Im Drachenzuber schwimmt eine Leiche

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 Helmut Gotschy verfasst seine Bücher in seinem Arbeitszimmer unter dem Dach. Bevor er mit dem Schreiben anfing, baute er Drehle
Helmut Gotschy verfasst seine Bücher in seinem Arbeitszimmer unter dem Dach. Bevor er mit dem Schreiben anfing, baute er Drehleiern – zu seinen Kunden zählte auch Ritchie Blackmore, ehemaliger Gitarrist von Deep Purple. (Foto: Christoph Dierking)
Crossmedia-Volontär

Kommissar Bitterle hört gerne Jazz, genau wie der Schriftsteller, der ihn erschaffen hat: Zwei Jahre hat Helmut Gotschy an seinem neuen Buch gefeilt, in seinem Arbeitszimmer unter dem Dach, dessen Panoramafenster ihm freie Sicht auf die Felder um Wain bieten. Von seinem Schreibtisch aus kann er morgens sehen, wie die Sonne aufgeht, und abends, wie sie wieder untergeht. Jetzt ist das Werk fertig: „Tod im Drachenzuber“ lautet der Titel des Kriminalromans, der am 21. März erscheint.

Ein Drachenzuber ist ein Becken aus Holz, in dem die Menschen im Mittelalter gebadet haben. Zwischen fünf und sechs Personen haben darin Platz, erzählt Gotschy. Auf dem Mittelaltermarkt in Wiblingen, Schauplatz des Krimis, gibt es einen solchen Drachenzuber. Menschen baden darin keine mehr, als der Wachmann Mirko Stanković seinen Kontrollgang macht. In dem Drachenzuber schwimmt die Leiche eines Musikers, das Wasser ist blutrot.

Kommissar Konrad Bitterle und seine Kollegin Kula Skoulatopulos nehmen die Ermittlungen auf. Bitterle ist ein ruhiger, brummiger Typ, der Cordhosen trägt. Seine Kollegin hat griechische Wurzeln, viel Temperament und ist bevorzugt mit dem Motorrad unterwegs. Wenn es sein muss, ermittelt sie auch mal am Rande der Legalität, verrät der Schriftsteller. Auf dem Mittelaltermarkt stoßen die beiden Polizisten auf skurrile Gestalten, darunter Lotorius von Lichtenrade, ein waschechter Berliner.

Vergangenheit als Instrumentenbauer

„Wees ick doch nicht! Keen Schimmer. Is wohl wejen dem Jadewald, also ick meen, wejen dem Toten!“ – wenn Gotschy seine Romanfigur von Lichtenrade imitiert, wird deutlich, dass er den Berliner Dialekt beherrscht. Acht Jahre hat der 65-Jährige in der Hauptstadt gelebt. Bevor er mit dem Schreiben anfing, entfaltete er seine Kreativität beim Instrumentenbau. Sein Spezialgebiet: die Drehleier, ein Streichinstrument, das seine Wurzeln im Mittelalter hat. In der Mittelalterszene kennt sich der Krimiautor mithin bestens aus.

Autor Helmut Gotschy liest aus seinem Krimi „Tod im Drachenzuber“
„Tod im Drachenzuber“ heißt der zweite Kriminalroman, den Helmut Gotschy geschrieben hat. Das Buch erscheint am 21. März. Einen ersten Eindruck gibt es hier.

Gotschys Drehleiern waren weltweit gefragt – zu seinen Kunden zählte auch Ritchie Blackmore, der ehemalige Gitarrist von Deep Purple. Doch der Instrumentenbauer musste sein Geschäft aufgeben. Gotschy leidet unter den Folgen von Kinderlähmung und ist auf einen Rollstuhl angewiesen. Die Werkstatt in Wain, die sich zwei Stockwerke unter seinem Arbeitszimmer befindet, hat eine frühere Mitarbeiterin übernommen. „Jetzt ist das Schreiben mein kreatives Ventil“, sagt Gotschy. „Da kann ich 100 Prozent Leistung bringen, ganz ohne körperlichen Einsatz.“

„Tod im Drachenzuber“ ist Gotschys zweiter Krimi. Jedem seiner Charaktere ordnet er Eigenschaften zu, die er sorgfältig in Dossiers notiert. Das Ziel: „Bei meinen Lesern muss ein Bild im Kopf entstehen.“ Was trägt die Person für Kleidung? Wie riecht sie? Und vor allem: Wie tickt sie? Inspiration, um Fragen wie diese zu beantworten, geben dem Schriftsteller Fotos aus dem Internet, zufällige Begegnungen, aber auch Personen aus dem öffentlichen Leben.

Der Stau ist einkalkuliert

Details in der Geschichte hat Gotschy genau recherchiert: Beispielsweise fährt Kula Skoulatopulos für Ermittlungen von Ulm nach Chemnitz. „Da hat sich die Frage gestellt, wie lange man mit dem Motorrad für die Strecke braucht“, berichtet Gotschy. In diesem Fall habe er sogar einen Stau einkalkuliert. Ob die Abläufe plausibel sind, das prüfen auch die Lektoren des Kölner Verlags Emons, der den Krimi herausbringt. „Die sind unglaublich sorgfältig.“ Fünf Lektoratsdurchläufe habe es diesmal gegeben, lange saß der Krimi-autor am Schreibtisch, um die Anmerkungen in seinen Text einzuarbeiten. „Bis ich Stecknadeln im Kopf hatte.“

Die sprießen schon wieder wie Schneeglöckchen aus dem Boden.

Schriftsteller Helmut Gotschy über die Ideen für sein nächstes Buch

Aber eine Kreativpause braucht Helmut Gotschy vorerst nicht. Im Gegenteil: Für seinen dritten Krimi, die Fortsetzung der Reihe, hat er bereits viele Ideen gesammelt. „Die sprießen schon wieder wie Schneeglöckchen aus dem Boden“, sagt er und schmunzelt. Festgehalten werden sie unter anderem als Sprachnotizen auf dem Smartphone. Und auch sonst gibt es bis zur Veröffentlichung noch einiges zu tun: Aktuell plant Gotschy Lesungen, bei denen er seiner Leserschaft einen Einblick in den neuen Fall von Kommissar Bitterle geben will.

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