Opus 4 reist durch fünf Jahrhunderte

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Das Posaunenquartett opus 4 Leipzig gestaltete im Münster Zwiefalten ein meisterliches Konzert. (Foto: Kurt Zieger)
Schwäbische Zeitung
Kurt Zieger

Jörg Richter und Dirk Lehmann vom Gewandhausorchester Leipzig gründeten 1994 zusammen mit Stephan Meiner und Honza Gimaletdinow das Posaunenquartett „Opus 4 Leipzig“. Aus ihrem Bläserrepertoire aus fünf Jahrhunderten kamen im Münster Zwiefalten neben Kompositionen aus Renaissance und Barock auch Werke zum Vortrag, die eigens für dieses Ensemble geschrieben worden sind. Wie die Wiener und Berliner Philharmoniker spielt auch „Opus 4“ auf deutschen Instrumenten, die sich von amerikanisierten Blechbläsergruppen der Orchester durch einen besonders weichen und homogenen Klang auszeichnen.

Klänge erfüllen das Münster

Feierliche Klänge des Glorias aus Monteverdies Marienvesper füllten das Zwiefalter Münster zu Beginn des außergewöhnlich melodiösen Konzerts. Während Jörg Richter von der Alt- auf die Tenorposaune wechselte und Honza Gimaletdinow auf der Bassposaune seine mit seiner Virtuosität brillierte, stellten die beiden anderen Tenorposaunisten mehr als einmal ihr Können innerhalb des Quartetts unter Beweis.

Bei allem griffigen Musizieren etwa bei Pavane oder Galliard in Tylman Susatos Suite für vier Posaunen kam der weiche Klang des Quartetts besonders bei Ronde oder Allemande zum Tragen. Vor allem die weichen Piano-Stellen zeigten die künstlerische Qualität der Posaunisten. Johann Schein ist ein Zeitgenosse von Monteverdi. Seine „Paduana“ ist geprägt vom Wechsel von im Kirchenschiff entschwindenden Klängen mit kräftigen Sequenzen, bei denen die Melodie auch in die zweite Stimme der Tenorhörner gelegt war.

Posaunen der Renaissancezeit sind nicht nur optisch zartgliedriger bis hin zum Schalltrichter, auch ihr Klang ist spürbar transparenter als bei den gewohnten Instrumenten. Sowohl bei „In te Domini Spervavi – Auf dich, Herr, setze ich mein Vertrauen“ als auch der wunderschönen Mottet „Domini Exaudi“ von Thomas Selle faszinierten transparente Klangepisoden. Dazu wurde in einer sehr bewegten Intrada von Hans Leo Hassler deutlich, das der Tonumfang der eher zierlichen Instrumente nicht geringer ist. Über die fast unergründlichen Tiefen der Bassposaune konnte man nur staunen.

Über die Mottet „O Vos Omnes“ von Tomas Luis de Victoria mit dem wesentlich intensiveren Klangbild der Originalinstrumente führte das Quartett die Zuhörer zu Johann Sebastian Bach. In seinen Kompositionen hat er zwar viel mehr die Trompeten eingesetzt als die angeblich schwerfälligen Instrumente der Posaunen, doch in dieser speziellen Bearbeitung der weltumspannenden Air offenbarte sich die Schönheit dieses Werks in sehr zu Herzen gehender Weise. Melodie und die dreistimmige Begleitung gingen eine wundervolle Symbiose ein. Bachs Brandenburgisches Konzert Nr. 3 ist eigentlich für ein Streicherensemble geschrieben. Wie „Opus 4“ dieses berühmte Werk in einer Bearbeitung für vier Posaunen in Bach’scher Freude musizierte, war schlichtweg beeindruckend. Hier war nichts von Schwerfälligkeit zu spüren, ungehindert fließende Läufe zeigten die Virtuosität der Musiker. Selbst unvermittelt auftretenden Halbtönen wurde die notwendige Aufmerksamkeit geschenkt. Bei aller Souveränität der Alt- und Tenorposaunen glänzte der Bassist mit unglaublicher Beweglichkeit.

Zuhörer verzichten auf Applaus

Dass nach dieser schwer zu überbietenden Meisterleistung die Zuhörer, wie erbeten, auf den mehr als verdienten Applaus verzichteten, spricht für das Musikverständnis des Publikums. Ganz anders die weichen Sequenzen voll Ruhe und Innerlichkeit bei einem Ave Maria von Anton Bruckner und seinen wohlgeformten Klangstrukturen.

Mit Jacques Charpentier, nicht zu verwechseln mit Marc Charpentier, dem Schöpfer der Eurovisionshymne, kam abschließend ein Vertreter des 20. Jahrhunderts zu Wort. Zwischen den behenden Sätzen Entree und Sortie zeigte das Quartett bei recht sensiblen Tonfolgen mit Jazzelementen und wohlklingenden Akkordfolgen bei Offertoire und Communion sein meisterliches Können. Der überwältgende Applaus wurde mit einer klangfeinen Zugabe und dem selten gehörten Bach-Choral „Es ist genug“ beantwortet.

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