Von Schlesien nach Ahlen war ein beschwerlicher Weg

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Mit seiner Frau Adelheid feiert Hans Schwede in geistiger Frische seinen 90. Geburtstag.
Mit seiner Frau Adelheid feiert Hans Schwede in geistiger Frische seinen 90. Geburtstag. (Foto: Kurt Zieger)
Kurt Zieger

1927 in Schlesien geboren, 2017 in Ahlen eingezogen, dazwischen ein Leben mit Evakuierung, Unsicherheit und Einsamkeit, aber auch erfreulichen Momenten einer größer werdenden Familie: So liest sich die Lebensgeschichte von Hans Schwede, der mit vielen Einzelheiten auf 90 Jahre zurückblickt. Im Familienkreis begeht er diesen besonderen Geburtstag.

„In Weizenroda, Kreis Schweidnitz, der Partnerstadt von Biberach, bin ich 1927 geboren“, beginnt Hans Schweda den Bericht seines Lebens. „In der Friedenskirche wurde ich getauft und kam 1935 in die Schule.“ Sein Vater erhielt eine Stelle als Pförtner bei der Zuckerfabrik in Freiburg in Schlesien. Der Ortswechsel zog auch einen Schulwechsel nach sich. „1943, nach acht Jahren Schule, sollte ich eine Lehre als Metzger antreten, doch meine meine Eltern sind 1944 vor den Russen geflüchtet, wir wurden evakuiert.“ Die Buben im Alter von 15 Jahren jedoch mussten bleiben. Sie wurden nach Breslau berufen, mussten Schützengräben ausheben und wurden zum Volkssturm ausgebildet. „Handgranaten und Panzerfaust gehörten zum täglichen Waffenarsenal.“

Mit vielen Einzelheiten erzählt der Jubilar aus jener Zeit, als er zu Kriegsbeginn sofort von drei Splittern getroffen und verwundet wurde. „Ich lag im Lazarett, als die Russen kamen. Doch ich lernte Russisch und bin so bei Nacht vor dem Transport nach Russland heimlich mit zwei anderen Kameraden geflüchtet.“ Richtung Görlitz schwamm er in der Neiße, wurde vom Wasser abgetrieben und landete so in Sachsen. Dort erfuhr er durch das Rote Kreuz, wohin es den Rest seiner Familie verschlagen hatte. So kam der junge Mann 1946 in den Westen nach Augsburg, wo inzwischen Mutter und Bruder wohnten. „Aber es gab keine Lehrstelle“, berichtet der Jubilar weiter, „zwei Jahre lang arbeitete ich als Knecht auf einem Bauernhof in Oberbayern, ohne Lohn, nur für Wohnung und Verpflegung.“

Doch die Zeiten änderten sich: Mit einem Gewinn aus dem Fußball-Toto bekam er den finanziellen Grundstock, sich ein Haus zu bauen, nachdem er 1950 geheiratet hatte. Die Familie vergrößerte sich um drei Söhne. Vater Hans arbeitete 14 Jahre lang in der Materialverwaltung bei MAN, nach dem Studium von Abendkursen im EDV-Bereich bis zum Jahr 1987 bei Siemens. Damals war aber seine Frau bereits verstorben.

Ein zweites Glück

Während eines Kuraufenthalts in Windischbergerdorf bei Cham im Bayerischen Wald lernte Hans Schwede Adelheid Wittner aus Ahlen kennen. „Sie stand so ganz einsam da“, erzählt er. „Ich fragte sie: Was fehlt Ihnen denn?“ So sind die beiden ins Gespräch gekommen, immer wieder miteinander gegangen, bis die Liebe im Laufe der Zeit gewachsen ist. „Seit 33 Jahren sind wir nun zusammen“, strahlt der Jubilar, „alles ist prima“. Die Söhne Hans, Ernst und Roland sind verheiratet, wohnen in der näheren Umgebung und werden als Großfamilie mit acht Enkeln den 90. Geburtstag von Vater und Großvater feiern.

Früher war das Bergsteigen eine der großen Leidenschaften des Jubilars. Als Bergführer beim Alb- und Alpenverein waren sein Können, seine Umsicht und seine Zuverlässigkeit gefragt. An viele Reisen, auch nach Kanada, Afrika und Australien kann er sich erinnern, doch nun verlangen gesundheitliche Probleme, wie sie das Alter eben so mit sich bringt, manche Einschränkungen. Doch das Züchten von Rosen und die Freude an deren herrlicher Blütenpracht ist ungebrochen.

„In jungen Jahren habe ich viele schlechte Zeiten erlebt“, beschließt Hans Schwede seinen Gang durch 90 Lebensjahre, „nie mehr möchte ich in meine ehemalige Heimat zurück.“ Dafür begleiten den Jubilar viele guten Wünsche für ein lebenswertes neues Lebensjahrzehnt.

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