Werner Neuß bezeichnet Himmler-Leibarzt als Hochstapler

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Der pensionierte Biberacher Chirurg Dr. Werner Neuß sieht in Himmlers Leibarzt Felix Kersten einen "genialen Hochstapler". Neuß' (Foto: Gerd Mägerle)
Schwäbische Zeitung
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Wenn stimmt, was der frühere Biberacher Chirurg Dr. Werner Neuß in seinem kürzlich in zweiter Auflage erschienen Buch darlegt, dann hat der pensionierte Mediziner, der in Birkenhard lebt, eine handfeste Geschichtsklitterung öffentlich gemacht. Seine These lautet: Felix Kersten, der sich als Leibarzt des Reichsführers SS Heinrich Himmler bezeichnete, und nach dem Krieg den Anspruch erhob, 60000 Menschenleben vor der Nazi-Todesmaschinerie gerettet zu haben, war ein „genialer Hochstapler“. Kersten habe seine Biografie in den Nachkriegsjahren derart frisiert, dass ihn ein holländischer Historiker gleich vier Mal für den Friedensnobelpreis vorschlug.

Die Belege, die Neuß in seinem Buch anführt, wirken schlüssig, dennoch zeigen sich große Verlage und die Wissenschaft seiner Arbeit gegenüber bislang zurückhaltend bis ablehnend. Widerlegt wurde Neuß‘ These jedoch bis heute nicht.

Auf dem Cover von Neuß‘ Buch ist ein Foto von Felix Kersten zu sehen, unterteilt in verschiedene Puzzle-Teile. Das erste Teil dieses Puzzles war ein Hinweis in den Memoiren von Erich Neuß, dem 1982 verstorbenen Vater von Werner Neuß. Seit seiner Pensionierung im Jahr 2000 beschäftigt sich Neuß mit dem Fall Felix Kersten. Wie er selbst, soll auch Kersten in Halle an der Saale aufgewachsen sein, allerdings unter dem Namen Felix Huberti. Jener Huberti war ein Jugendfreund von Neuß‘ Vater und war im März 1919 als Leutnant eines Freikorps am Mord an der Ermordung des hallischen Soldatenratsvorsitzenden Karl Meseberg beteiligt. Die Spur Hubertis verliert sich „Ich vermute ihn in der Person des Leibarztes von Heinrich Himmler Felix Kersten“, schreibt Erich Neuß in seinen Lebenserinnerungen 1980.

Das war der Punkt, an dem Werner Neuß mit seinen Recherchen anknüpfte. Demnach verschaffte sich Huberti auf der Flucht vor der Polizei bereits 1919 die Identität eines in Estland gebürtigen Baltendeutschen - Felix Kersten. In Finnland erlernte er die Kunst der Massage, um einige Jahre später nach Deutschland zurückzukehren. Seine „magischen Hände“ machten ihn zu einer Art Leibarzt am niederländischen Königshof und führten ihn 1939 zu Himmler, dessen Magenleiden er behandelte.

Glaubt man den Kersten-Biografien, die nach dem Krieg erschienen sind, nutzte Kersten seinen Einfluss auf Himmler, um Hunderttausende NS-Opfer, darunter Tausende Juden, zu retten. „Er mag durch seinen Einfluss den einen oder anderen gerettet haben“, ist Neuß nach seinen Nachforschungen überzeugt, „aber bei Weitem nicht eine so große Zahl.“ Neuß will nun in seinem Buch den Nachweis liefern, dass Kersten sich seine Großtaten nachträglich selbst zuschrieb oder zuschreiben ließ. Recherchen in Archiven und die Studien der betreffenden Dokumente lassen Neuß in seinem Buch zu dem Schluss gelangen, dass Kersten Dokumente und Briefe selbst angefertigte oder anfertigen ließ, um über seinen Tod im Jahr 1960 hinaus in positivem Licht zu erscheinen.

Dass dieser Kult von Kerstens Sohn Arno, der in Schweden lebt, bis heute aktiv betrieben wird, sei für ihn der Antrieb für seine Nachforschungen gewesen, sagt Werner Neuß Ihm gehe es nicht um persönliche Eitelkeiten, „sondern darum, nicht wie so mancher Historiker vor der Dornröschenhecke zu kapitulieren, die Kersten um sein Leben hochgezogen hat“. Dass sich große Verlage und Institute seiner Forschung gegenüber zurückhaltend bis ablehnend verhalten, ist für Neuß gut erklärlich. Zu groß ist seiner Meinung nach die Peinlichkeit, wenn herauskommt, wer sich alles jahrzehntelang vor Felix Kerstens Karren spannen ließ: ganze Staaten, Regierungen und Herrscherhäuser, große Buchverlage, berühmte Geschichtsprofessoren und tüchtige Journalisten. Sie alle sahen, von Charisma eines waghalsigen Hasardeurs betört, in der Kersten-Legende ein Helden-Epos. Dies ist vielfach noch heute so nachzulesen.

Kerstens Sohn hat nach Erscheinen der ersten Auflage von Neuß‘ Buch im Jahr 2010 angekündigt, die darin aufgestellten Thesen widerlegen zu können. Doch geschah bisher nichts dergleichen. Dafür gelang es Werner Neuß, in einem ausführlichen Kapitel der Neuauflage seines Buches nachzuweisen, dass zwischen Felix Kersten, der bei Kriegsende mit dem schwedischen Grafen Folke Bernadotte wegen ihrer Anteile an den Rettungsaktionen für NS-Opfer in heftigen Streit geriet, und der Ermordung Bernadottes 1948 in Jerusalem, eine enge, wenn nicht geradezu entscheidende Beziehung bestand.

Er selbst betrachte es inzwischen als Glücksfall, dass ihm sein Vater eine solche Aufgabe hinterlassen habe, sagt Neuß.

Werner Neuß: „Mörder, Mentor, Menschenfreund. Himmlers Leibarzt Felix Kersten – die Lösung eines Rätsels“; 318 Seiten, erschienen im Projekte-Verlag Cornelius GmbH, Halle; ISBN 978-3-95486-413-3 ; das Buch kostet 19,95 Euro.

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