„Es war halt eine ganz tolle Euphorie da“

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Pfarrer Helmut Bertele erinnert sich bestens an die Gründerzeit der Pfarrgemeinde.
Pfarrer Helmut Bertele erinnert sich bestens an die Gründerzeit der Pfarrgemeinde. (Foto: isa)
Isabel Kubeth de Placido

In diesem Jahr feiert die Pfarrgemeinde St. Johannes der Täufer ein ganz besonderes Jubiläum. Vor 50 Jahren, nämlich genau am 11. Oktober 1969, haben engagierte Katholiken aus Bodolz und Schachen die Pfarrgemeinde gegründet. Und das, obwohl sie überhaupt noch gar keine eigene Kirche hatten. Bis es 1971 dann soweit war, dass ein Gotteshaus samt Gemeindezentrum, Kindergarten und Angestelltenhaus stand, war jedoch längst ein bestens aufgebautes und funktionierendes Pfarreileben entstanden. Einer, der von Anfang an dabei war, ist Pfarrer Helmut Bertele.

Nach dem zweiten Weltkrieg war die Bodolzer Bevölkerung mächtig angestiegen. Besonders in Enzisweiler machte sich dies bemerkbar, weil hier neue Wohngebiete, wie die Dr.-Emil-Hasel-Siedlung, entstanden waren. Von hier aus war es zwar nur ein Steinwurf bis zur St. Markuskappelle, allerdings wurde das kleine Kirchlein in der Dorfstraße bald zu klein für die vielen Gläubigen. Ganz davon abgesehen, dass hier sonntags ohnehin kein Gottesdienst stattfand. Dafür mussten die Kirchgänger nach Wasserburg gehen. Gleichzeitig wuchs zu dieser Zeit auch der Fremdenverkehr stark an „Die wollten ja auch in den Gottesdienst gehen und da hat man eine Kirche vermisst“, erinnert sich Pfarrer Bertele heute.

Der wahre Grund für den langsam aufkeimenden Wunsch der Schachener und Bodolzer Katholiken nach einem eigenen, nahen Gotteshaus, war jedoch: „Die Schachener wollten schon immer eine eigene Kirche, weil sie sich niemals richtig in St. Ludwig zuhause gefühlt haben und die Bodolzer wollten eine eigene Kirche, weil sie sich niemals richtig in Wasserburg zuhause gefühlt haben.“ Den wesentlichen Anstoß gab Franziska Rauth, als sie im Mai 1965 der Diözese Augsburg einen 2000 Quadratmeter großen Bauplatz schenkte. Die Schachenerin knüpfte daran die Auflage, dass dort eine Kirche erbaut werden und im Gedenken an ihren im Krieg gefallenen Sohn auf den Namen Johannes geweiht werden solle. „Deshalb hat mich die Diozöse nach Lindau geschickt, mit dem Auftrag, hier eine Pfarrei zu gründen und aufzubauen und damit auch eine Kirche“, sagt Pfarrer Bertele und erzählt, dass er am Aschermittwoch im Jahre 1968 nach Lindau kam. Der damals 31-Jährige wurde in die Aeschacher Pfarrei St. Ludwig berufen und kümmerte sich zusätzlich um den Aufbau der neuen Pfarrei St. Johannes. „Das war eine Herausforderung, denn ich war ja nur Kaplan. Also sozusagen ein Geselle, der noch seine Meisterprüfung machen musste“, erklärt er und erzählt, dass er sich dieser Aufgabe aber gerne gestellt hatte. Auch seiner neuen Gemeinde stellte er sich. Bei der ersten Zusammenkunft in der Traube, jenem imposanten Gasthaus, an dessen Stelle heute das Einkaufszentrum steht. „Ich habe mich den Leuten vorgestellt und gesagt: Wenn ihr das wollt, bin ich dafür da, das in die Tat umzusetzen.“ Die Leute wollten. „Schon bei dieser ersten Vorstellung war die Freude groß und es haben sich viele zur Mitarbeit angeboten.“ Als erstes gründeten sie im März 1969 den Kirchenbauverein, dem nicht nur die Bauherrschaft zufiel, sondern auch die Aufgabe, Spenden zu sammeln. Die neue Pfarrei St. Johannes der Täufer Lindau-Bodolz wurde am 11. Oktober 1969 gegründet. Zu ihr gehörten die Ortsteile Schachen, Bodolz, Enzisweiler und der Hoyerberg. Zusammenkünfte in der Traube oder dem Schachen Schlössle folgten, bei denen die junge Pfarrgemeinde Ideen entwickelte, wie ihre Kirche künftig aussehen solle. „Da das in die Zeit nach dem zweiten Vatikanischen Konzil fiel, konnte man frei reden und es war da eine riesige Euphorie unter den Leuten.“ Die neue Freiheit war auch der Grund, warum St. Johannes so wurde, wie die Kirche heute da steht. So ist etwa der Altar zwar der Mittelpunkt, aber nicht der Höhepunkt der Kirche. „Zu unsere Freude hat die Diozöse zugestimmt“, freut sich Bertele und erzählt, dass es jedoch deutlich schwieriger wurde, als die Pfarrei dann nicht nur eine Kirche sondern ein Gemeindezentrum haben wollte. „Von den Kindern bis zu den Senioren sollten alle ein Zuhause dort finden.“

Begeistert erinnert sich Pfarrer Bertele daran, wie sich alle möglichen verschiedenen Gruppen gebildet haben. „Eine Frau hat angefangen Teppiche zu weben, eine Schneiderin hat Messkleider genäht und andere haben Decken für den Altar gemacht. Und dabei war die Kirche noch gar nicht da.“ Auch mit eigenen Gottesdiensten hat die junge Gemeinde begonnen. „Wir saßen um den großen Tisch herum, wo sonst der Gemeinderat saß und ich kann mich noch erinnern, wie einer alten Frau die Tränen heruntergelaufen sind. Sie hat vor Rührung geweint, dass man so beieinander sitzen kann.“ Mit Hans Fluck war der Gemeinde auch ein Organist quasi in den Schoß gefallen, noch bevor es eine Orgel gab. Er war es auch, der den Kirchenchor gründete. Und eine eigens eingerichtete Kinder- und Jugendarbeit fand vorerst Platz in einem Haus im Gruberweg.

„Es war halt eine ganz tolle Euphorie da. Viele, viele Leute haben sich engagiert und ihre Talente und ihre Zeit zur Verfügung gestellt“, fasst Pfarrer Bertele jenes aufregende Aufbaujahr zusammen, in dem sich die neue Pfarrei längst formiert hatte, bevor im April 1970 der erste Spatenstich stattfand.

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