Massenbewegung für individuelle Freiheit

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Franz Liesch, hier umrahmt von Mitgliedern des Baltringer Haufens, hat das Symposion in Sulmingen organisiert. (Foto: Hofmann)
Diana Hofmann

Vor handverlesenem Publikum hat das Symposion zur Heimatgeschichte in Sulmingen stattgefunden. Im Rahmen der Jahrestagung der „Arbeitsgemeinschaft deutscher Bauernkriegsmuseen“, zu der sich die Museumsleiter und Bauernkriegsforscher aus Baden-Württemberg und Thüringen getroffen haben, sprachen am Freitagabend Dr. h. c. Elmar Kuhn aus Überlingen und Thomas T. Müller aus Mühlhausen/Thüringen.

Oberschwaben als Ganzes sei ein Ort der Erinnerung an eine Massenbewegung, die dem Wunsch des Menschen nach individueller Freiheit Ausdruck gegeben habe, sagte Franz Liesch, Leiter der Erinnerungsstätte Baltringer Haufen in Baltringen und Organisator der Tagung, in seiner Begrüßung. Elmar L. Kuhns Vortrag zur Programmatik und Organisationsform der Bauernhaufen zeichnete detailliert die Entstehung und Wirkung des Bauernaufstands von 1525 von der Konspiration Einzelner bis zur festen Organisation nach. Unter der Überschrift „Zur Republik war nur ein kleiner Schritt“ verdeutlichte er, wie nahe man schon 1525 einer demokratischen Staatsform war.

Ausgehend von der Reformation, entdeckten die Aufständischen das „göttliche Recht“ als allgemeines Recht anstelle des „alten Rechts“ der Feudalgesellschaft. Die Obristen und Räte der „Christlichen Vereinigung“, des Zusammenschlusses des Baltringer, Allgäuer und des Seehaufens, waren mittlere und größere Bauern. Sie verfügten über weitreichende Kontakte und verhinderten letztendlich auch den letzten Schritt zur Revolution und damit zur Republik. Denn: „Sie hatten etwas zu verlieren“, so Kuhn.

Gescheitert seien die Bauern dennoch nicht: „Eine Rechtsverschlechterung wurde verhindert und die Grundzüge eines Rechtsstaats etabliert, die Ideale der Französischen Revolution vorweggenommen.“

Propagandistische Zwecke

In den Wettbewerb um den „besseren“ deutschen Staat bezogen nach 1945 als erstes die DDR, später auch die BRD die Aufstände der Bauern mit ein. „Von Protokommunisten und Wutbürgern“ übertitelte Thomas T. Müller, Direktor der Mühlhäuser Museen, seinen ausführlichen Vortrag. Bereits ab 1947 diente die Stilisierung des Theologen, Reformators und Revolutionärs Thomas Müntzer aus Stolberg (Harz) zum Vorläufer und Wegbereiter des Kommunismus der Führung des „Arbeiter- und Bauernstaates“ zu propagandistischen Zwecken.

In der BRD dagegen marschierten Anti-Atomkraft-Gegner oder die Gegner der Mercedes-Benz-Teststrecke in Boxberg unter der Bundschuhfahne und übernahmen so den „Widerstand des kleinen Mannes“ von 1525 für das 20. Jahrhundert. „Heute würde man ‚Wutbürger’ sagen“, so Müller. Er zitierte Bundespräsident Gustav Heinemann, der als erster westdeutscher Politiker 1970 eine Neubewertung der aufständischen Bauern angemahnt und sie in die „Traditionslinie freiheitlich-demokratischen Denkens“ gestellt habe.

Mit der Verarbeitung der Ereignisse um 1525 im Profi- und Laienschauspiel habe besonders der Südwesten Deutschlands eine Form der lokalen Erinnerungskultur gefunden. Als Beispiele nannte Müller Aufführungen von Goethes „Götz von Berlichingen“, die Florian-Geyer-Festspiele oder die „Bauernoper“, 1973 am Landestheater Tübingen uraufgeführt.

In Sulmingen gaben die historischen Gruppen aus Baltringen, Laupheim, Biberach und der „Seehaufen“ aus dem Bodenseekreis ein lebendiges Bild der Bauern von damals. Auch Bernhard Bitterwolf aus Bad Waldsee ließ „Bauernleid im Bauernlied“ wieder aufleben.

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