Der Reiter hat Unlingen berühmt gemacht

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Der Unlinger Reiter ist vermutlich ein lokales Erzeugnis.
Der Unlinger Reiter ist vermutlich ein lokales Erzeugnis. (Foto: privat)
Reinhold Schmid

Durch den Bau der neuen Umgehungsstraße der B 311 ist für Unlingen von einer seit vielen Jahrzehnten unerträglichen und unfallträchtigen Ortsdurchfahrt erlöst worden. Gleichzeitig ist, bedingt durch die während der Bauarbeiten durchgeführten archäologischen Ausgrabungen, ein neues ungeahntes bedeutendes Zeitfenster der Unlinger Vorgeschichte aufgestoßen worden. Die Forschung der Archäologen haben mittlerweile ergeben, dass es sich bei der damals gefundenen Statuette um die bislang älteste figürliche Reiterdarstellung im mitteleuropäischen Raum handelt. Der „Unlinger Reiter“ hat die Gemeinde bekannt gemacht. Selbstverständlich wird er auch beim Umzug im Rahmen des Kreismusikfests nicht fehlen.

In den Jahren 2013 bis 2017 wurde westlich um Unlingen die neue Straßentrasse der Bundesstraße 311 für die Umfahrung Unlingens gebaut. Bei den vom Landesamt für Denkmalpflege im Regierungspräsidium Stuttgart, Dienststelle Esslingen, veranlassten und durchgeführten archäologischen Rettungsgrabungen im Jahre 2016 wurden im Bereich der zukünftigen Straßentrasse im Gewann „Tiefes Ried“ die Überreste von mindestens drei bereits sehr stark verflachten Grabhügeln freigelegt. Ihre Durchmesser lagen zwischen 16 und 31 Metern, im Zentrum der Grabhügel konnten noch Spuren von bis zu sechs Mal 5,6 Meter großen Grabkammern festgestellt werden.

Trotz der wahrscheinlich teilweise erfolgten antiken Beraubungen kamen in fünf Gräbern die Überreste der Körperbestattungen von drei Frauen mit umfangreichen Grabbeigaben zum Vorschein. Als ein ganz besonders herausragender Fund gilt eine bronzene Reiterstatuette, die in einem Grab mit Wagenbeigabe entdeckt wurde. Der Archäologe Prof. Dr. Dirk Krausse betitelte diese kurzum als „Unlinger Reiter“. Durch diese „Ernennung“ ist Unlingen mit in den Blickpunkt der ganz besonderen archäologischen Fundorte gerückt und auch auf eine historisch neue Ebene vorgestoßen, deren Bedeutung die Unlinger noch gar nicht ermessen können.

Dieser sensationelle und einmalige Fund bewog die Hauptverantwortlichen des Landesamtes für Denkmalpflege, im Heuneburger Freilichtmuseum und im Heuneburgmuseum in Hundersingen eine halbjährliche Sonderausstellung der Unlinger Grabfunde und eine Präsentation der ersten Ergebnisse unter dem Titel „Der Unlinger Reiter“ im Jahr 2017 durchzuführen. Diese hatte auch zum Ziel, der heutigen Bevölkerung einerseits die Bedeutung des Pferdes als Nutztier der Kelten und andererseits das damit verbundene Statussymbol eines jeden keltischen Pferdebesitzers aufzuzeigen.

Die Archäologen Dr. Leif Hansen, Dr. Marcus G. Meyer und Dr. Roberto Tarpini haben in den nun vergangenen drei Jahren europaweit in Museen und Archiven nach vergleichbaren archäologischen Funden oder Abbildungen geforscht. Als Ergebnis bleibt festzuhalten, dass diese aus dem 8./7. Jh. v. Chr. stammende Reiterstatuette die früheste Reiterdarstellung in dieser Gestalt ist, die bisher im mitteleuropäischen Raum während der frühen Keltenzeit geschaffen und gefunden wurde. Sie ist in ihrer Darstellung einzigartig und muss Teil der Verzierung eines Gefäßdeckels, eines Jochs oder eines Wagens gewesen sein. Die Archäologen sind sich einig, dass sie wahrscheinlich von einem lokalen Handwerker und Künstler gefertigt worden ist.

Die überdurchschnittlich großen Grabkammern sowie die außergewöhnlichen Grabbeigaben belegen, dass die in den Gräbern bestatteten Personen einer lokalen Oberschicht angehörten. Eine neue Erkenntnis dieser Grabung ist zudem, dass es lokale Eliten gab, die bereits viele Jahre vor der Gründung des elf Kilometer entfernten Keltenzentrums Heuneburg im Unlinger Raum lebten. Während der Bestehenszeit der Heuneburg und auch nach deren Ende blieben sie hier am Ort.

Archäologisch und wissenschaftlich ist es seit den Ausgrabungen im Jahre 2016 und der über drei Jahre andauernden Auswertungen der Unlinger Gefunde eindeutig erwiesen, dass die heutige Gemarkung der Gemeinde Unlingen schon im 8./7. Jh. v. Chr. und über lange Zeit von den frühen Kelten besiedelt war. Um diese keltische Besiedlung, die einen wichtigen Teil der Vorgeschichte Unlingens darstellt, in die allgemeine Vorgeschichte Europas einzuordnen, bietet sich ein Vergleich mit dem Anfang des antiken römischen Weltreichs an: Der Unlinger Reiter war etwa zu der Zeit in Gebrauch, als die Gründung der Weltstadt Rom im Jahre 753 v. Chr. durch die legendären Zwillinge Romulus und Remus erfolgte.

Der „Unlinger Reiter“ ist inzwischen durch Presse, Rundfunk und Fernsehen weit bekannt. Die Unlinger KAB-Familiengruppe hat diese im Original 9,2 Zentimeter lange und 7,8 Zentimeter hohe Reiterstatuette in eine multidimensionale Form vergrößert. Die KAB-Familiengruppe präsentiert diese, begleitend in keltischer Gewandung, beim großen Festumzug am diesjährigen Kreismusikfest in Unlingen am 28. Juli.

Der Autor ist Leiter der Interessengemeinschaft „Unlinger Heimatgeschichte“ und Mitglied der KAB-Familiengruppe

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