Wenig Worte und viel Verständnis

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Waltraud und Eberhard Schneider gehören zu den Gründern des Helferkreises.
Waltraud und Eberhard Schneider gehören zu den Gründern des Helferkreises. (Foto: Berthold Rueß)

Es sei „erstaunlich, mit wie wenigen Worten man etwas mitteilen kann“ – das hat Eberhard Schneider im Umgang mit Flüchtlingen festgestellt. Er und seine Frau Waltraud haben den Arbeitskreis „Unlingen hilft“ vor zweieinhalb Jahren mitgegründet. Damals kamen auf einen Schlag 68 Migranten in die Gemeinde: alleinstehende Männer aus dem Irak und syrische Familien. Die Belegung im Containercamp hat sich mittlerweile etwa halbiert, allerdings mit Menschen aus fünf Nationen und mit unterschiedlicher Konfession. Dennoch gestalte sich das Zusammenleben nach wie vor reibungslos, berichtet Schneider – nicht zuletzt ein Verdienst auch des Helferkreises.

Die Neuankömmlinge im „Camp“, wie Schneider die Containersiedlung im Unlinger Gewerbegebiet bezeichnet, kommen direkt aus dem Erstaufnahmelager. Die ersten Bezugspersonen sind dann der Hausmeister, vor allem aber auch die Menschen vom Helferkreis. „Wir sind vor Ort und nehmen die Leute in Empfang“, sagt Eberhard Schneider. Während ihres Aufenthalts, der bis zu zwei Jahren dauert, werden die Gäste betreut: „Es vergeht kaum ein Tag, an dem nicht jemand vom Helferkreis hier ist.“ Das sei ein besonderes Merkmal vom Arbeitskreis „Unlingen hilft“. Wichtig für die Menschen sei, dass immer ein Ansprechpartner erreichbar sei. Als Schneider seine Mobilfunknummer dafür hinterlegte, habe man ihn anfangs gewarnt. Aber das sei in zweieinhalb Jahren, seit dem Bestehen des Camps, nie ausgenutzt worden. Verstärkt an Wochenenden werde er angerufen, wenn sonst niemand erreichbar ist. Das Anliegen können Zahnschmerzen sein, Fieber bei einem Kind oder eine Verletzung. Eine wichtige Anlaufstelle ist aber auch Häfeles Hofladen: „Christine Häfele ist eine der Engagiertesten“. Rund zwei Dutzend Leute sind derzeit im Helferkreis aktiv.

Unverständliche Briefe

Auch bei Briefen benötigen die Flüchtlinge oft Rat – vor allem bei Behördenschreiben. Die seien nicht flüchtlingsgerecht formuliert, beklagt Eberhard Schneider: „Bewusst juristisch unanfechtbar“. Die Menschen könnten schlecht einschätzen, wie und wie schnell man reagieren müsse. Oft seien Fristen einzuhalten. „Wir haben ihnen nahegelegt, uns die Briefe sofort zu zeigen“, sagt Waltraud Schneider. Um Behördenangelegenheiten kümmert sich dann Elke Nitschmann-Daniel. Sie ist Integrationsmanagerin für alle Flüchtlinge in Unlingen, sowohl für die im Camp als auch für die, die sich in der Anschlussunterbringung befinden. Die Einführung dieser Planstellen ist für Schneider ein wichtiger Schritt, die Zusammenarbeit sei hervorragend. Zentrale Aufgabe der Integrationsmanager ist die Sozialberatung. Dabei geht es unter anderem um Fragen des Spracherwerbs, der Arbeitsmarktintegration, der Anerkennung ausländischer Qualifikationen sowie um Wohnen, Schule und Bildung – eben alles, was Integration beinhaltet.

Für den Helferkreis bleibt dennoch viel zu tun. Er hilft bei Behördengängen, beim Arztbesuch, beim Einkaufen, aber auch dabei, es sich für den Aufenthalt im Camp ein wenig wohnlich einzurichten: „Das befriedet etwas, wenn es nicht wie eine Gefängniszelle aussieht.“ Wichtig ist auch die Kleiderkammer, vor allem, wenn es auf den Winter zugeht.

Die Verständigung funktioniere erstaunlich gut, auch wenn die Flüchtlinge kein Englisch und schon gar kein Deutsch verstehen. Sie kommen aus China, Irak, Kurdistan, Syrien, Nigeria und Tschetschenien. Bisweilen versuchen sich Mitbewohner, die schon einen Deutschkurs absolviert haben, als Dolmetscher. Schnell lernen die Kinder die deutsche Sprache, hat Waltraud Schneider festgestellt. Sie berichtet von einer Familie, die seit Weihnachten im Camp wohnt. Deren Tochter besuchte zunächst in Riedlingen eine Vorbereitungsklasse und geht jetzt in Unlingen in die Regelklasse: „Die können viel vom Unterricht mitnehmen“ - und die Eltern im Camp profitieren davon.

Die Sprachprobleme kann Schneider gut nachvollziehen. Er und seine Frau haben selbst seit zwei Jahren einen Arabischkurs bei der Volkshochschule belegt. Ihr Arabisch sei aber auch nicht besser als das Deutsch der Flüchtlinge. Eberhard Schneider, Lehrer im Ruhestand, gibt im Camp auch regelmäßig Deutschstunden – für die Mütter, die keinen Sprachkurs besuchen können. Als Lektüre verwendet er gerne Zeitungsartikel der Schwäbischen Zeitung, die für seine Schüler alltagsrelevant sind. So habe man sich mit einem Bericht über Zecken befasst. Prompt habe eine Woche später ein Mädchen im Camp eine Zecke gehabt: „Die waren vorbereitet und haben richtig gehandelt.“

Problemfall Schwäbisch

Auch für die Männer, die Deutschunterricht haben, sei es mangels Sprechpartnern schwierig, die erworbenen Sprachkenntnisse zu vertiefen. Untereinander wird in der Muttersprache kommuniziert. Zudem bestehe eine gewisse Scheu, auf Einheimische zuzugehen. Umso glücklicher seien sie, wenn sie Besuch von jemand bekommen, mit dem sie die Möglichkeit haben, ein wenig Deutsch zu reden. Probleme bereite freilich die schwäbische Mundart: „Sie haben anfangs gefragt, ob hier Deutsch gesprochen werde.“

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