Edelbrände durch die Nase schmecken

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Schwäbische Zeitung
Crossmedia-Volontärin

Robert Gierer hebt ein bauchiges, langstieliges Glas dicht an die Nase. Er riecht mehrmals an seinem Edelbrand und fordert seine Gäste dazu auf, das gleiche zu tun. Erst nachdem sich jeder der verschiedenen Duftaromen bewusst ist, wird am Brand genippt. Die Lindauer Zeitung und Robert Gierer haben neun Leser dazu eingeladen, Schnaps richtig zu genießen.

Als die Besucher ankommen, warten bereits acht Brände und zwei Liköre auf jeden von ihnen. „Das richtige Glas ist ein ganz wichtiger Bestandteil für die Verkostung“, erklärt Robert Gierer. Der Brand brauche Volumen, um sich zu entfalten; daher die Tulpenform. Auch die richtige Temperatur sei für den Genuss entscheidend: „Der Brand sollte Zimmertemperatur haben, oder knapp darunter liegen, 18 bis 20 Grad sind ideal.“

Gierer riecht an einem Aprikosenbrand: „Dieser hat eine leichte Bittermandelnote.“ Beim dritten, vierten und fünften Mal riechen, komme dieser Duft immer mehr heraus. Die Gäste sollen sich beim Riechen die Frucht vor ihrem inneren Auge vorstellen. Beim Trinken des Brands „explodiert er am Gaumen“, wie Gierer sagt.Die Edelbrände müsse man nicht klassisch pur genießen. Man könne auch etwas ausprobieren: „Ein Brand schmeckt auch gut mit Schokolade oder mit Kaffee“, sagt er.

An diesem Abend gibt es das zwar nicht, dafür reichlich Schinken und Käse mit Brot. „Das ist wichtig, um den Geschmack zwischen den Schnäpsen zu neutralisieren“, sagt Gierer. Außerdem diene das Essen als Grundlage. Wobei bei der Schnapsprobe nur geringste Mengen getrunken werden.

Bewusstes Trinken ist Robert Gierer besonders wichtig

Denn das bewusste Trinken ist Robert Gierer besonders wichtig. „Man bestellt ja auch kein Steak und lässt es kalt werden.“ Genauso wenig mache es Sinn einen Edelbrand hinunterzustürzen. Außerdem lerne man durch das bewusste Genießen immer besser zu unterscheiden, ob es sich um einen guten oder einen schlechten Brand handele.

Der LZ-Leser Rainer Bruderhofer hat auch schon schlechte Erfahrungen mit Schnäpsen gemacht: „Ich bin in der Musi unterwegs, da gibt es den ein oder anderen Rachenputzer.“ Die „tollen Sachen“ von Gierer genießt er: „Das Riechen finde ich faszinierend.“

Die Waldhimbeere riecht besonders intensiv fruchtig, schmeckt dann aber doch überraschend anders als erwartet. Der Haselnussgeist sorgt bei den Besuchern für Hochstimmung: „Der ist ja toll zu Riechen“, freut sich Gudrun Rössteuscher. „Riecht wie Hanuta“, erkennt Ronald Küpf.

Am Inhalt von Glas sieben rätseln die Gäste lange herum, kommen aber nicht darauf. „Es ist die Schlehe“, gibt Gierer schließlich Preis. „Nicht so das Gewöhnliche.“ Der Schnaps polarisiert: Gudrun Rösstäuscher und Brunhilde Dorn finden den Schnaps nicht so gut. Besuchern an der anderen Seite des Tisches gefällt er.

Der Inhalt von Glas acht ist schnell identifiziert: „Gin!“, tönt es sofort durch den Raum. Vor allem das Zitrusaroma begeistert die LZ-Leser. „Das riecht so weihnachtlich“, schwärmt Brunhilde Dorn. Gierer erklärt: Das Aroma entsteht durch Blutorangenschalen, die er zum Wacholder hinzugegeben hat.

Besondere Aufmerksamkeit widmet der Edelbrenner seinem Elvados, einer Kreation aus Elster-Äpfeln, die in Eichenfässern gelagert wird. Der Unterschied zum Calvados: die Äpfel werden samt Schale vergoren, wodurch mehr Geschmacksstoffe erhalten bleiben.

Die fruchtigen Aromen bleiben im leeren Glas haften

Robert Gierer schüttelt die Reste des Elvados aus seinem Glas. „Denken Sie jetzt nicht, ich sei verrückt.“ Er lacht und gibt das Glas an die Besucher weiter und fordert sie auf, zu riechen. Der Alkohol ist nicht mehr zu spüren, aber die fruchtigen Aromen haften deutlich im Glas. „Das ist ein Qualitätsbeweis“, sagt der Edelbrenner.

Auch zwei Liköre stellt Gierer vor: „Nicht jeder trinkt gerne Liköre.“ Das liege daran, dass die oft pappsüß seien: „Wenn man damit eine Briefmarke festklebt, dann kommt der Brief an“, sagt er lachend. Dann probieren die LZ-Leser die Liköre von Robert Gierer. „Der Kaffeelikör ist ganz toll“, sagt Gudrun Rössteuscher. Gierer schlägt vor, eine Eiskugel in einem Kaffee mit dem Likör zu übergießen.

Am Ende der Verkostung äußern sich die Besucher zufrieden: „ Das war ein richtiges Erlebnis“, sagt Ronald Küpf. Hans-Peter Maurer stellt fest: „Ich bin ein großer Obstlerfan, aber da gibt es große Qualitätsunterschiede. Hier war es super toll.“

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