Netze BW will Stromnetze effizienter planen

Lesedauer: 5 Min
Projektleiterin Christiane Kurka an einem der modernen Zählsystem.
Projektleiterin Christiane Kurka an einem der modernen Zählsystem. (Foto: Netze BW)
Schwäbische Zeitung

Lässt sich mit moderner Messtechnik der Ausbau der Stromnetze effizienter planen? Dieser Frage geht die Netze BW im Raum Tannheim nach. Nicht zuletzt wegen der Vielzahl an Fotovoltaikanlagen hat die EnBW-Tochter die Region für den Test ausgesucht.

Der Bau neuer „Stromautobahnen“ für den Transport von Windstrom aus der Nordsee in den Süden ist seit Jahren Thema. Gerade im Oberschwäbischen ist in den vergangenen Jahren aber auch deutlich geworden, wie wichtig die lokalen und regionalen Verteilnetze für das Gelingen der Energiewende sind. Einen ordentlichen zweistelligen Millionenbetrag investiert die Netze BW nach eigenen Angaben Jahr für Jahr vor allem in den Ausbau der Mittelspannungsebene zwischen Ulm und Bodensee.

Eines der wesentlichen Ziele: die Stromnetze dauerhaft so zu gestalten, dass die dem Anstieg dezentraler Erzeugungsanlagen wie Fotovoltaik- oder Biogasanlagen gewachsen sind. Nicht erst seit den Diskussionen über die steigenden Kosten der Energiewende erforscht die EnBW-Tochter in fünf über das ganze Land verteilten „Netzlaboren“, wie sich der Ausbau mithilfe intelligenter Technik sinnvoll begrenzen lässt.

An welchen Stellen muss das Netz wie gebaut ausgebaut werden? Wo können eventuell Kosten gespart werden? Antworten dazu soll auch der Feldtest in zwei getrennten 20 000-Volt-Stromkreisen, die aus dem Umspannwerk Unteropfingen die Gemeinden Aitrach und Tannheim versorgen, liefern.

Zähler zeichnen Stromflüsse auf

Monteure haben in den vergangenen Wochen sogenannte Lastgangzähler in rund 50 Ortsnetzstationen, die etwa 40 bis 50 Hausanschlüsse versorgen, eingebaut. Dort wird der Strom von 20 000-Volt-Mittel- auf die in Haushalten und Betrieben gängigen 230-Volt-Niederspannung transformiert und über die Ortsnetze an die Hausanschlüsse verteilt.

Die Zähler können die Stromflüsse sekundengenau aufzeichnen und dokumentieren insbesondere, ob und wann eine Lastumkehr vorlag. Sprich: Wann wird durch Fotovolotaik- oder Biogasanlagen mehr Strom produziert als im Ortsnetz gebraucht wird? Für das Stromnetz sind diese Einspeisung schließlich neue Herausforderungen, sind sie doch ursprünglich so konzipiert worden, den Strom nur in eine Richtung zu transportieren: vom Umspannwerk in die Steckdose.

Es ist zwar bekannt, dass immer mehr Gebiete mit hoher Dichte an Solaranlagen bei hoher Sonneneinstrahlung plötzlich vom Verbraucher zum „Kraftwerk“ werden. „Präzise Zeitreihen, die sich Planer immer häufiger wünschen, liegen bislang jedoch selten vor“, erläutert Christiane Kurka, die für das Projekt verantwortliche Ingenieurin.

Die Daten lassen sich per Fernauslesung zentral sammeln und für die Netzberechnung auswerten. Interessant sind für die Netze BW besonders die Informationen über Spitzenwerte bei Last und Einspeisung sowie mögliche Überschreitungen von Spannungsgrenzwerten. Davon hängt schließlich ab, an welchen Stellen genau ein Netzausbau erforderlich und wie dieser auszulegen ist.

Feldtest auf ein Jahr angelegt

Bereits im Juli begannen die Messungen auf einem der beiden Stromkreise. Anhand einer Aufzeichnung vom 6. Juli aus der Ortsnetzstation Illertalring in Tannheim wird exemplarisch deutlich: Ab 8.30 Uhr war hier der Verbrauch bis zum frühen Nachmittag negativ, die Wohngegend fungierte in diesem Zeitraum tatsächlich als „Kraftwerk“, speiste Strom ins Netz ein.

Seit ein paar Tagen läuft das komplette Programm. Der Feldtest ist zunächst auf etwa ein Jahr angelegt. Er soll Aufschluss darüber geben, ob die Methode auch in anderen Gebieten mit hoher dezentraler Stromeinspeisung Vorteile verspricht. Insgesamt betreibt die Netze BW in ihrem Versorgungsgebiet rund 25 000 solcher Ortsnetzstationen. Erste Erkenntnisse erhofft sich Christiane Kurka noch vor Ende 2017.

Ihr Kommentar wird nach einer kurzen Prüfung durch unsere Redaktion veröffentlicht.
Kommentare werden geladen
Mehr Themen