Wolf sucht sich passende Lebensräume

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Umweltstaatssekretär: Wie gefährlich ist der Wolf?
Umweltstaatssekretär Andre Baumann beantwortet die Frage, wie gefährliche Wölfe in Baden-Württemberg sind. Und welche Kennzeichen eigentlich einen gefährlichen Wolf definieren. Außerdem gibt Baumann Antwort auf die Frage, warum er sich so stark für Wacholderheiden einsetzt, die in Baden-Württemberg geradezu einmalig sind.
Heinz Thumm

Gut 100 Besucher, darunter Landwirte, Schäfer, Jäger, Förster, Naturfreunde und -schützer interessierten sich für die Wolfsproblematik. Die Kolpingsfamilie Zwiefalten hatte zu einer Podiumsdiskussion eingeladen, um Licht in die schwierige Thematik zu bringen. Im 16. und 17. Jahrhundert war in Deutschland eine hohe Wolfspopulation vorhanden. Laut Franz Schmid aus Zwiefalten wurde 1830 der bis dahin letzte Wolf erlegt.

Dr. Micha Herdtfelder, Forstwissenschaftler und Wolfsexperte von der Forstlichen Versuchs- und Forschungsanstalt Freiburg, zeigte in einer Präsentation die historische und geographische Entwicklung der Wolfspopulation auf. Bis zum 19. Jahrhundert war Europa bis auf Apennin und Karpaten wolfsfrei. Der Wolf gelte als wehrhaftes und intelligentes Raubtier, der nach EU-Naturschutzrecht streng geschützt sei und dem unbedingt Respekt entgegen gebracht werden müsse. Es bestehe kaum eine Chance diese Rechtssituation in absehbarer Zeit zu verändern. Durch Zuwanderung aus dem Osten und dem Alpenraum habe sich in den vergangenen Jahren die Wolfspopulation weiter entwickelt.

Bei der Nahrung ist der Wolf spezialisiert auf mittelgroße Huftiere. Dazu gehören: Rehwild (über 50 Prozent), Wildschweine (18 Prozent), Rotwild (15 Prozent), Damwild (6 Prozent)und Muffelwild, Fuchs. Als Bedarf wird für eine Wolfsfamilie mit jährlich 500 Stück Rehwild gerechnet. Üblicherweise lebt eine Wolfsfamilie (sechs bis zehn Tiere) in einem Rudel mit einer Territoriumsgröße von etwa 200 bis 250 Quadratkilometer (25 000 Hektar). Aktuell leben in Deutschland rund 1000 Wölfe, davon ein Wolf mit der Bezeichnung „GW852m“ in Baden-Württemberg. Die Region um Bad Wildbad, in der dieser Wolf vorkommt, wurde zum Wolfsgebiet erklärt. Damit besteht die Möglichkeit, für getötete Weidetiere Entschädigungen und für Aufwendungen finanzielle Unterstützung zu leisten. Trotz weiterer Entwicklungen ist es sehr schwierig einen „wolfssicheren“ Zaun aufzubauen; Wolfsnetze mit Flatterband, sollen Wölfe irritieren. In einigen Fällen werden inzwischen spezielle Herdenschutzhunde eingesetzt.

In Deutschland wurden zwischen den Jahren 2000 und 2016 rund 1500 Tiere vom Wolf getötet, der Hauptanteil waren Schafe und Ziegen. Außerdem einzelnes Gatterwild und 100 Kälber von Rindern in den ersten Lebenswochen. Nach Expertenauskünften bieten Elektrozäune etwas Schutz – erfordern aber einen hohen Aufwand, wolfssichere Weidezäune gibt es nicht. Vergrämung wird als Lösung genannt, aber eine Sicherheit bietet dies auch nicht.

Große Unsicherheit

Schäfer Ernst Fauser aus Pfronstetten, der mit insgesamt über 1500 Schafen als Wanderschäfer in der Region unterwegs ist, gibt an: „Ich habe grundsätzlich nichts gegen den Wolf.“ Er lebt aber mit seinen Schafen in einer großen Unsicherheit, muss wegen unzähligen Kleinflächen einen hohen Aufwand in Kauf nehmen und fürchtet Unfallgefahren.

Dr. Daniel Schmidt-Rothmund, Jagdpächter in Zwiefalten, Tierkundler und Zoologe, rechnet damit, dass der Wolf insbesondere schwache, kranke und alte Wildtiere frisst. Er geht davon aus, dass die Jagd völlig neu gestaltet werden muss. Weil das Wild herrenlos ist, hat er zumindest keine Probleme mit der Haftung.

Der Kreisvorsitzende des Kreisbauernverbandes Reutlingen Gebhard Aierstock betrachtet die Verhältnisse gerne längerfristig und rechnete vor, dass aus aktuell 1000 Wölfen bis in sechs Jahren knapp 4000 Wölfe werden. Er befürchtet ganz klar, dass wegen des hohen Aufwands für den Herdenschutz Weidetierhaltung auf Dauer nicht mehr möglich sein wird. Aierstock: „Der Hotspot der Biodiversität wird damit zum Zielkonflikt mit dem Naturschutz.“ Darüberhinaus befürchtet er ein dramatisches Risiko von aufgeschreckten Herden und fragte, „ob der Wolf wirklich in unsere Kulturlandschaft passt“.

In weiteren Wortbeiträgen der Besucher wurde der Wolf als romantischer Luxus bezeichnet und generell nach dem Nutzen des Wolfes gefragt. Es wurde bezweifelt, ob die gesellschaftliche Akzeptanz wirklich groß ist. Der Zielkonflikt in der Landwirtschaft wurde deutlich: Verbraucher wünschen sich Weidetiere auf der Weide, Landwirte tragen sich mit dem Gedanken die Tierhaltung aufzugeben. Altförster Reinhold Braun erklärte: „Ich sehe nur geringe Risiken und keinerlei Probleme mit dem Wolf. Wenn er einmal da ist, hat er eine Daseinsberechtigung.“

Einigkeit herrscht darin, dass der Wolf kommen wird. Deshalb müsse der Dialog fachlich fundiert weitergeführt werden. Grundsätzlich müsste es möglich sein, dass Problemwölfe erschossen werden und und zu gegebener Zeit eine Regulierung der Population vorgenommen werde. Die Beweidung von Heide- und Almflächen müsse ohne dauerhafte Bewachung der Herden möglich bleiben und die Zunahme der Verwaldung von offenen Flächen – auch im Interesse des Naturschutzes, des Landschaftsbildes und des Tourismus gesichert bleiben. Die diffizile Haftungsproblematik müsse eindeutig und unbürokratisch geregelt werden. Alle Geschädigten müssten finanziell unterstützt werden. Moderator Josef Ott, Vorsitzender der Kolpingsfamilie Zwiefalten, freute sich über die sachliche Diskussion.

 In einer Podiumsdiskussion versuchten (von links) Schäfer Ernst Fauser, Landwirt Gebhard Aierstock, Moderator Josef Ott, Wolfse
In einer Podiumsdiskussion versuchten (von links) Schäfer Ernst Fauser, Landwirt Gebhard Aierstock, Moderator Josef Ott, Wolfsexperte Dr. Micha Herdtfelder und Jagdpächter Dr. Daniel Schmidt-Rothmund Lösungen zur Wolfsproblematik aufzuzeigen. (Foto: Heinz Thumm)

Wo Deutschlands Wölfe leben

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