Als die Lindauer ihre Insel räumen mussten

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Karl Schweizer

75 Jahre nach Ende des Zweiten Weltkriegs erinnert die Lindauer Zeitung an die Zeit damals. Im neunten Teil geht es um den Tag, als alle Lindauer die Insel räumen mussten.

Der 23. Mai 1945 brachte, ähnlich wie bereits zuvor am 17. Mai auf der Insel Reichenau sowie in Hege bei Wasserburg, einen drastischen Tiefpunkt des neuen deutsch-französischen Zusammenlebens. Zum Hintergrund des denkwürdigen Tages gehörte, dass in Hege am Pfingstsonntag (20. Mai) das Anwesen Fries niedergebrannt war. In ihm hatte die französische Armee eine Vulkanisierungsanlage des Service Social untergebracht. Bis heute ist nicht eindeutig geklärt, ob Deutsche oder Franzosen die Flammen entfacht hatten. Der bisherige dortige Bürgermeister hatte zudem einen französischen Offizier beleidigt. An der Villa Wacker, dem Wohnsitz von General Lattre de Tassigny in Lindaus Stadtteil Schachen soll es außerdem zu Schüssen auf ein französisches Offiziersauto gekommen sein. Auch die französische Armee kannte damals den Aufruf von SS-Reichsführer Himmler vom Herbst 1944 zu sogenannten Wehrwolf-Sabotageaktionen hinter der Front.

Von 17 Uhr des 23. Mai 1945 bis 8 Uhr morgens am 25. Mai 1945 hatten rund 8000 der 10 000 Bewohnerinnen und Bewohner des Lindauer Stadtzentrums Insel sowie des Stadtgebietes südlich etwa einer Linie Rotmoosstraße – Kemptener Straße – Oberrengersweiler Weg und Spitalmühlweg auf Anordnung der französischen Militärverwaltung ihre Wohnungen zu verlassen und eine Unterkunft bei Verwandten und Bekannten im Umland der Insel zu suchen. Rund 2000 Menschen durften in den meist verlassenen Häusern zurückbleiben. Die Wohnungstüren durften allerdings nicht verschlossen werden. Die offizielle französische Begründung hierzu lautete, dass dies die Reaktion auf einen Attentatsversuch gegen höhere französische Offiziere gewesen sei.

Trotz eines Verbots kam es in etlichen Wohnungen zu Plünderungen, teils verursacht von bisherigen Zwangsarbeitern, welche nach ihrer Befreiung ohne Hab und Gut dastanden, aber auch durch Teile der französischen Besatzungstruppen. Letztere wurden dafür bei Bekanntwerden meist empfindlich bestraft.

Bürgermeister und Landrat Dr. Franz Eberth veröffentlichte dazu am 23. Mai einen Aufruf an die Bürgerinnen und Bürger von Stadt und Landkreis Lindau. Darin hieß es u.a.:

„Teil unbesonnenem, teils verbrecherischem Verhalten verantwortungsloser Elemente ist es zuzuschreiben, dass der Herr Befehlshaber der Ersten französischen Armee sich veranlasst gesehen hat, für den 23. Mai die Räumung fast des gesamten Gebietes der Stadt und seiner Nachbargemeinde anzuordnen. Nachdem alles aufatmete, dass der wahnsinnige Krieg sein Ende gefunden und die Zeit der Unterdrückung und Entrechtung aufgehört hatte, und wohl alle bereit waren, sich den neuen Verhältnissen anzupassen und ihre Pflicht gegenüber dem eigenen Volk sowohl als wie auch gegenüber der Besatzungsmacht zu erfüllen, kam unsägliches Leid über unsere Stadt (…)

Frauen und Männer! Wir haben den Krieg verloren (…) Ein Verbrecher am eigenen Volk ist, wer sich heute noch nicht frei gemacht hat von der Verhetzung, die der unheilvolle Nationalsozialismus jahrelang getrieben hat, von den falschen Idealen, die nationalsozialistische Kitsch- und Schundphilosophie gepredigt haben.“

Nach Protesten aus französisch-marokkanischen Soldatenreihen sowie aus der Schweiz und von der US-Militärverwaltung in Bayern erreichte eine kleine Lindauer Delegation das Ende dieser Maßnahme zum 25. Mai. Nachdem sich Bürgermeister und Landrat Dr. Franz Eberth, der evangelische Stadtpfarrer Karl Schneidt und Monsignore Ludwig Kerler als Bürgen zur Verfügung gestellt hatten, konnten die rund 8000 Lindauerinnen und Lindauer wieder in ihre Wohnungen zurückkehren.

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