18-Jährige steht wegen Falschaussage vor Gericht

Lesedauer: 5 Min

Am Ende ist das Verfahren gegen die 18-jährige Angeklagte wegen Falschaussage eingestellt worden.
(Foto: dpa)
Olaf Winkler

Am Ende hat Richter Paul Kind von einer „klassischen Lehrstunde“ gesprochen. Geradezu beispielhaft hatte eine Angeklagte während der Verhandlung am Lindauer Amtsgericht dargelegt, wie es nicht zu einer Aussage kommen darf: Während Zeugen die Wahrheit sagen und sich dabei auf das von ihnen Erlebte beschränken müssen, war die 18-Jährige bei einer Aussage im September einen anderen Weg gegangen.

Das Ergebnis widersprach den anderen Aussagen in der damaligen Verhandlung derart deutlich, dass die einstige Zeugin nun selbst als Angeklagte vor Gericht erscheinen musste.

Auslöser war eine Schlägerei bei der Lindenberger Musiknacht Ende Mai vergangenen Jahres. Über diese wurde im September verhandelt. Die 18-Jährige war damals Zeugin. Als Einzige sprach sie damals von einem Bierglas, das dem Opfer der Schlägerei auf den Kopf geschlagen worden sei. Andere Zeugen sprachen hingegen nur von einem Faustschlag. Der Einsatz eines Bierglases hätte aus der Tat eine schwere Körperverletzung gemacht – Die Unterscheidung war für die Verurteilung also von erheblicher Bedeutung.

Alkohol soll schuld sein

Die Staatsanwaltschaft klagte deshalb die 18-Jährige wegen uneidlicher Falschaussage an. Sie sei immer noch davon überzeugt, dass mit einem Bierglas geschlagen worden sei, sagte die Angeklagte in ihrer Verhandlung. Unstimmigkeiten zwischen ihrer Aussage kurz nach der Tat bei der Polizei und der Aussage vor Gericht erklärte sie mit ihrem Alkoholkonsum am Abend der Tat. Was dann folgte, ließ den Richter später von einer Lehrstunde sprechen.

Die 18-Jährige erklärte, dass sie aufgrund späterer Gespräche mit anderen Beteiligten zu dem Schluss gekommen sei, dass die Tat so abgelaufen sei, wie sie sie vor Gericht geschildert habe. Zudem sei ihre Erinnerung erst „nach und nach“ wiedergekommen, weshalb es Abweichungen zwischen den Aussagen bei der Polizei und bei Gericht gegeben habe. Dem hörten der Richter und die Staatsanwältin fast schon ungläubig zu. Hatte die 18-Jährige damit doch genau das getan, was Zeugen nicht tun sollten: Eindrücke anderer mit dem eigenen Erlebten zu vermischen. Dass die Angeklagte auch mehrfach davon sprach, dass andere Zeugen „bestochen“ worden seien, machte die Sache nicht besser.

„Ich fürchte, das wird sich nicht mehr klären lassen“, stellte Richter Kind fest. Dazu trug auch bei, dass die geladenen Zeugen allesamt nicht erschienen waren. Das führte zur Verhängung von Ordnungsgeldern in Höhe von jeweils 300 Euro. „Jeder sagt, worauf er Lust hat“, vermutete Kind als Ergebnis möglicher weiterer Vorladungen der Zeugen. Die Staatsanwältin machte keinen Hehl daraus, dass ihr die Situation nicht passt: „Hier meint jeder, etwas sagen zu können, ohne dass dies Konsequenzen hat.“ Den Antrag auf Einstellung des Verfahrens wegen geringer Schuld stellte sie dann aber doch. Dem stimmte der Richter zu, zog aber das Fazit: „Hier stinkt etwas gewaltig“. Die entstandene „Pseudowahrheit“ (Kind) wäre durchaus Anlass gewesen, die Angeklagte zu verurteilen. Denn es sei die Pflicht von Zeugen, das tatsächlich Erlebte vom Gehörten zu unterscheiden.

Ihr Kommentar wird nach einer kurzen Prüfung durch unsere Redaktion veröffentlicht.
Kommentare werden geladen
Mehr Themen