Bei mittelalterlichen Zahnbehandlungen geht es wenig filigran zu.
Bei mittelalterlichen Zahnbehandlungen geht es wenig filigran zu. (Foto: Susi Donner)
Susi Donner

Was war das für ein entspanntes und schönes Museumsfest der besonderen Art, das der Museums- und Trachtenverein Hergensweiler am Wochenende feierte: Er hat mittelalterliche Gruppen eingeladen, ihr Lagerleben auf der Museumswiese zu zeigen und die Besucher auf eine Reise in die mittelalterliche Welt mitzunehmen, in der alles noch geruhsamer vonstatten ging.

Am Samstag schlugen die Mittelaltergruppen ihr Nachtlager auf der Museumswiese auf – das war spannend für die Besucher, die zwischen Kaffee und Kuchen und einer Stippvisite im Heimatmuseum den mittelalterlich gewandeten Burschen, Maiden und Kindelein Löcher in den Wanst fragen konnten.

Am Sonntag gab es für die ganze Familie ein großes mittelalterliches Kinderprogramm mit Stockbrotbacken am Lagerfeuer, Bogenschießen und tiefen Einblicken in das mittelalterliche Lagerleben. Dabei durften die Besucher den Handwerkern über die Schulter schauen, die ihre mittelalterlichen Handwerkskünste präsentierten.

Die Medicus-zu-Hewen-Gruppe wollten die Hergensweilerer am liebsten behalten, auch wenn der Medicus seine Blutegel auspackte und das Schröpfen demonstrierte. Denn Hergensweiler sucht doch schon so lange einen neuen Allgemeinmediziner, und da kommen die Steinschneider und Starstecher aus dem 13. Jahrhundert gerade recht. Auch wenn die Behandlungsmethoden sich doch zum Glück sehr geändert haben. Medicus Matthias erzählte seinem Publikum, was es mit dem medizinischen Berufszweig Starstecher auf sich hat: Mit einem Eisenspieß wurde seitlich die trübe Linse bei Grauem Star gestochen. „Wer im 13. Jahrhundert nichts sehen konnte, war dem Tod geweiht, weil er nicht mehr arbeiten konnte. Neun von zehn Patienten überlebten diese Operation und konnten danach zwar trüb, aber zumindest so viel sehen, dass sie sich ihr tägliches Brot wieder verdienen konnten“, sagte er.

Seine Erläuterungen zu den Steinschneidern, die Blasensteine mit groben Werkzeugen entfernten, wollte sich lieber niemand im Detail vorstellen. Da schaute man schon leichter zu, wie Matthias an Patrick zeigte, wie im 13. Jahrhundert Zähne gezogen worden sind.

Kreistänze und heiße Eisen

Zur gleichen Zeit ging es in der Schnitzerei von Rudolf Tanner nicht ganz so gefährlich zu. Der großväterliche Mittelalterfreund hobelte gemeinsam mit Lilly Fechtig ein Holzschwert und brannte ihren Namen in den Schaft. Die Hallbergclanen – Nordmänner aus dem Süden – ließen nichts von ihrer ursprünglichen Wildheit sehen, sondern saßen urgemütlich in ihren Holzstühlen auf Fellen, flochten Körbe und plauderten friedlich mit den Besuchern. Und bei Sybille von den Finsterburgern und ihrer kleinen Tochter Nelly lernten vor allem viele Mädchen, wie man auch heute noch Wolle filzt. Feurig und qualmend heiß ging es bei Hannes dem Schmid zu, der gleichzeitig mehrere Eisen im Feuer hatte, und während er das glühende Eisen mit seinem Hammer bearbeitete, das zugehörige Sprichwort erklärte: „Für einen Schmied war es ökonomischer, gleich mehrere Eisen im Feuer zu haben – heute bedeutet es, dass ein Mensch gut vorbereitet ist, und darauf eingerichtet, was ihn erwarten könnte.“

Ein Höhepunkt des Sonntags, der von den Zuschauern viel Beifall bekam, war der Auftritt der Kindertanzgruppe des Museums- und Trachtenvereins Hergensweiler, die historische Kreistänze zeigte.

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