Über die Insel springen Narren

Lesedauer: 11 Min
Christian Flemming

Da hat das Wehklagen über das regnerische Wetter am Freitag offensichtlich geholfen, denn entgegen vieler Wetterprognosen hatte Petrus die Wasserhähne zugedreht, sodass rund 2500 Narren und viele Tausend Besucher des Lindauer Narrensprungs im Sonnenschein ihre Freude an Fasnacht ausleben konnten.

Petrus hat offensichtlich einen Narren an den Lindauern gefressen und nicht nur einen Clown gefrühstückt, so herrschte beste Laune bei allen Beteiligten. Das kam ansatzweise schon beim Zunftmeisterempfang zutage, wenngleich das doch eher eine ernste Angelegenheit ist, närrische Ansätze weitestgehend unter der Rubrik brav abzuheften sind. Davon bekamen aber die vielen Tausend nichts mit, die nach und nach am Sonntagmittag auf die Insel strömten, maskiert oder in Zivil, sich der Sonne erfreuten und wunderten, dass längst nicht alle Gasthäuser und Kneipen offen hatten. Dafür war aber am Hafen einiges aufgebaut, auch vor dem Alten Rathaus gab es ein paar Auffangstationen für Hungrige und Durstige.

Hat es sich herumgesprochen, dass Lindau vor allem bei diesem Wetter immer eine Reise wert ist? Man könnte es meinen, denn die Narren kamen selbst von der Ostalb, dem Remstal – nördlich der Schwäbischen Alb gelegen – und von Freiburg an den Südostzipfel des Bodensees. Stark vertreten auch der Alb-Donau-Kreis, die Ulmer Ecke, wo die Schwäbisch-Alemannische Fasnacht fröhliche Urstände feiert. So wie der gesamte oberschwäbische Raum ebenfalls. Sie alle hatten Hexen und Weible dabei, sogar Wetteraffen sprangen mit. Man fragt sich: Gibt es da oben keine Wetterfrösche?

Egal, Hauptsache, die haben alle viele Süßigkeiten dabei, werden sich die Kinder unter den Zuschauern gesagt haben und hatten sich deshalb vorsorglich mit großen Beuteln bewaffnet, um möglichst viel von alldem, was Zahnärzten aufgrund Kariesbehandlung viel Geld bringt, zu ergattern. Allerdings, viele Narren hatten auch die Erwachsenen im Blick und versorgten sie ebenfalls mit Süßem.

Angeführt von den Narreneltern Doreen und Udo Falge schlängelte sich der Festzug vom Hafen an den Menschenmassen vorbei über die Insel, den Marktplatz und die Maximilianstraße schließlich wieder zurück in den Blickwinkel des Leuchtturms, vorher aber stiegen die beiden aus und blieben vor dem Alten Rathaus, wo Zunftmeister Jochen Dreher mit dem ehemaligen Jungkoch Ralph Hörger denjenigen unter den Zuschauern, die keinen Ablaufplan hatten oder nicht lesen konnten oder wollten, unterhaltsam die Gruppen vorstellten, vor allem deren Rufe. Denn das mag der Narr nicht, wenn er beispielsweise „Hoppla“ in die Menge ruft, und dann kommt nur ein Helau zurück oder anderes Frevelhaftes. So gibt es vielleicht Konfetti, Stroh oder Stempel, aber kein Leckerli.

So trieben die Narren dieses Mal zwar viel Schabernack mit den Zuschauern, aber alles auf eine eher liebenswürdige Weise. Klar wie Kloßbrühe ist aber auch, dass des Narren Beuteschema jungen weiblichen Geschlechts ist, die einen oder anderen Gruppen hatten sich mit großen Netzen ausgerüstet oder, wie die Fetzenhexen aus Bösenreutin, gleich einen Wagen zur Spezialbehandlung dabei. Die Weißensberger Monster ihrerseits schossen die Mädchen durch eine Christbaumverpackungsanlage durch, so dass die sich völlig eingenetzt plötzlich wieder auf der Straße stehend wiederfanden. Die erfolgreichsten unter den Mädchenjägern aber waren offensichtlich die Lindauer Binsengeister, deren großes Netz kaum ausreichte, um all die Teenies zu umgarnen.

Nach dem Umzug ging das bunte Treiben am Seehafen weiter, denn Petrus hatte keine Lust, sich wieder zum Wasserhahn zu schleppen, denn wie gesagt, er hat an den Lindauern einen Narren gefressen. Oder wollte nicht mehr in der Sonntagsruhe gestört werden.

Ihr Kommentar wird nach einer kurzen Prüfung durch unsere Redaktion veröffentlicht.
Kommentare werden geladen
Mehr Themen