In Winterstettenstadt planen Forscher Bohrungen – um Geschichte zu verstehen und sich für die Zukunft zu rüsten

Lesedauer: 6 Min

Ulrike Wielandt-Schuster (von links), Frank Preusser, Gerald Gabriel und David Tanner bereiten sich auf die Bohrungen im Tannwa
Ulrike Wielandt-Schuster (von links), Frank Preusser, Gerald Gabriel und David Tanner bereiten sich auf die Bohrungen im Tannwald-Becken vor. (Foto: Birga Woytowicz)
Crossmedia-Volontärin

Wer die Bohrungen mitverfolgen möchte, kann sich Online unter www.leibniz-liag.de oder www.icdp-online.de informieren. Zudem ist mindestens ein Tag der Offenen Tür geplant. Einen Termin gibt es noch nicht.

Manchmal reicht ein Blick ins Geschichtsbuch nicht aus, um die Welt von damals verstehen zu können. Gerade, wenn sich Lücken im Text auftun, muss man tiefer bohren. Ein internationales Forschungsprojekt möchte zwischen Unteressendorf und Winterstettenstadt rund 200 Meter tief ins Erdreich vordringen. Dabei geht es den Forschern nicht nur um eine Rekonstruktion der Landschaft vor Abermillionen von Jahren. Die Bohrungen im Tannwald-Becken sollen auch für die Zukunft ein Gewinn sein. Am Donnerstag konnten sich Bürger in Winterstettenstadt über die Arbeiten informieren.

Internationales Team

Die DOVE Arbeitsgruppe – Drilling Overdeepened Alpine Valleys – steckt hinter dem Projekt. Sie ist ein Zusammenschluss von rund 100 Wissenschaftlern aus gut 30 verschiedenen Institutionen. Die Bohrungen im Tannwald-Becken sind nur eine Teiluntersuchung. Denn im gesamten Alpenvorland wimmelt es an Beckenstrukturen, die die Arbeitsgruppe unter die Lupe nehmen möchte. Die Becken sind ein Produkt der Eiszeiten. Unter den Gletschern hätten sich einst Wasser und zermahlenes Gestein angesammelt, erklärt Ulrike Wielandt-Schuster vom Landesamt für Geologie, Rohstoffe und Bergbau. „Da unten herrschte ein besonders hoher Druck. Rundherum war alles vereist, sodass das Gestein nur nach unten erodieren konnte.“ Dies sei an verschiedenen Stellen unterschiedlich tief geschehen.

Die Becken sind daher eine echte Fundgrube für Wissenschaftler. Hier sammeln sich verschiedene Gesteinsschichten, die Aufschluss über damalige Landschaften sowie Tier- und Pflanzenarten geben können. Die Sedimente hätte ein Forscherteam bereits in den 90er-Jahren entdeckt, sagt Wielandt-Schuster. Damals gab es schon einmal Bohrungen bei Winterstettenstadt. „Auf Molasse sind die Forscher damals erst in gut 200 Metern Tiefe gestoßen. Das war untypisch.“ Als Molasse bezeichnen Wissenschaftler sandige, lehmige Schichten, die die Becken von den aufsteigenden Alpen im Tertiär aufgenommen hätten. Nun stelle sich die Frage: Wie und womit ist das Becken also darüber befüllt? Schon seit vier Jahren bereitet David Tanner vom Leibniz-Institut für Angewandte Geophysik die Bohrungen vor. Er hat das Forschungsgebiet mit seinem Team seismisch abgetastet (SZ berichtete). Dabei werden von der Erdoberfläche aus akustische Wellen in den Boden gesendet. „Das Gerät sieht aus wie ein Besenfahrzeug“, sagt Gerald Gabriel, wissenschaftlicher Mitarbeiter. Die einzelnen Schichten reflektieren die Strahlen, die von kleinen Mikrophonen, den so genannten Geophonen, aufgenommen werden. Anhand der Strahlungsenergie und anderer physikalischer Parameter habe er die verschiedenen Gesteinsschichten im Becken identifizieren und deren Lage definieren können, erklärt Tanner.

„Aber wir konnten die einzelnen Schichten bisher nicht datieren.“ Dazu seien die Bohrungen notwendig. Insgesamt drei Mal. Die einzelnen Punkte bilden ein Dreieck, sie liegen im Abstand von je 40 Metern. An einer Stelle gibt es eine Kernbohrung. Hierbei werden Gesteinsschichten entnommen. Zudem wird eine PVC-Verrohrung in das Bohrloch eingeführt. Darüber können die Wissenschaftler Experimente und Messungen durchführen. „Nach drei Jahren bauen wir alles vollständig zurück und verfüllen die Bohrlöcher. Das ist Vorschrift des Bergamtes“, erklärt David Tanner.

Start im Oktober

Die Kosten für das Gesamtprojekt lägen im siebenstelligen Bereich, konkrete Werte wollen die Wissenschaftler nicht nennen. Zur Hälfte beteilige sich ein internationaler Fördertopf für Forschungsbohrungen an den Kosten. Die andere Hälfte müsse die Initiative selbst aufbringen. Auch aus Regierungs- und Verwaltungskreisen würden Gelder fließen, sagt Frank Preusser von der Albert-Ludwigs-Universität Freiburg. Frühestens im Oktober dieses Jahres sollen die Bohrungen starten. Erfahrungsgemäß dauere das etwa drei bis fünf Wochen, sagt Tanner. Bis Mitte 2021 liefen die Messungen, danach erfolge der Rückbau. Ein aufwändiges Projekt, von dem er sich weit mehr als nur die Archivierung der Entwicklungsgeschichte verspreche, sagt Frank Preusser. „Wir wollen prüfen, ob es potentielle Grundwasserreservoirs gibt. In Zeiten der Wasserknappheit vielleicht eine Lösung.“ Bisher würde Trinkwasser aus nur 60 Metern Tiefe gewonnen, ergänzt sein Kollege Tanner. Zudem könne die Bohrung ein Erkenntnisgewinn im Bereich Erdwärme sein, sagt Preußer.

Wenn auch abhängig vom Zufall, hofft Ulrike Wielandt-Schuster auch auf die eine oder andere Überraschung. „Es wäre toll, wenn wir Sedimente aus früheren Warmzeiten zwischen den Eiszeiten entdecken, mit Sporen oder Pollen.“ Anhand derer seien Rückschlüsse auf Flora und Fauna möglich. Knochenfunde seien eher unwahrscheinlich, schätzt Preußer. Das sei wie nach einer Nadel im Heuhaufen zu suchen.

Wer die Bohrungen mitverfolgen möchte, kann sich Online unter www.leibniz-liag.de oder www.icdp-online.de informieren. Zudem ist mindestens ein Tag der Offenen Tür geplant. Einen Termin gibt es noch nicht.

Ihr Kommentar wird nach einer kurzen Prüfung durch unsere Redaktion veröffentlicht.
Kommentare werden geladen
Mehr Themen