Steigmiller: „Ich war nie der Typ, der den Radsport verbissen gesehen hat“

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"Ich hatte das Angebot eines Profiteams aus der zweiten Kategorie des Weltradsports, aber es hat mich nicht gereizt": Jakob Stei (Foto: Privat)
Schwäbische Zeitung

Jakob Steigmiller war einer der besten Radsportler, die der RSC Biberach in den vergangenen Jahren hervorbrachte. Er gehörte dem Nationalkader an und war erfolgreich auf der Bahn und auf der Straße. Nun hat der 23-jährige Ummendorfer, der zuletzt für das Continental-Team „Thüringer Energie“ fuhr und 2011 wegen einer krankheitsbedingten Behandlung unter Dopingverdacht geraten war, mit dem Leistungssport aufgehört und konzentriert sich auf sein Universitätsstudium. SZ-Redakteur Andreas Wagner sprach mit Steigmiller über die Gründe für den Abschied vom Leistungssport, den Reiz des Profiradsports, den Kampf gegen Dopingvorwürfe und das künftige Leben als Student.

SZ: Überwiegt Erleichterung oder Wehmut, wenn man nach vielen Jahren Leistungssport einen Schlussstrich zieht?

Steigmiller: Es sind gemischte Gefühle. Ich bin schon ein bisschen wehmütig, weil ich mein halbes Leben lang den Sport gemacht habe. Aber es herrscht auch Vorfreude auf das, was kommt, auf neue Erfahrungen. Tage, ohne drei bis fünf Stunden auf dem Rad zu sitzen, kenne ich bisher nicht.

Kommt das Rad für immer in die Ecke?

Wenn man so viel gefahren ist wie ich, hört man nicht ganz auf. Ich werde mir ein Team suchen, das mir ein Rad gibt, und auch wieder Rennen fahren, allerdings auf anderem Niveau als bisher und eher in der Region, wo ich jetzt lebe. Fahren werde ich künftig mehr aus Spaß.

Ganz ohne Rennen geht es offenbar nicht. Brauchen Sie den Kick?

Ein bisschen schon. Aber ich werde keine 50 oder 60 Rennen pro Jahr mehr fahren, sondern vielleicht 20 oder 30. So viele wie das Studium zulässt und wozu ich Lust habe.

Was war für Sie der Grund, den Leistungssport aufzugeben?

Ich hatte die Entscheidung davon abhängig gemacht, ob ich bis zum Ende meiner U23-Zeit das Angebot eines Profiteams erhalte, das mir Perspektiven bietet. Ich wollte nicht halbherzig weitermachen, bis ich 28 Jahre alt bin und nur mit dem Abitur dastehe. Seit drei Jahren bin ich schon an einer Uni eingeschrieben, aber richtig zum Studieren kam ich nicht, weil ich 200 Tage im Jahr unterwegs war.

Gab es kein Angebot aus dem Profilager?

Doch. Ich hatte das Angebot eines Profiteams aus der zweiten Kategorie des Weltradsports, aber das hat mich nicht gereizt.

Inwieweit hatte das von der Nationalen Antidopingagentur Nada angestrengte Dopingverfahren gegen Sie einen Einfluss auf Ihre Entscheidung?

Das Verfahren hat sich lange hingezogen und damit auch Zeit geraubt, in der man sich hätte ein Team suchen können. Aber vielleicht hat mir das auch nur den letzten Schubs gegeben, um aufzuhören.

Sie wurden im September vom Vorwurf des Dopings freigesprochen. War es der wichtigste Erfolg für Sie im Jahr 2012?

Klar. Übermäßig belastet hat mich die Sache nicht, weil ich wusste, dass das Verfahren so ausgehen wird, wenn alles normal läuft. Aber spurlos an mir vorbeigegangen ist das Ganze auch nicht. Es fiel mir nicht leicht, mich ständig zu rechtfertigen, gerade weil es ein komplexer Sachverhalt ist.

Sie unterzogen sich 2011 am Olympia-Stützpunkt in Erfurt beim Mediziner Andreas Franke mehrmals einer UV-Blutbestrahlung. Mussten Sie das nicht oft erklären, gerade gegenüber Familie und Freunden?

Natürlich. Den Eltern hat man es erklärt und dann habe ich mit meinem Bruder einen Brief verfasst und an Freunde und Bekannte verschickt, um ihnen aufzuzeigen, was auf mich zukommt. Erstaunlich wenige haben sich aber getraut, das Thema anzusprechen und bei mir nachgefragt.

