Virile Anschlagskunst verzückt das Publikum

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 Konzentriert und virtuos: Nikita Tonkonogov.
Konzentriert und virtuos: Nikita Tonkonogov. (Foto: Vogel)
Günter Vogel

Im vorigen Jahre war der Künstler Nikita Tonkonogov erster Preisträger beim 8. Siegfried-Weishaupt-Wettbewerb, stellte sich jetzt einem begeisterten Publikum vor. Sein Programm eröffnete er mit dem spätbarocken Domenico Scarlatti und dessen d-moll-Klaviersonaten 516 und 517 mit präzisen Ausformulierungen der der höchst originellen und anspruchsvollen Klangdesigns. Sein Prestissimo hat schier rasenden Charakter, von dem virtuosen Pianisten souverän gestaltet. Dann erklingt Ludwig van Beethovens Sonate für Klavier Nr. 17 d-Moll „Der Sturm“.

Die Bezeichnung „Der Sturm“ geht auf eine, vom Beethoven-Biographen Anton Felix Schindler behauptete, Äußerung des Komponisten zurück, die die Sonate mit Shakespeares Drama „Der Sturm“ in Verbindung bringt. Die drei Sätze beginnen piano, entwickeln lyrisch wohlklingende melodiöse Phrasen. Über ein Rezitativ in der Satzmitte schrieb der Klavierpädagoge und Beethovenschüler Carl Czerny, dass es „hinter einem Pedalschleier wie aus weiter Ferne klagend, ertönen muss”. Die Musik wird cantabile „vom Klavier gesungen.“

Ein Arpeggio eröffnet auch den zweiten Satz, ein weiteres Adagio mit träumerischer Kantilene. Der Schlusssatz ist ein tänzerisches Allegretto mit ostinater Bewegung der Sechzehntel. Und wieder Czerny: „Beethoven ist zu diesem Satz angeregt worden, als er einst einen Reiter an seinem Fenster vorbeigaloppieren sah.“

Frederic Chopin hat vier Scherzi geschrieben, expressive, virtuose Bekenntnismusik. Tonkonogov spielte das hochvirtuose Scherzo Nr. 3 cis-Moll, entstanden 1839 auf Mallorca. Den musikalischen Höhepunkt bildet der faszinierende Mittelteil, einer der kompositorischen Höhepunkte im Schaffen Chopins, ein Scherzo von klassischer Größe. Louis Kentner ,ein ungarischer Pianist, nannte dieses dritte Scherzo „eine Wagner-Melodie von erstaunlicher Schönheit, die an den Klang von Tuben, Harfen und dem gesamten apokalyptischen Orchester von Walhalla erinnert.“

Robert Schumann hatte sein Lied „Widmung“ aus dem Liederzyklus „Myrthen“ op. 25 nach einem Gedicht von Fanz Rückert geschrieben: „Du meine Seele, Du mein Herz“, Romantik zum Dahinschmelzen. Der nahezu gleichaltrige Franz Liszt hat daraus eine grandiose Bearbeitung für Klavier gemacht, ein dramatisches Bekenntnis mit großklängigen Höhepunkten, aufgestrahlt durch raffinierte Dynamiken. Mit der Erweiterung von 44 auf 73 Takte enstand ein freie Bearbeitung mit vollgriffigen Akkorden und Triolen und dem von Liszt gefordertem „fff vibrato assai“.

Von Robert Schumann dann seine Klaviersonate für Klavier Nr.1 fis-Moll, op. 11. Den Kopfsatz beherrscht ein temperamentvolles Allegro-vivace-Thema. Umfangreich und dramatisch gesteigert die Durchführung, in der auch ein Motiv aus dem ursprünglichen „Fandango“ als Vorstufe zur Sonate thematische Bedeutung erhält.

Der zweite Satz „Senza passione, ma espressivo“ mit wehmutvollem Duktus geht auf ein sieben Jahre zuvor komponiertes Lied über unerfüllte Liebe „An Anna“ zurück. Im folgenden Satz „Scherzo e Intermezzo“ greift Schumann erneut Material aus früheren, unveröffentlicht gebliebenen Kompositionen auf. Schumann nähert sich hier der Tanzsphäre mit polonaisehaftem Mittelsatz und der melodisch-rhythmischen Ahnung eines Ländlers. Der sehr lange Schlusssatz „Allegro und poco maestoso“ kommt mit stürmischen Einleitungsakkorden daher, weist Elemente lyrischer Liedmelodik auf.

Nikita Tonkonogov ist ein Pianist der Sonderklasse. Er erzählt mit gestalterischer Raffinesse, gestaltet die lyrisch-romantischen Schönheiten blühend heraus, baut klangliche Architekturen virtuos und souverän. Sein hoch gestimmtes Publikum reißt er mit viriler Anschlagskunst und intelligenter Sensibilität für gestalterische Klanglichkeit einschränkungslos mit.

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