Mathilde Meßmer ist in der vierten Generation die Hüterin der St. Michaelskapelle auf dem Taubenberg.
Mathilde Meßmer ist in der vierten Generation die Hüterin der St. Michaelskapelle auf dem Taubenberg. (Foto: Isabel Kubeth de Placido)
Isabel de Kubeth de Placido

Wenn die Dorfgemeinschaften Taubenberg und Bruggach am Sonntag zum Fest in die St. Michaelskapelle laden, kehrt für eine kurze Weile wieder Leben in das Kirchlein ein. Denn um das kleine Schmuckstück, das die Bürger als echtes Zeichen ihrer Volksfrömmigkeit vor 163 Jahren an der schönsten Stelle auf dem Taubenberg errichtet haben, ist es mit der Zeit ziemlich ruhig geworden. Kein Wunder, dass Mathilde Meßmer, die sich in der vierten Generation um die Kapelle kümmert, diesem Tag freudig entgegen schaut.

Jeden Morgen sperrt Mathilde Meßmer die hölzerne Türe zur Kapelle, die dem heiligen St. Michael gewidmet ist, auf und jeden Abend schließt sie sie wieder zu. Tag für Tag und das seit zwölf Jahren. Nur wenn der Regen allzu dicht fällt oder die Kälte allzu eisig ist, bleibt die Türe verschlossen. „Dann kommt eh keiner“, sagt sie und erklärt, dass die Besucher, die sich an diesen Ort verirren, meist Spaziergänger seien. „Ob sie dann hier beten weiß ich nicht, aber sie schauen halt rein.“

Um die Kapelle ist es ruhig geworden. Längst vorbei sind die Zeiten, in denen an manchen Sonntagen der Pfarrer die Messe hielt. Nur noch selten kommt es vor, dass hier geheiratet oder ein Kind getauft wird oder dass Andachten gehalten werden. Und ganz selten feiern die Menschen hier ein Fest: Das letzte Mal 2009, zum 150-jährigen Weihjubiläum der Kapelle, 2007, als sie renoviert und 1980, nachdem eine elektrischen Uhrenanlage eingebaut worden war. Und auch nicht mehr jedes Jahr hält der Pfarrer am Sankt Michaelstag, dem 29. September, einen Gottesdienst. Nur manchmal noch, nämlich immer dann, wenn auf dem Taubenberg oder in Bruggach ein Mensch stirbt und seine letzte Reise antritt, läutet das Totenglöckchen zum Abschied. Das einzige, war hier Tag für Tag und zuverlässig jede Viertelstunde stattfindet ist das Läuten der Kirchenglocke.

Und in diesem Fall ist es eben diese Regelmäßigkeit, die es nicht schon immer gegeben hat. „Früher musste sie von Hand geläutet werden“, erinnert sich Mathilde Meßmer. Damals war es ihre Mutter, Maria Abler, der als Mesmerin die Aufgabe zufiel, dreimal am Tag an dem Glockenseil zu ziehen. Um sechs Uhr morgens, um zwölf Uhr mittags und um 19 Uhr abends. „Manchmal, gerade mittags, wenn man auf dem Feld war, war das ein Problem. Dann musste man heim, dass man läuten kann um zwölf Uhr und jeden Abend musste man auch noch das Uhrwerk aufziehen“, schildert sie und zeigt auf den hölzernen Uhrenkasten über der Eingangstür. Doch diese Zeiten sind vorbei seit 1980 das alte mechanische Uhrwerk durch eine elektrische Uhrenanlage ausgetauscht wurde.

Im Gegensatz zu ihr, so findet Mathilde Meßmer, sei ihre Mutter eher noch eine richtige Mesmerin gewesen. Schließlich habe sie dem Pfarrer vor der Messe noch die Gewänder hergerichtet, ihm beim Anziehen geholfen und die Kerzen angezündet. Und das 45 Jahre lang. „Als sie 85 Jahre alt war haben wir dann gesagt, „du hörsch jetzt auf. In dem Alter muss man nicht mehr die Kirche putzen.“ Das zumindest übernahm dann damals schon ihre Tochter. Doch immer um die Kapelle „herum“ zu sein, die Türe auf- und zuzusperren, das ließ sich die Mutter nicht nehmen. „Sie war sehr gesellig und hat mit jedem geredet, der vorbei gegangen ist.“

Ganz abgesehen davon, dass der Dienst an der Kapelle nicht von ungefähr kommt und bereits in der vierten Generation beim benachbarten Meßmerhof liegt. Eine Zuständigkeit, die ins Jahr 1855 zurückgeht. Damals nämlich hatten die Bewohner des Taubenbergs und Bruggach beschlossen, ihre alte und baufällige St. Michaelskapelle zu ersetzen. Dieses Mal sollte sie an einer höher gelegenen Stelle des Taubenbergs gebaut werden, von wo aus sich „eine wirklich entzückende Aussicht auf dem Bodensee, das obere Rheintal und die Tyroler und Schweizerberge“ bot, wie es in der Dorfchronik heißt. Das Grundstück wurde von den Bürgern gespendet und die Kapelle ist, wie Ortsheimatpfleger Andreas Durrer anlässlich der 150-Jahr Feier 2009 sagte, „ein echtes Zeichen für Volksfrömmigkeit“. Viele Bürger halfen damals beim Bau mit, indem sie ihre Fuhrwerke samt Gespanne zur Verfügung stellten. „Und weil mein Urgroßvater keins hatte, hat er gesagt, er macht den Dienst.“

Eine Zusage, die Mathilde Meßmer bis heute mehr oder weniger aus freiem Willen erfüllt. „Es isch wie es isch“, sagt die 68-Jährige im Dialekt, „die Freiwilligen sind rar“.

Freiwillige genug haben sich jedoch gefunden, um das Kapellenfest am Sonntag zu veranstalten. Weil Bodolz heuer bekanntlich seine 200-jährige politische Selbständigkeit feiert, wollen auch die Bruggacher und Taubenberger Dorfgemeinschaft ihren Beitrag dazu leisten. Mit einem Kapellenfest. „Alle helfen zusammen und jeder hat einen Posten. Es gibt eine Messe, die Musik spielt und was zu essen und zu trinken gibt es auch“, freut sie sich und bedauert dabei nur eines: Dass sich das Versprechen eines Nachbarn nicht erfüllt hat, der zu ihrer Mutter sagte: „Wenn du hundert wirst, gibts wieder ein Kapellenfest.“ Letztes Jahr, mit 99 Jahren verstarb Maria Abler.

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