Dabei hätten Sie wahrscheinlich gern geredet?

Ja. Mir lag viel daran, das Missverständnis aufzuklären.

War die Behandlung bei Franke aus heutiger Sicht nicht ein Fehler?

Ja. Auch wenn es nichts mit Doping zu tun hatte, muss man bei einer Blutbehandlung damit rechnen, dass es missverständlich wahrgenommen wird. Ich bin deshalb zu Franke, weil ich gesundheitlich sehr angeschlagen und der Olympiaarzt eine große Vertrauensperson war.

Sie haben stets betont, dass die Behandlung aus gesundheitlichen Gründen wegen Infekterkrankungen erfolgte.

Ich hatte eine Nasennebenhöhlen-Entzündung, Polypen mussten herausoperiert werden. Zeitweise hatte ich Probleme beim Atmen.

Schlug Frankes Behandlung an?

Ja, ich wurde relativ schnell wieder gesund.

Dennoch sind Blutbehandlungen vor allem bei Ausdauersportlern eine heikle Sache. Hätten da nicht die Alarmglocken schrillen müssen?

Die Alarmglocken waren an und ich habe den Arzt auch genauer dazu befragt. Es wurde nur eine kleine Menge Blut behandelt, etwa 50 Milliliter, und Franke sagte, dass es in diesem Umfang erlaubt sei und er schon seit Jahren Sportler damit behandelt habe. Das hat mich überzeugt. Heute denke ich, dass es schon etwas blauäugig war, sich einer Blutbehandlung zu unterziehen. Brisant an der Sache war die Auslegung, wie man die Behandlung definiert. Die UV-Bestrahlung geht in Richtung einer homöopathischen Methode, ist als solche aber nicht anerkannt. Es ging in dem Verfahren gegen mich auch nicht um einen Dopingversuch, sondern um einen Regelverstoß. Dies wurde in der Berichterstattung in den Medien oft verdreht.

Wogegen sollen Sie verstoßen haben?

Gegen einen Punkt im Nada-Code bezüglich Infusionen und Manipulation von Blut, der bei der Wada (Weltantidopingagentur; Anm. d. Red.) wiederum umstritten ist. Ich war der erste Fall in dieser Richtung. Weil mich der ganze Spaß einiges Geld gekostet hat, war ich an einer Klärung meines Falls interessiert, aber den Grundsatzstreit wollte ich nicht austragen.

Die UV-Behandlung war bis 2011 erlaubt und wurde dann verboten...

2011 war sie nicht grundlegend verboten. Aber nur bis 2010 sind die Regeln recht eindeutig, sodass die Behandlung erlaubt war, 2011 war das schon nicht mehr klar ersichtlich, darüber wird noch immer gestritten. Erst im Zuge der ‚Causa Erfurt‘, wie es immer hieß, wurden die Regeln dahingehend geändert, dass die Methode eindeutig verboten ist. Im Verfahren haben wir dann auch eingestanden, dass es eine verbotene Methode ist, dass mich aber keine Schuld trifft. So haben wir uns geeinigt und damit kann ich leben.

Sie haben immer beteuert, dass für Sie Doping nie in Frage käme, Sie eher mit dem Radsport aufhören würden, wenn man sich nicht anders behaupten könnte ...

Ich war nie der Typ, der den Radsport verbissen gesehen hat. Und Sport nie als einzige Möglichkeit, Geld zu verdienen. Mir hat es Spaß gemacht, deshalb bin ich Rad gefahren und habe ich so viel reingesteckt. Aber mir war immer klar: Wenn es nicht aus eigener Kraft geht, lass‘ ich es.

Meinen Sie, dass Sie aus eigener Kraft bei den Profis hätten mithalten können?

Ja, ich denke schon. 2012 hatte ich ein etwas durchwachsenes Jahr, aber 2011 lief es super. Da hätte ich vielleicht einen Profivertrag erhalten, aber das Verfahren hat die Chancen beeinträchtigt.

Sie waren 2012 bei der Bahn- und bei der Straßen-WM der U23 am Start. So schlecht war das Jahr wohl nicht ...

Ganz so schlecht nicht, auch bei der Thüringen-Rundfahrt der U23 war ich als Vierter vorn mit dabei. Aber es war keine überragende Saison, um für ein Profiteam interessant zu sein.

