Auf Bagger folgen blühende Landschaften

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Wie in früheren Tagen darf die Seekircher Ach durch frei durch das Nördliche Federseeried mäandern. Bald werden sich hier auch wieder für die Moorlandschaft typische Pflanzen und Tiere ansiedeln, blicken Kerstin Wernicke und Jost Einstein voraus. (Foto: Annette Grüninger)
Annette Grüninger

Die Bagger sind abgezogen, nun beginnt das stillere Werk der Natur. Pünktlich zum Jahresende sind die aufwendigen Bauarbeiten zur Wiedervernässung des Nördlichen Federseerieds abgeschlossen worden. Bis sich die Natur ihren Raum zurückerobert, wird es zwar noch Jahrzehnte dauern. Die ersten Erfolge der von EU-Mitteln geförderten Naturschutzmaßnahme zeigen sich aber schon jetzt.

Ganz wie in ihren alten Tagen schlängelt sich die Seekircher Ach gemächlich durch das Ried. Der zuvor begradigte Bach – immerhin der wichtigste Zufluss zum Federsee – ist in den vergangenen Monaten wieder in seinen ursprünglichen Lauf eingebettet worden. „Dafür wurde der ganze Bach um 40 Zentimeter angehoben, damit er nicht mehr entwässernd wirkt und den Wasserspiegel stützt“, erklärt Jost Einstein, Leiter des Nabu-Naturschutzzentrums Federsee.

Spuren der spektakulären Baumaßnahme, bei der Raupenbagger und andere Spezialgeräte aus Holland eingesetzt wurden, finden sich noch immer auf dem Gelände. An den Ufern schichtet sich abgestorbener, dunkler Torf, der zum Verfüllen der Entwässerungsgräben verwendet wurde. Dazwischen sammeln sich Schneereste und halb gefrorene Wasserpfützen.

Noch ein bisschen karg wirkt die Riedlandschaft an diesem frostig kalten Dezembertag. Jost Einstein sieht dennoch blühende Landschaften vor seinem inneren Auge. Wohl noch im Winter sollen hier typische Moorpflanzen ausgesät werden, deren Samen an anderen Standorten des Federseegebiets gewonnen wurden. Wenn hier im Sommer dann alles blüht, werden auch Schmetterlinge und andere Insekten wie die Sumpfschrecke, eine seltene Heuschreckenart, nicht auf sich warten lassen. „Langfristig werden sich auch Braunkehlchen, Wiesenpieper und vielleicht auch die Bekassine, der Riedmeckeler, wieder ansiedeln“, blickt Einstein voraus und stützt sich dabei auf Erfahrungen vergangener Maßnahmen zur Wiedervernässung. Für die Population des Braunkehlchens etwa würde dies eine gewaltige Stabilisierung bedeuten: Einst ein Allerweltsvogel, lebten heute nur noch höchstens 500 Paare in Baden-Württemberg – davon allein 200 Paare im Federseegebiet, sagt Einstein nicht ohne Stolz. Dennoch: „Bis sich hier ein endgültiges Gleichgewicht einpendelt, werden noch sicherlich 20 Jahre vergehen“, so der Naturschützer.

Erste Erfolge stellten sich aber bereits jetzt ein, ergänzt Kerstin Wernicke vom Nabu-Naturschutzzentrum. Das Wasser, das sich nun nach Regenfällen in den Vertiefungen sammelt, sei schon während der Bauarbeiten von den Zugvögeln „als Tankstelle“ angenommen worden.

Und nicht nur der Naturschutz habe sichtbar von der Maßnahme profitiert, betont Einstein: Gleich zwei prähistorische Einbäume haben die Archäologen entdeckt, die jeden Schritt der Baumaßnahme begleitet haben. Die stein- und bronzezeitlichen Relikte, zu denen auch die Funde des Unesco-Weltkulturerbes gehören, liegen nur knapp unter der Oberfläche. Werden sie nicht mehr von einer feuchten Torfschicht geschützt, beginnt sofort der Zersetzungsprozess und die Spuren der Vergangenheit gehen für immer verloren. „Hier geht es also nicht nur um ein paar Blümla und Käferla, sondern auch um das Weltkulturerbe“, hebt Einstein hervor.

Und um den Klimaschutz: Denn mit der Zersetzung der Torfschicht – in der Vergangenheit waren das im Federseeried 20 bis 30 Zentimeter pro Jahr – wird auch Kohlendioxid freigesetzt. „Man rechnet mit 16,8 Tonnen pro Hektar und Jahr“, so Einstein. Zum Vergleich: Ein VW Golf muss, um dieselbe Menge Kohlendioxid auszustoßen, etwa 140000 Kilometer fahren – und könnte damit die Erde dreieinhalb mal umrunden.

Zumindest am Nördlichen Federseeried ist diese fatale Entwicklung nun gestoppt worden. Doch bis ein wirklicher Gegeneffekt eintritt, braucht es einen sehr, sehr langen Atem: Torf ist zwar schnell zerstört – wächst aber mit einem Meter in tausend Jahren unendlich langsam.

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