Über deutsche Scheuklappen

Lesedauer: 7 Min
Kutlu Yurtseven berichtet im Club Vaudeville über die Erfahrungen, die Angehörige von NSU-Opfern erleiden mussten und müssen.
Kutlu Yurtseven berichtet im Club Vaudeville über die Erfahrungen, die Angehörige von NSU-Opfern erleiden mussten und müssen. (Foto: Christian Flemming)
Christian Flemming

Wie die Ermittlungen und falschen Verdächtigungen im Rahmen der NSU-Mord- und Anschlagsserie noch heute tiefe Wunden bei den Betroffenen hinterlassen, hat Kutlu Yurtseven im Club Vaudeville erzählt. Dabei ging er auch auf die vielen offenen Fragen ein, die auch nach dem Urteil im NSU-Prozess zurückbleiben, auf den strukturellen Rassismus, dem die Menschen ausgesetzt waren und immer noch sind.

Kutlu Yurtseven stammt aus Köln, hatte über dem Friseurgeschäft sein Büro und Studio, vor dem im Juni 2004 eine ferngezündete Nagelbombe gezündet wurde, die 22 Menschen verletzte und mehrere Ladenlokale verwüstete. Während des Anschlags, der nach seinen Worten nur durch glückliche Umstände – ein Kleinlastwagen, der unmittelbar vor der Explosion in der Nähe abgestellt wurde, fing einen Großteil der Nägel auf – keine Todesopfer gefordert hatte, war er selbst nicht in der Keubstraße.

Aber als mittelbar Betroffener bekam er mit, mit welcher Voreingenommenheit damals ermittelt wurde, und wie Hinweise der Betroffenen, es handele sich um eine ausländerfeindliche Aktion, schlichtweg ignoriert wurden oder sogar mit Drohungen unterdrückt wurden. So hätten zivile Ermittlungsbeamte von Menschen, die in der Keubstraße arbeiteteten oder wohnten, verlangt, mindestens drei Namen verdächtiger Anwohner aufzuschreiben. Ansonsten würde das Finanzamt mit Schätzungen in horrender Höhe auf sie zukommen. Eine Ankündigung, die nach Worten Yurtsevens auch umgehend umgesetzt worden war.

Allein die Tatsache der grundlegenden Verdächtigungen gegenüber Angehöriger oder Nahestehender hätte die Leute zum Schweigen gebracht, erzählte der Musiker und Sozialpädagoge, was von den ermittelnden Behörden als „Mauer des Schweigens“ bezeichnet wurde und ihre Theorien von Drogen-, Menschenhandel, illegalem Spiel und Prostitution scheinbar bestätigten.

Yurtseven ist Mitbegründer des Tribunals „NSU-Komplex auflösen“, das eine lange Liste von Ermittlern und Politikern anklagt, durch Nichtstun, Abwiegelung, Vertuschung oder Verharmlosung rechtsradikaler Gewalt die Taten des NSU, des nationalsozialistischen Untergrundes, begünstigt und indirekt gefördert zu haben.

Das belegt der Kölner in seinem Vortrag mit mehreren Beispielen. Eines sei hier genannt: Als Scotland Yard sich mit den Hamburger Ermittlern in Verbindung setzte, hätten die Briten die Anschläge in Deutschland durchaus rechtsradikal und rassistisch eingestuft, denn in Großbritannien hatte es zu dieser Zeit ebenfalls einen Anschlag mit Nagelbomben gegeben, die laut den britischen Ermittlern denen in Deutschland sehr ähnelten. Was in Hamburg als unerheblich abgetan worden sei, schließlich war man sich sicher, dass die Morde und Anschläge hierzulande keinesfalls aus der rechten Ecke kämen.

Kutlu Yurtseven berichtete weiter von all den verwunderlichen Dingen, die während des Prozesses selbst geschahen, wie Akten verschwanden, Zeugen sich plötzlich an nichts mehr erinnern konnten oder wollten. Kurzum, die von der Kanzlerin versprochene umfassende und vollständige Aufklärung fand nie statt, der Münchner Prozess wurde als Strafprozess eingestuft, also alle möglichen politischen Hintergründe und – vor allem Verstrickungen der diversen Verfassungsschützer und ihrer V-Leute – herausgehalten.

Yurtseven, der von seiner Mutter, wie so viele andere ehemalige Ausländer von ihren Eltern auch, gelernt hatte, dass die Polizei in Deutschland, wenn sie ermittle, das schon richtig mache (im Gegensatz zur Türkei beispielsweise), wurde bei dieser Geschichte wie viele in der Keubstraße, aber auch an all den Orten, wo der NSU gewütet hatte, in ihrem tiefen Vertrauen in den deutschen Staat zutiefst enttäuscht. „Und dass sich bis heute niemand, aber auch gar niemand, nicht mal der Bundespräsident auch nur ansatzweise entschuldigt hat, ist mit das Bitterste“, sagte Yurtseven.

Gemeint ist der damalige Bundespräsident Gauck, der wohl mal in die Keubstraße gekommen war zu einer Gedenkveranstaltung, auch in den Friseurladen gegangen war, sich dort informierte, wie mittlerweile die Geschäfte liefen und am Schluss meinte, wenn er das nächste Mal käme, sollte die Unterhaltung auf deutsch stattfinden. Dies, wie auch die Art der Verhöre und den Ermittlungen, führte Yurtseven als Beispiele des genannten institutionellen Rassismus an: „Die wenigsten dieser Beamten sind Rassisten, unterliegen aber den Strukturen, die eindeutig rassistisch sind.“

Was da fehle, sei schlicht und einfach Respekt. Diesen Respekt habe keiner der Betroffenen, der Hinterbliebenen und Angehörigen erfahren. Diesen Respekt aber hat Kutlu Yurtseven im Club Vaudeville von seinen Zuhörern in der anschließenden Diskussion erfahren, verdient hätte er aber weit mehr als die knapp 30 anwesenden Zuhörer.

Ihr Kommentar wird nach einer kurzen Prüfung durch unsere Redaktion veröffentlicht.
Kommentare werden geladen
Mehr Themen