„A bissl was geht immer!“

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Christian Springer als der „Mutmacher“ unter den Kabarettisten bei seinem Gastauftritt im Zeughaus.
Christian Springer als der „Mutmacher“ unter den Kabarettisten bei seinem Gastauftritt im Zeughaus. (Foto: Babette Caesar)
Babette Caesar

Christian Springer ist ein Tausendsassa, das einmal von der Leine gelassen kein Punkt und Komma kennt. Die Zuschauer im ausverkauften Zeughaus hingen dem Münchner Kabarettisten am Freitagabend zwei Stunden an den Lippen. Die bewegten sich so schnell von einer „Gschaftlhuberei“ zur nächsten, dass man leicht den Überblick verlieren konnte. Was aber kein Verlust ist, denn in seinem aktuellen Solo-Programm „Alle machen, keiner tut was“ befindet man sich in bester Gesellschaft.

Ihm springen die Schweißtropfen von der Stirn, die Hose muss immer wieder in Position gebracht werden. Nicht, dass Springers Figur aus der Form geraten wäre. Nein, die Jeans rutscht einfach nur. Oben herum trägt er karierte Weste, die seinen Gestiken Nachdruck verleiht. Denn er meint es ernst, auch wenn einige Geschichten „erlogen“ sind. Den „Fonsi“ mit Kassierer-Mütze und schwarzer Aktentasche, wie ihn viele in Erinnerung haben, hat er 2014 abgelegt. Das Palavern über Gott und die Welt, in der es von Ungerechtigkeiten nur so wimmelt, nicht. Zum Glück, denn sonst wäre er sich und seinem Gerechtigkeitssinn untreu geworden.

Bei Christian Springer geht ganz schön viel

Als das Headset endlich die passende Lautstärke erreicht hatte, legte er los mit seinen verbalen Abschüssen. Schweigen? Nein, das mag man jemandem wie Christian Springer wirklich nicht zumuten, wenn er über „dieses Gequatsche im Land“ vom Leder zieht. Er lebe vom Reden und von „Lügengeschichten“. Würden die doch gut in unsere Zeit passen. Siehe Stephan Mayer, Staatssekretär von „Heimatminister“ Horst Seehofer, der seine Anwesenheit im Bundestag vortäuschte, um sich ganze 100 Euro Sitzungsgeld nicht entgehen zu lassen. Oder, natürlich, das „Twitter-Monster aus den USA“, das Springer sofort zum Anlass nahm, um Deutschland rein zu waschen. Das Land, das nie Indianer ausgerottet hätte. In dem alles sauber und alles Bio sei und ohne Stahl. Zumindest hier im Süden. So entspannte sich ein World Wide Web schlagkräftiger Redekunst, die ihn in dauernder Alarmbereitschaft hielt. Kaum eine Minute stand er still, eilte von einer Bühnenhälfte in die andere, gestikulierte mit den Händen, je nachdem wie heiß er das Eisen schmiedete. Dann einmal kurz Luft schnappen für den nächsten Angriff.

Auf Markus Söder und sein Kreuz und den viel beschworenen Erhalt der so genannten Werte – gerade in diesen Zeiten, in denen ein zu hoher Blutdruck Todesursache Nummer eins in Deutschland ist. 220 000 Menschen würde es mehr geben, dem Seehofer mit einem „Wir brauchen mehr Herzinfarkte“ begegnen würde. Was sollen Flüchtlinge mit deutschen Werten anfangen, wenn sie keine Ahnung von Cholesterin haben. Wenig bis nichts. Springer gerät außer Rand und Band, sobald er bei Bundesgesundheitsminister Jens Spahn anlangt und seinem missratenen Besuch bei einer Hartz-IV-Empfängerin. Unter dem geht’s nicht, zum Beispiel Obdachlose. Da gebe es nicht mal eine Anschrift. Springers entblößender Streifzug durch den deutschen Blätterwald machte nicht vor Nahles, Dobrindt und Kauder halt, die die Zugspitze mit dem Watzmann verwechselten, wohl um näher an Gott zu sein. Oder künftig Formular ausfüllen und mit dem öffentlichen Bus ab in den Knast angesichts der niedrigen Rate verübter Straftaten.

„Ich habe noch so viele gute Ideen, was man in dem Land verbessern könnt“, gibt sich der „Mutmacher“ unter den Kabarettisten keine Sekunde geschlagen. „A bissl was geht immer!“, um auf seine 2012 gegründete Hilfsorganisation im Libanon zu kommen. Auf seine Wohnung in Beirut, wo er regelmäßig hinfährt, in eine weltoffene Stadt, die Deutschland für sein ewiges Wirtschaftswachstum bewundere. Wo doch in München nicht mal ein Reiseführer auf Arabisch zu haben sei. Am Ende dieses Intensiv-Programms stand Springers Hommage an die „Mimose“ im Kontrast zum „Radi“. Man muss sie nur oft genug fallen lassen und rechtzeitig auffangen, dann bleibt sie stehen. So viel zum Thema „machen“ und wirklich „was tun“.

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