Was ist so reizvoll daran, Radprofi zu werden?

Um eine neue Sicht vom Radsport zu kriegen. Als Profi hat man die Möglichkeit, die großen Rennen zu fahren, Rundfahrten wie die Tour de France. Viel unterwegs zu sein und zu reisen, das habe ich schon bei der U23 sehr genossen. Ich bin dankbar, dass ich durch den Sport so viel von der Welt gesehen habe.

Ist die Tour de France wirklich so ein Traumziel für Radsportler?

Für mich ist sie Hassliebe. In der U23 bin ich die Nachwuchs-Tour gefahren. Drei Pässe in einer Etappe in den Alpen, ich hatte Höllenschmerzen. Aber das nimmt man in Kauf.

Was bleibt hängen nach mehr als zehn Jahren Leistungssport?

Vor allem die Menschen, die man trifft. Auf der ganzen Welt verstreut habe ich viele Freundschaften geschlossen. Egal wo ich bin, nehme ich mein Handy aus der Tasche und rufe jemanden an, mit dem ich mich treffen kann. Daran denke ich am liebsten.

Und die ganz Schinderei, die vielen Rennen und Trainingsfahrten auch bei Kälte und Regen – in der Erinnerung schon verblasst?

Nein, die vergesse ich nicht. Es war nicht immer einfach, und oft hat man schon überlegt, ob man nicht lieber auf der Couch liegen bleibt, anstatt vier Stunden auf dem Fahrrad zu sitzen. Das fiel einem manchmal schwer.

Sie haben bis zuletzt Bahn- und Straßenradsport parallel betrieben. Wäre es nicht sinnvoller gewesen, sich frühzeitig zu spezialisieren?

In frühen Jahren ist es schon richtig, beides zu machen, und das eine schließt das andere nicht aus. Ob ich mich in den letzten ein, zwei Jahren nicht besser für eine Sache hätte entscheiden sollen, darüber kann man diskutieren. Bei Bahn und Straße muss man im Sommer und im Winter fit sein und das schmälert die Zeit der Erholung. Im März ist Bahn-WM, dann eine Pause, dann beginnt der Formaufbau für die Straßenrennen.

Kommt man nach den Bahnrennen im Frühjahr in der Straßensaison nicht zu spät in Schwung?

Wenn man gut plant, geht das. Aber man hat weniger Zeit, um sich auf der Straße durchzusetzen und gute Ergebnisse einzufahren.

Waren die Olympischen Spiele 2012 in London Ihr Antrieb, auf der Bahn zu bleiben?

Ja. Diesen Event mitzunehmen, war schon ein Ziel.

Das Sie mit dem deutschen Bahnvierer klar verfehlt haben ...

Fünf Teams aus Europa qualifizierten sich, wir waren Sechste. So gesehen war es nicht klar, aber der Abstand zum fünften Platz war schon groß.

Ist da nicht ein großer Traum geplatzt?

Ja, ein Stück weit schon.

Wie intensiv verfolgen Sie noch den Rennsport?

Ich war nie der Mensch, der die Profirennen übermäßig interessiert verfolgt hat. Aber weil ich mit Leuten wie John Degenkolb oder Marcel Kittel mal in einem Team gefahren bin, schaue ich noch hin.

Sie fuhren zuletzt drei Jahre für das Team Thüringer, wohnten und trainierten in Erfurt. Wie intensiv ist noch der Kontakt zu ihrem früheren Verein RSC Biberach?

Zu Trainer Bernhard Lingenhöle hatte ich durchgängig Kontakt, nicht oft, aber immer wieder. Mit den Fahrern unternimmt man was zusammen, wenn ich zu Hause in Ummendorf bin. Da wird auch schon mal gemeinsam trainiert.

Aber keine langen Ausfahrten mehr, oder?

Jetzt sind es noch drei oder vier Stunden lang, früher waren es fünf oder sechs. Also angenehm.

Sie wollen künftig in Köln neben Englisch auch Sport studieren. Auf welche Sportarten freuen Sie sich besonders und wovor graut Ihnen?

Mir graut vor Turnen. Dafür bin ich als Radsportler nicht geeignet, weil der Oberkörper eher wenig trainiert ist. Da muss ich noch was tun, um fitter zu werden. Sonst freue ich mich auf alles, vor allem auf Outdoorsport wie Klettern oder Fallschirmspringen oder das Rudern auf dem Rhein.

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