Meisterhaft klingen Piano-Boogies

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Ein pures musikalische Vergnügen: Dan Popeks Auftritt im Pianohaus Ernle in Tannheim.
Ein pures musikalische Vergnügen: Dan Popeks Auftritt im Pianohaus Ernle in Tannheim. (Foto: Günter Vogel)
Schwäbische Zeitung
Günter Vogel

Das Pianohaus Ernle in Tannheim hatte zu seinem traditionellen Mai-Wochenende mit hochkarätiger Unterhaltungsmusik geladen. Und am Samstag hörte die Besucher Dan Popek, einen Jazz-Pianisten der Spitzenklasse, dessen Boogies man zum Nonplusultra der unterhaltenden Klaviermusik zählen kann.

Der Pianist beherrscht mit seinen 21 Jahren die unterschiedlichsten Jazz-Stile, präsentiert auch Klassiker der Musikliteratur. Man rechnet ihn zu den hoffnungsvollsten „New Talents der deutschen Jazzszene“. Ursprünglich sollte seine Schwester Aranka mit ihren Songs dabei sein, aber sie war plötzlich erkrankt, sodass es ein reiner Klavierabend wurde. Künstlerisch kein Nachteil.

Und er begann mit einer Komposition des großen Pianisten der ersten Hälfte des vorigen Jahrhunderts, Art Tatum, und dessen „The Shout“, das sich in rasend schnelle Läufe steigert. Popek moderiert selbst, nimmt sein Publikum mit jugendlichem Charme auch verbal für sich ein. Und er weiß sich Applaus zu holen, ermuntert, in besonders gelungene Phrasen direkt hineinzuklatschen.

Und dann fetzt er los, donnert meisterhafte Boogie-Figuren aus dem Steinway heraus. Man sieht Zuhörerfüße die mitwippen. Und er lässt natürlich Klassik hören, so von Alexander Scriabin de Etüde op 2, Nr. 1, cis-moll mit viel lyrischer Stimmung. Dann ein weiterer Knüller: „Take five“ , 1959 von Paul Desmond komponiert, von Dave Brubeck zum Evergreen veredelt. Und ohne Anmoderation plötzlich ein Welthit, „In the mood“ von Glenn Miller. Rhythmisches Publikumsklatschen. Miller schrieb für große Bläserbesetzung. Popek setzte das großartig für seine 88 Tasten um.

„Caravan“ ist ein Jazz-Standard, komponiert von Juan Tizol und Duke Ellington. Der Jazzsong von 1936 erinnert mit seinem „exotischen Sound“ an die Musik des Nahen Ostens. Dan Popek brachte die vertrackte Taktierung virtuos und elegant herüber. Und dazwischen immer wieder seine genialen und mitreißenden Boogie-Formulierungen.

„Asturias“ ist eine Komposition des Spaniers Isaac Albéniz aus der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts. Das polnische Klavierduo „Marek und Vacek“ aus den Siebzigern, dessen Spezialität Bearbeitungen klassischer Werke mit Stilelementen des Jazz von Swing bis Ragtime waren, hat daraus ein sehr fulminantes und sehr spanisches Klavierstück gemacht. Dan Popek präsentiert es auf dem Tablett meisterhafter Jazzharmonien.

George Gershwin hat von seiner weltberühmten „Rhapsodie in Blue“ selbst eine „Partyversion“ für Klavier angefertigt, die der Pianist direkt in Ohr und Seele der Zuhörer ablieferte. Und er kann auch Bach, spielt ein Präludium mit Fuge sehr spannend mit der Dynamik des Jazzpianisten. Und dann ein mitreißender klassischer Ragtime. Von Fats Waller „Handful of Keys“, allerschönste und meisterhafte Barmusik der 30er-Jahre. Und mit „Honki Tonk“ dann noch einmal ein Boogie traditional. Ach ja, und singen tut er auch. Aber reden wie lieber von seinen meisterhaften pianistischen Fähigkeiten. Das ganze Konzert von Dan Popek war ein pures musikalische Vergnügen.

Bereits am Freitag war bei Ernle der der Klavier-Kabarettist Marco Tschirpke mit seinen „Lapsusliedern“ zu Gast, poetisch, lapidar, zufällig, mit der Meisterschaft scharfer Formulierungen. Am Sonntag schließlich beendete die A-capella-Gruppe „Mundwerk“ mit Klassikern aus Pop, Gospel, Jazz das musikerfüllte Wochenende in Tannheim.

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