Allen Unkenrufen zum Trotz

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 Foto: Alina Rusu führt die fast 500-jährige Apothekertradition der Hirschapotheke auf der Insel fort.
(Foto: isa)
Isabel Kubeth de Placido

Rettung in letzter Sekunde! Beinahe wäre es mit der fast 500 jährigen Tradition der altehrwürdigen Hirsch-Apotheke auf der Insel zu Ende gewesen. Dann hat sich aber mit Alina Rusu doch noch eine junge Apothekerin gefunden, die sich dank ihrer positiven Grundhaltung traut, was viele sich nicht trauen würden.

Seit dem 1. Oktober hat die Hirsch-Apotheke in der Cramergasse ein neues Gesicht. Die 36-jährige Alina Rusu hat den langjährigen Apotheker Anton Zumstein abgelöst, der in den wohlverdienten Ruhestand gegangen ist, nachdem er einige Jahrzehnte lang die Geschicke der Hirschapotheke geleitet hat.

Monatelang hatten er und Irmgard Lindner, die Apothekerwitwe und Eigentümerin des Gebäudes, einen Nachfolger gesucht und auf diversen Plattformen inseriert. Allerdings vergebens.

Noch im August nahmen alle Beteiligten an, dass die Apotheke würde schließen müssen. Und das nach fast 500 Jahren Geschäftsbetrieb. Doch dann kam Alina Rusu. Die 36-jährige Rumänin war vor drei Jahren mit ihrem deutschen Mann und ihren beiden kleinen Kindern nach Lindau gekommen und arbeitete Vollzeit in einer Apotheke in Lindenberg. Allerdings war sie dort nicht so ganz glücklich über ihre Arbeitszeit. Durch Zufall bekam sie von der bevorstehenden Schließung der Hirsch-Apotheke Wind. „Ich hörte, dass diese Apotheke zumacht und ich dachte: Was? Eine so schöne Apotheke? Das kann doch nicht sein. Spontan bin ich dann hineingegangen und habe Anton Zumstein gefragt, ob ich sie nicht machen könnte“, erinnert sich die junge Frau und lacht. Denn natürlich konnte sie.

Doch anders als ihr Vorgänger hat sie die Apothekenräume im Erdgeschoss des zwei Gebäude umfassenden Apothekenhauses in der Cramergasse 17 nicht gepachtet, sondern gekauft. „Für mich bedeutet das Sicherheit, dass es weiter geht“, sagt Alina Rusu. „In Deutschland ist es so, dass nur ein Apotheker oder seine Witwe eine Apotheke besitzen und verpachten darf“, erzählt sie und erklärt, dass die Apothekerwitwe Lindner schon sehr alt sei. Stürbe sie eines Tages, wäre es keineswegs selbstverständlich, dass sie weitermachen dürfe. Und eben deswegen habe sie die Apotheke gekauft. Und auch deswegen, weil sie sowohl die Schönheit der Hirsch-Apotheke schätzt als auch deren Tradition, die sie bewahren und fortsetzen will. „Ich fühle mich geehrt, das hier machen zu dürfen“, betont sie.

Und das sagt sie, obwohl ihr von allen Seiten abgeraten worden war, sich eine eigene Apotheke, und dann noch auf der Insel, anzutun. „Die Leute sagten mir, es kommen schwere Zeiten auf dich zu“, erinnert sie sich.

Denn Argumente gegen eine Apotheke gibt es viele. Von der Existenz der Internet-Apotheken angefangen, bei denen die Medikamente preiswert bestellt werden können und dann direkt ins Haus geliefert werden, über die Einführung von elektronischen Rezepten bis hin zu fehlenden Parkplätzen in den nächsten Jahren und eben, dass die Hirsch-Apotheke eine kleine Apotheke ist, mit der nicht viel Geld verdient werden kann.

Aber ums Geld geht es Alina Rusu eh nicht. „Ich brauche nicht viel. Mir geht es darum, eine so schöne Apotheke zu erhalten und ihre Tradition zu wahren“, betont sie noch einmal und fügt hinzu: „Mit jeder Apotheke, die stirbt, wird den Internetapotheken Vorschub geleistet.“

Zudem ist sie überzeugt davon, dass stets die „Menschlichkeit“ gewinnt. Und meint damit, dass es noch genügend Menschen gibt, die lieber eine persönliche und gute Beratung in der Apotheke haben wollen, als ein paar Cent zu sparen. Zudem kann sie es sich gar nicht vorstellen, dass sich die Lindauer vom Parkplatzmangel abhalten lassen, auf ihre schöne Insel zu kommen. „Dann fahren sie eben mit dem Fahrrad, oder gehen zu Fuß“, meint sie und erzählt, dass sie ihr Auto täglich, nachdem sie ihre Kinder in den Kindergarten gebracht hat, auf dem Festland stehen lässt und zu Fuß auf die Insel läuft. „Das ist gar kein Problem und der Weg ist wunderschön.“

Und sollten die Unkenrufe tatsächlich wahr werden, so bleibt Alina Rusu auch dann noch positiv. Denn, so sagt sie, „dann habe ich es wenigstens versucht.“

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