In der Not ist eine Ersatzmutter schnell gefunden

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Mit annähernd 50 km/h schossen manche Renner ins Ziel.
Mit annähernd 50 km/h schossen manche Renner ins Ziel. (Foto: Roland Ray)
Redaktionsleiter

Besorgter Anruf am Sonntagmorgen bei Markus Schließer: Wird das Seifenkistenrennen wegen des Nieselregens verschoben? „Ach was“, flachst der 51-Jährige, der den Wettbewerb 1999 initiiert hat, „über Wain scheint doch die Sonne.“ Um dann, von neusten Vorhersagen zuversichtlich gestimmt, zu verkünden: „Wir starten. Über Mittag klart es auf.“

Nun ja, die Wolken hängen weiter tief über Auttagershofen, als ab 11 Uhr um die Wette gefahren wird. Es bleibt aber tatsächlich trocken – Piste frei für 24 Seifenkisten Marke Eigenbau, mit zum Teil unkonventionellen Zutaten von findigen Köpfen kreiert und von einem Renn-TÜV auf Fahrtüchtigkeit geprüft. Väter, die schon vor bald 20 Jahren bergab sausten, haben mit ihren Söhnen neue Kisten gebaut, gestandene Männer ihre alten reaktiviert. Sie wollen auch 2018 mitmischen, was denn sonst!

Lieben muss man dieses vom Posaunenchor der Evangelischen Kirchengemeinde veranstaltete Rennen allein schon wegen der familiären Atmosphäre. Jeder kennt jeden. Einige Zuschauer säumen den mit Strohballen gesicherten unteren Teil der Strecke. Die meisten stehen oder sitzen, vorzüglich bewirtet, an der Ziellinie und feiern die Piloten.

Markus Schließer greift zum Mikrofon. Über Funk hält er Kontakt auf den Berg. Los geht’s! Die jüngsten Piloten bilden eine eigene Rennklasse, die „Formel 1“. Den Anfang macht Julian Unterweger, mit acht Jahren der Benjamin im Feld. Mit einem Lachen im Gesicht rollt er ins Ziel. Prasselnder Beifall ist ihm und den anderen fünf Junioren gewiss.

Im zweiten Lauf droht einem „Formel 1“-Boliden, der am Start steht, der technische K.o. An einer Seilklemme der Lenkung fehlt eine M 4-Mutter. Ein wichtiges Teil. „Kann jemand helfen?“ fragt Markus Schließer. Na klar. Und Theo Böhringer schwingt sich auf seinen Motorroller und bringt die Ersatzmutter auf den Berg.

Nach einer Pause ist die „Formel 2“ am Zug. Das sind in Wain die deutlich schnelleren Modelle, die Fahrer unterliegen keinem Alterslimit. Der Start wird einige Meter weiter bergauf verlegt, das bringt mehr Schwung. Dann sausen 18 Kisten im Minutentakt den Hang hinab. Der Unterhaltungswert ist enorm. Simon Böhringer betätigt fleißig die Hupe an seinem blauen „Bugatti“, David Ruopp klappt im Ziel einen Bremsfallschirm aus. Der Renner von Matthias und Johannes Schließer verliert unterwegs ein Stützrad und eiert. Sven Ottingers Kiste, von der Rennkommission zur originellsten gekürt und mit einem Sonderpreis belohnt, verfügt über einen verstellbaren Heckspoiler – bei Spitzengeschwindigkeiten von fast 50 km/h durchaus zu empfehlen. Karin Frey, einzige Pilotin im Feld, chauffiert eine Konstruktion ihres 13-jährigen Sohnes Amos. Ihr Motto: „Dabei sein ist alles.“ Alle bleiben unfallfrei.

Die Gewinner der voraufgegangenen Rennen 2005 und 2011, Markus Neuhauser und Markus Schließer, wollen einander nur allzu gern übertrumpfen. Ehrgeiz blitzt auf, man frotzelt einander. Lachender Dritter und Sieger 2018 ist am Ende Stephan Schließer, hauchdünn hat sein Renner die Räder vorn. Die „Formel 1“ gewinnt Jonas Fromm. Freilich: Der Spaß und das Gemeinschaftserlebnis sollen im Vordergrund stehen und jeder sich als Sieger fühlen. Deshalb gibt’s am Ende auch für jeden Teilnehmer einen kleinen Preis.

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