„Jeder ist ein Heimkehrer“

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Oberstleutnant Christian Mayer befasste sich als Gastredner mit den Schicksalen der im Ausland eingesetzten Soldaten.
Oberstleutnant Christian Mayer befasste sich als Gastredner mit den Schicksalen der im Ausland eingesetzten Soldaten. (Foto: Alexander Radulescu)
Alexander Radulescu

Zur Dankfeier haben sich viele Fahnenabordnungen von Reservisten-, Krieger- und Soldatenkameradschaften auf dem neblig, verregneten Bussen getroffen, um der heimgekehrten und gefallenen Kameraden aus dem Ersten und Zweiten Weltkrieg zu gedenken. Gastredner war Oberstleutnant Christian Mayer vom Hubschraubergeschwader 64 in Laupheim.

Neben den Fahnenträgern pilgerten viele Menschen schon am späten Nachmittag zur Bussenkirche. Vor der Kirche versammelte man sich und begrüßte den ein oder anderen alten Kameraden oder Bekannten. Bedingt durch den eingesetzten Nieselregen, verzichteten die Teilnehmer zunächst auf den geplanten Gang auf die Bussenwiese. Stattdessen hielten die Fahnenträger Einzug in die Bussenkirche und stellten sich im Halbkreis im Altarraum auf.

In seiner Begrüßung nahm Bürgermeister Werner Binder die Vorfälle in Chemnitz zum Anlass, um zu mehr Verständnis und kritische Auseinandersetzung aufzufordern. Die Parole „Nie wieder Krieg“ übertrug er auf die heutigen Konflikte und frischte diesen Appell auf.

Karl-Heinz Blumenthal, der Vorsitzende der Kriegerkameradschaft Offingen, blickte auf die Errichtung der Mahnmale auf dem Bussen nach den beiden Weltkriegen zurück und ging auf deren Bedeutung ein. Er erinnerte auch an die acht Soldaten der Bundeswehr, die 2017 bei Kriegseinsätzen gestorben sind. Er umriss die Schicksale, die auch die Ehepartner, Kinder, Verwandte und Freunde der Gestorbenen erleiden mussten und müssen. Gemeinsam mit den Opfern von Krieg und Gewalt nannte Blumenthal aber auch die 3180 Verkehrstoten im Jahr 2017 und 143 verstorbene Kinder. „Jeder ist ein Heimkehrer“, sagte Blumenthal. Jeden Tag. Niemand wisse, wenn er aus dem Haus geht, welches Schicksal ihn an diesem Tag ereile. Dennoch habe man in Deutschland in den vergangenen Jahren in Freiheit und Frieden leben können, so Blumenthal, der in diesem Zusammenhang dem Text der Nationalhymne „Einigkeit und Recht und Freiheit“ Anerkennung zollte.

Krieg „vor unserer Haustüre“

Der Gastredner Oberstleutnant Christian Mayer vom Hubschraubergeschwader 64 in Laupheim befasste sich mit den Schicksalen der im Auslandseinsatz befindlichen Soldatinnen und Soldaten. Der bei uns seit 73Jahren herrschende Frieden sei „ein Gut, das es wert ist, jeden Tag erneut um dessen Erhalt zu ringen“, so Mayer. „Auch ist dies nicht selbstverständlich, wenn wir auf unsere Nachbarn im Balkan, Baltikum oder Ukraine schauen.“ So sei die Krim vergleichsweise gleich weit entfernt von Offingen wie Sevilla, also „unmittelbar auch vor unserer Haustüre“ . Frieden sei also nicht normal. Die damaligen Kriegsheimkehrer wussten diesen „unschätzbaren Wert von Frieden einzuordnen“ und errichteten deshalb auf dem Bussen das Mahnmal.

Eindrucksvoll schilderte Mayer eigene Erfahrungen aus seiner Familie. Sein Großvater sei sieben Jahre nach dem Krieg aus der Gefangenschaft in Sibirien entlassen worden. Da seine Großmutter bei Kriegsende davon ausgegangen war, dass ihr Mann nicht überlebt hätte, heiratete sie inzwischen einen anderen Mann. Das gemeinsame Kind aus erster Ehe – seine Mutter – wurde von Onkel und Tante großgezogen. Bis zu seinem zehnten Lebensjahr durfte er seinen Großvater noch erleben, der Krieg und Gefangeschaft überstanden hatte. Aus einem einstmals positiven, fleißigen, lebensfreudigen Menschen, sei ein sehr menschenscheuer Eremit geworden. Auch nach 29 eigenen Dienstjahren bei der Bundeswehr und als Kommodore des größten fliegenden Einsatzverbands der Bundeswehr könne er nur vage abschätzen, wie es im Großvater tatsächlich „drinnen ausgesehen haben mag“.

Pro Tag hat Mayer knapp 100 Soldaten bei Einsätzen der Bundeswehr eingesetzt. Insgesamt seien täglich 3600 Soldaten in 13 Einsatzgebieten tätig, so im Irak, Kambodscha, Somalia, Ruanda, Kuwait, Mazedonien, Indonesien, Äthiopien, Kongo, Georgien, Sudan, Bosnien und Herzegowina. Was sie in den Kriegs- und Krisengebieten erleben, könnten sich Verwandte und Freunde kaum vorstellen. Auch wisse zuhause niemand, ob und wie der Mensch wieder zurückkehrt. Seit Gründung der Bundeswehr im Jahr 1955 seien rund 3200 Soldaten und zivile Angehörige der Bundeswehr bei Ausübung ihrer Dienstpflicht ums Leben gekommen.

„Das ehrende Gedenken an diese Menschen, die im Einsatz für unsere Gemeinschaft ihr Leben verloren haben, wird in vielen Gesellschaften, so auch in Deutschland, als kollektiver Auftrag verstanden und ist Teil der kulturellen Identität“, fasste Mayer zusammen. Dazu seien Ehrenmale geschaffen worden. Auch vergebe die Bundeswehr die Einsatzmedaillen „Gefecht“ und das Ehrenkreuz für Tapferkeit. Mayer schloss mit Dankesworten und der Bitte, „das Denkmal und die jährliche Dankesfeier auf dem Bussen zu Ehren, der Einsatzheimkehrer nicht zu vergessen und weiterhin mit gleichem Engagement fortzuführen“.

Blumengebinde werden abgelegt

Bussenpfarrer Albert Menrad führte einige christliche Gedanken zum Frieden aus und betete mit den Anwesenden das Vaterunser und ein „Gegrüßet seist du Maria“. Danach zogen alle Fahnenträger und Anwesende aus der Kirche und begaben sich zu den Mahnmalen der Heimkehrer. Dort wurden Blumengebinde abgelegt und die Ortsvorsteherin Frieda Traub richtete Dankes- und Abschiedsworte an die Versammelten.

Die F eier wurde mit der Nationalhymne beendet. Eine Abordnung des Musikvereins Offingen sorgte dabei für die musikalische Untermalung, wie zuvor auch in der Kirche.

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