Ranghöchster Soldat warnt vor neuen Konflikten

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Der frühere Generalinspekteur der Bundeswehr, Wolfgang Schneiderhan. sprach in Ummendorf über die Weltpolitik.
Der frühere Generalinspekteur der Bundeswehr, Wolfgang Schneiderhan. sprach in Ummendorf über die Weltpolitik. (Foto: Andreas Spengler)

Wie kann sich Deutschland in der Welt behaupten und welche Bedrohungen gehen von den politischen Krisenherden aus? Zu diesen Themen hatte der CDU-Gemeindeverband Wolfgang Schneiderhan ins Ummendorf Schloss geladen, den früheren Generalinspekteur der Bundeswehr – einst Deutschlands ranghöchster Soldat. Der gebürtige Oberschwabe erwies sich als Kenner der politischen Mächtespiele, sprach sich für ein starkes Europa aus und warnte die Zuhörer vor einem Konflikt, der der „Sprengkraft von Atombomben“ nahekomme.

Sieben Jahre lang war Schneiderhan einst für die Planung und Organisation der Auslandseinsätze der Bundeswehr verantwortlich. Als Generalinspekteur diente er zuletzt auch unter dem damaligen Verteidigungsminister Karl-Theodor zu Guttenberg – bis seine Karriere 2009 ein vorzeitiges Ende fand, als er nach einer Informationspanne beim Luftangriff bei Kundus zurücktrat.

Seine Zeit im Ruhestand könne er aber genießen, betonte der 72-Jährige: „Es ist ein großes Gefühl der Erleichterung, wenn man die Verantwortung auch mal wieder abgeben kann.“ Mit den Auslandseinsätzen wie in Afghanistan habe Deutschland damals „Neuland“ betreten, die Arbeit als Generalinspekteur sei oft aufreibend gewesen. „Ich habe nicht nur ein Mal Eltern in die Augen schauen müssen, die ihren Sohn verloren haben“, erzählte er bei seinem Vortrag in Ummendorf. Heute engagiert sich Schneiderhan unter anderem als Präsident des Volksbunds Deutsche Kriegsgräberfürsorge. Doch auch die Weltpolitik lasse ihn nicht los.

„Im Augenblick geht das amerikanische Zeitalter zu Ende“, sagte Schneiderhan. Die Welt sei aus den Fugen geraten. Jahrelang sei Deutschland „ganz stramm“ an der Seite der Amerikaner marschiert, doch die ziehen sich nun immer weiter zurück. „Wir waren so sicher mit diesen Amerikanern an unserer Seite, dass wir keinen Plan B entwickelten. Mit dem Rückzug der Amerikaner entstehe ein Vakuum, das „brandgefährlich“ sei. Allen voran drängt China auf die Weltbühne. Und die meisten Probleme könnten zudem nur noch mit Russland gelöst werden, wie der Konflikt in Syrien. „Putin hat an Einfluss gewonnen, der spielt jetzt auf der Weltbühne mit.“ Einen neuen Kalten Krieg könne er jedoch nicht erkennen, meinte Schneiderhan, „ich würde es eher als kalten Frieden bezeichnen“.

Die Besetzung der Krim und der Krieg in der Ukraine seien „nicht akzeptabel“. Dennoch sei Russland heute „weit entfernt“ von der Rolle, die die Sowjetunion früher hatte. „Wir dürfen uns wegen Russland nicht verrückt machen“, empfahl der frühere General. Sehr viel mehr Sorge bereite ihm der Zündstoff, der sich in Nordafrika und auf der arabischen Halbinsel balle. In Ländern wie Jordanien sind rund 40 Prozent der Jugendlichen arbeitslos, zudem ist die Bevölkerung in Maghreb-Staaten extrem jung, habe aber häufig keine berufliche Perspektiven. Hinzu komme ein Wandel der Geschlechterrollen, der vieles infrage stelle. Korruption, Misswirtschaft seien an der Tagesordnung. „Die Probleme kulminieren in diesen Staaten.“ Zu alldem komme nun der Klimawandel hinzu, der den Kampf ums Wasser verschärfe. Das sei ein Konflikt mit der „Dimension, die der Sprengkraft von Atombomben nahekommt“.

Verfechter eines starken Europas

Diese Probleme und Konflikte auf der Welt könne kein Nationalstaat alleine lösen. „Wer etwas anderes behauptet, hat die Dimensionen nicht im Entferntesten verstanden“, sagte Schneiderhan. Er gab sich als Verfechter eines starken Europas, doch die Vision einer gemeinsamen europäischen Armee sei noch „ganz weit weg“.

Die Antwort Deutschlands könne zudem nicht sein, dass „alle Diktaturen zu Demokratien umerzogen werden müssen“. Schließlich habe es auch in Deutschland lange gebraucht, bis die Demokratie Grundlage der Gesellschaft wurde. Nicht jeder Konflikt lasse sich zudem mit Soldaten lösen. Die Geschichte der letzten Jahrzehnte zeige, dass der gewaltsame Regimewechsel sehr oft danebenging. Wichtiger sei, dass die Staaten selbst wieder zu einer Gesellschaft zurückfänden, in der sie gerne leben. Das könnten nun mal nicht in jedem Fall die perfekte Demokratien sein, meinte Schneiderhan. Deutschland aber müsse die Menschenrechte vertreten und für die Rechtsstaatlichkeit einstehen.

Auch zum Zustand der Bundeswehr äußerte sich Schneiderhan. Die Truppe seit weiterhin gut aufgestellt, das zeigten die jahrelangen Einsätze. Allerdings sei über Jahrzehnte an der Ausrüstung gespart worden. Weder mit deutlich mehr Geld noch mit übermäßigem Perfektionismus ließen sich alle Probleme lösen. Bei der Panzerentwicklung zum Beispiel habe er das Gefühl, Deutschland sei erst zufrieden, wenn die Geräte „auch noch essbar sind“.

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