Der Barde Michael Skuppin erweckte im Gedenkraum den Geistlichen in „Sailers-Traum“ zum Leben.
Der Barde Michael Skuppin erweckte im Gedenkraum den Geistlichen in „Sailers-Traum“ zum Leben. (Foto: Waltraud Wolf)
Waltraud Wolf

Auf den Spuren von Männern, die mit ihrem literarischen Werk in die Geschichte eingegangen sind und Menschen heute noch bewegen, wandelt das Literaturnetzwerk Oberschwaben. Nun lud es nach Obermarchtal und Dieterskirch ein, um Sebastian Sailer zu würdigen, den Chorherrn und Dorfpfarrer, Theologen und Kanzelredner und vor allem auch schwäbischen Dichter, der bis heute unvergessen ist.

Hermann Branz führte zunächst durch das Münster von Obermarchtal und erläuterte die Geschichte des Klosters, in das Sailer 1730 eintrat und 1738 seine Primiz feierte. Danach wirkte er als Lehrer für Kirchenrecht an der Klosterschule und als Seelsorger in den zum Kloster gehörenden Dörfern Seekirch, Reutlingendorf und schließlich Dieterskirch, das ihn mit einer Gedenkstätte ehrt. Ihr galt denn auch die weitere Aufmerksamkeit der Freunde des Wortes.

Dass er damit gut umgehen kann, bewies dort der schwäbische Liedermacher Michael Skuppin aus Bad Saulgau. Anekdoten, die sich um den Pfarrer von einst rankten, hatte er in zur Gitarre gesungene Verse gefasst. Einige hörten die Kultur-Reisenden mehrmals, denn auch Branz, einst Gemeindeoberhaupt von Obermarchtal, und Uttenweilers Bürgermeister Werner Binder hatten von der Begegnung zwischen einem Schultes und Sailer erzählt. Der Schultes monierte, dass Sailer mit einem Pferd und nicht – wie Jesus bei seinem Einzug nach Jerusalem –auf einem Esel reite. Darauf dieser: Seit man alle Esel zum Bürgermeister gemacht habe, müsse er eben auf das Pferd ausweichen. Seine Schlagfertigkeit wurde noch in weiteren Zitaten deutlich. „Es hat nur einer den Witz und Geist“, würdigte Skuppin Sebastian Sailers Verse und gab seiner Freude zum Ausdruck, dass man sich diese noch heute „verzähle“. Da wäre noch das vom Grafen als „weibisch“ beurteilte „Riechfläschchen“, das Sailer als „Weihwasser“ identifizierte oder die Einlassung eines Bauern, der klagte: „Ei, Herr Pfarrer! Ich habe schon sehr oft gehört, dass Gott für jeden Menschen des Tages eine Maß Wein erschaffen habe. Ich bekomme aber diesen Wein nicht und weiß auch nicht, wer ihn trinkt.“ Sailer sprach: „Auch ich habe gehört, dass Gott für jeden Mann ein Weib geschaffen habe, und dennoch habe ich keines. Ich will euch die Sache erklären. Ihr habt mein Weib, und ich trinke euren Wein.“

Von seinen Predigtreisen ist die Rede, eine davon führte ihn nach Wien mit Privataudienz bei Kaiserin Maria Theresia. In Obermarchtal begegnet er 1770 deren Tochter Marie Antoinette bei ihrem Brautzug nach Paris und verfasste für sie eigens eine Huldigungskantate: „Beste Gesinnung schwäbischer Herzen“. In ihm wechselten pathetische Verse in Schriftdeutsch mit schwäbischen Versen. Auch sie muss er beeindruckt haben, überließ sie dem Kloster doch ihr Brautkleid. Die daraus genähten Messgewänder existieren heute noch.

Geistlicher und Bauer

Kurt Rapp gab danach Auskünfte über den Gedenkraum und den Inhalt der Vitrinen. Schriften sind darin zu sehen von Sebastian Sailer, der von 1756 bis 1773 hier Pfarrer war, bevor er einen Schlaganfall erlitt und krank ins Kloster zurückkehrte. Zu sehen ist auch die Schnupftabak-Dose, die ihm Kaiserin Maria Theresia verehrt hat. Eine Monstranz aus damaliger Zeit steht im Gedenkraum. Sie sei beim Fronleichnamszug noch heute im Einsatz, verriet Rapp, weil leichter als die aktuelle.

Die 1764 erstellte Pfarrscheuer dokumentiere, dass Sailer nicht nur Geistlicher, sondern auch Bauer war. Zwölf bis 14 Kühe im Stall, zwei Hunde, Hühner und Katzen gehörten zum Hof, ist überliefert. Im Pfarrgarten steht ein Brunnen mit einer Skulptur des Geistlichen aus dem Barock. Geschaffen hat sie Josef Alexander Henselmann aus München.

Bürgermeister Werner Binder stellte bei dem Treffen das Dorf vor, das aus mehreren Teilorten besteht und 490 Einwohner hat. Kirchlich gehören Dieterskirch, Dietershausen und Oberwachingen zusammen, zusammengefasst unter dem Begriff „die Pfarrei“.

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