. Ministerialrat Fetzer war bis zum freiwilligen Ausscheiden 1942 als NS-Diplomat unter anderem mit der Beschaffung von Öllieferungen an die deutsche Kriegsmarine betraut gewesen. In diesem Zusammenhang hatte er die Schweizer Bestrebungen zur Erlangung einer eigenen kleinen Handelsflotte unterstützt und in jener Zeit auch Carl Burckhardt, den späteren Vorsitzenden des Internationalen Roten Kreuzes kennen gelernt.

Die Verbindung zum NSDAP-Kreisleiter Vogel hielt der als Arzt angesehene Stefan Euler. Euler war seit 1943 Kriegsbürgermeister der Stadt Lindau, zuvor langjähriger DNVP-Stadtrat sowie Bürgermeister-Stellvertreter und schon vor 1933 einer der bekanntesten örtlichen deutschvölkischen Antisemiten der Stadt. S-Landrat Kummer wurde in die Lazarettstadtpläne ebenfalls eingeweiht.

Den Kontakt zu Burckhardt und Bitz stellte nach einem Besuch durch Jörg Rhomberg und Fetzer der im April 1945 von Berlin nach Kißlegg ausgelagerte Schweizer Minister für auswärtige Schutzangelegenheiten, Feldscher, her. Die Information der heranrückenden französischen Truppen darüber sollte Burckhardt vom Internationalen Komitee vom Roten Kreuz in Genf übernehmen. Dies gelang gerade noch rechtzeitig.

Für die Lazarettstadt Lindau war nun diese zweite Voraussetzung für eine kampflose Übergabe der Stadt geschaffen, welche auf militärischer Seite zuvor bereits der letzte Lindauer Kampfkommandant, Major Hermann, zusammen mit jenem von Friedrichshafen vorbereitet hatte.

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