„Erst kommt der Blues, immer der Blues“

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 Chris Proctor begeistert mit meisterlichem Spiel in Zwiefalten.
Chris Proctor begeistert mit meisterlichem Spiel in Zwiefalten. (Foto: Kurt Zieger)
Kurt Zieger

Melodiöse Vielfalt, klarer Rhythmus, Variationen ohne Ende und über allem die virtuose filigrane Fingerfertigkeit – die Zuhörer beim Konzert von Chris Proctor im Casino Zwiefalten kamen aus dem Staunen kaum heraus. Obwohl nur eine Gitarre – die musikalische Bandbreite war höchst beeindruckend.

„Erst kommt der Blues, immer der Blues“, stellte Chris Proctor zu Beginn seines groß angelegten Melodienbogens fest. „Ich hoffe, dass mein Können besser ist als mein Deutsch.“ Von seinem Können und seinen musikalischen und technischen Fähigkeiten konnten sich die vielen Zuhörer im Casino des ZfP laufend überzeugen. Melodische Vielfalt in flottem Tempo, filigran leichte Passagen zu leicht angezupfter Begleitung ergaben einen höchst bekömmlichen Einstieg zu einem Melodiencocktail mit vielen Gängen in Musik, rein von Hand gemacht.

Was er spiele, sei für Studenten ein schweres Stück, für ihn und die Zuhörer jedoch stets wie eine kleine Reise, meinte der sympathische Gitarrist aus Salt Lake City. Nach dem gelungenen Start prägte eine liebenswürdige Melodie die nächste Station. Gut nachvollziehbar wanderte sie durch die verschiedenen Höhen der Gitarre, gekonnt umspielt, mannigfach variiert, doch stets im Mittelpunkt des heiteren Geschehens.

Bereits vor Jahrzehnten hat die Gitarre mit ihrem ganz spezifischen Klang und ihren persönlichen Ausdrucksmöglichkeiten den Amerikaner Proctor fasziniert. Viele Eindrücke von außen wie auch die Musik der Rolling Stones hat er aufgenommen, in sich verarbeitet und zu seinen eigenen Kreationen geformt. Auf diesem Hintergrund versuchte er, auch die Zuhörer im Zwiefalter Casino in seinen „Kalifornischen Traum“ mit einzubeziehen. Stets zu bewundern seine unglaubliche Fingerfertigkeit quer über die Oktaven seines Saitenspiels. Zusammen mit exakter, nie aufdringlicher Begleitung im tieferen Bereich seines Instruments ergibt sich ein freudvolles Musizieren auf höchstem Niveau, das gut ins Ohr und auch in die Beine geht.

Gespickt mit silberhellen Einzeltönen geht die Melodie konsequent ihren Weg. Diese bestaunenswerte Fähigkeit prägte auch ein umfangreiches Medley mit ganz unterschiedlichen Charakteren, wobei man des öfteren die Melodie auch ohne Text mitsingen wollte. Klare Akkorde strukturieren den melodischen Fluss, der Takt wird stets mit dem linken Fuß angedeutet, die Freude im Gesicht des Künstlers und die wohl angeborene und gewachsene Musikalität runden den rundum positiven Eindruck des Gitarristen. Er verbindet Elemente aus Folk, Jazz, Pop und Klassik zu eigenen Kompositionen, und selbst Johann Sebastian Bach ist ihm nicht fremd. Ein Thema vom ihm verarbeitet er in beträchtlichem Tempo in wunderbar feinfühliger Art, sodass dessen Reize sauber ausformuliert immer wieder aufleuchten. Diese beeindruckende Wandlungskunst des Künstlers zieht die Zuhörer stets in seinen Bann.

Zurück über Los Angelos in Salt Lake City erklingt ein neues Lied in langgezogenen Einheiten, um unvermittelt in aufs neue flott dahineilende Sequenzen sich zu wandeln. In zunehmendem Klangvolumen erklingt die fast spielerische Vielfalt seiner Gitarre, vom Künstler oft mit einem Lächeln um die Lippen begleitet. Als Gegensatz dazu ein Werk mit klanglich dichten Abschnitten, die an das Dröhnen auf Autobahnen oder den gleichbleibenden Rhythmus bei Zugfahrten erinnern soll. Durch die bewusst eingebauten Zäsuren wird die Geschichte unheimlich spannend. Dazu passend „die letzte Lokomotive in Dampf“, die es Proctor angetan hatte. Das Qualmen, die zupackende Geschwindigkeit, der Rhythmus der Räder – all das verarbeitete Proctor ebenso zu einem vergnüglichen Hörvergnügen wie eine zauberhaft einschmeichelnde Melodie, die an ein Liebeslied erinnerte und zum Träumen einlud.

Auch nach seiner Version der Morgensonne, die er „nach drei Espresso“ geschrieben hat, hätte man dem Künstler noch länger zuhören können. Der Integrativen Kulturinitiative des ZfP Dank und Anerkennung, so einem Künstler von Weltformat in ihrem Casino einen mit viel Beifall bedachten Auftritt ermöglicht zu haben.

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