Die Helfer der „Kleinen Blume“ bekämpfen auch den Hunger

Frisch eingetroffen im Pushpa Home und mit Blumen begrüßt, macht Uta Kölle bereits Visite – ein Bild aus dem Jahr 2018. Auch in
Frisch eingetroffen im Pushpa Home und mit Blumen begrüßt, macht Uta Kölle bereits Visite – ein Bild aus dem Jahr 2018. Auch in diesem Herbst wollten die Ärztin und ihr Mann wie üblich nach Kalkutta, doch die Corona-Pandemie hat es verhindert. (Foto: Roland Ray)
Redaktionsleiter

Schwendi statt Kalkutta. Geborgenheit, keine Slums. Überfluss, nicht blanke Not. Der Monat November ist für Uta und Dankwart Kölle anders gewesen als in den Jahren zuvor. Für gewöhnlich sind die beiden Mediziner um diese Zeit in Indien und arbeiten im Pushpa Home, einem Hospital für tuberkulosekranke Kinder, Partnerprojekt der German Doctors, das sie maßgeblich initiiert haben, seither betreuen und mit Spenden finanzieren – „doch das Coronavirus hat unsere und viele andere Pläne zerstört“. Ein Visum zu bekommen ist derzeit schwierig und für die Eheleute, 78 und 77 Jahre alt, wäre ein Aufenthalt in Kalkutta jetzt auch nicht ratsam. Was wird, ist ungewiss. „Das macht uns großen Kummer“, sagt Dankwart Kölle. Telefonisch und via Internet halten er und seine Frau Kontakt und versuchen aus der Ferne zu lenken und zu verwalten. Und bestmöglich zu helfen.

16 000 Euro für Nahrungsmittel gespendet

Unterstützung brauchen die Menschen in Kalkutta mehr denn je. Die Corona-Pandemie und ein Wirbelsturm, der im Mai über Bengalen hereinbrach, eine Schneise der Zerstörung schlug und Ernten vernichtete, haben das Elend gerade der Ärmsten nur noch weiter verschärft. Während einer dreimonatigen Ausgangssperre verloren viele Tagelöhner ihr Einkommen; ihre Familien litten Hunger. In dieser Situation hat der Verein „Projekt 36 – Kalkutta-Hilfe“, der Spenden für die Arbeit der Eheleute Kölle sammelt, unverzüglich Geld für Grundnahrungsmittel bereitgestellt. 16 000 Euro wurden inzwischen überwiesen, die Aktion dauert an. Die indische Hilfsorganisation Howrah South Point, mit der Kölles eng zusammenarbeiten, und das St. Thomas Home, ein von der nordindischen anglikanischen Kirche betriebenes und den German Doctors betreutes Krankenhaus für Tb-kranke Frauen, finanzieren mit dem Geld Pakete mit Reis, Linsen, Öl und Kartoffeln und verteilen sie.

Tiefgreifende Auswirkungen hat die Pandemie auch auf die medizinische Versorgung im Land. Komplette Kliniken mussten sich auf Anordnung des Staates ausschließlich um Covid-19-Patienten kümmern; Ärzte und Schwestern infizierten sich, Stationen wurden unter Quarantäne gestellt oder geschlossen, Patienten, die keinen negativen Corona-Test vorweisen konnten, abgewiesen, Operationen verweigert. Gut situierte Mediziner blieben zu Hause, die Ambulanzen in den Slums geschlossen.

Mit dem Leben bezahlt

„All dies führte dazu, dass wir in den Monaten März bis Juli nur wenigen Patienten mit einer Operation helfen konnten“, schreibt Tobias Vogt, Langzeitarzt der German Doc- tors in Kalkutta, in einem Bericht an die Hilfsorganisation Pro Interplast in Seligenstadt (Hessen). „Viele Patienten mussten sehr lange auf eine Operation oder andere Hilfe warten und viele Kranke haben die Ausgangssperre und die Veränderungen des Gesundheitssystems in diesen Moanten mit ihrem Leben bezahlt.“

„Krankenhäuser, die bereit waren, Patienten zu operieren, verlangten in dieser Phase das Doppelte des sonst üblichen Satzes“, weiß Uta Kölle. So geschehen im Fall eines elfjährigen Mädchens, dessen Halswirbelsäule von Tuberkulose befallen war. Das Kind brauchte eine Not-OP, Pro Interplast stellte das Geld dafür bereit. Die OP war erfolgreich, die drohende Querschnittslähmung konnte abgewendet werden. Jetzt ist das Mädchen zur weiteren Behandlung im Pushpa Home. Etwa ein Jahr dauert die Therapie.

Bis zu 30 Patienten kann das Pushpa Home aufnehmen. Momentan stehen Betten leer. Die Kinder, bei denen eine ambulante Weiterbehandlung zu verantworten war, wurden zu Beginn der Corona-Zeit nach Hause entlassen. „Nur wenige sind zurückgekommen“, berichten Kölles. Sie zu Hause aufsuchen zu wollen ist so gut wie aussichtslos: Busse und Bahnen fahren nicht oder sind überfüllt, viele Straßen gesperrt oder unpassierbar.

Die indische Lungenfachärztin Mita Roy, seit der ersten Stunde im Pushpa Home dabei, und andere Ärzte, die sich in einem 24-Stunden-Bereitschaftsdienst abwechseln, haben die Versorgung der jungen Patienten im Pushpa Home aufrechterhalten. Das Personal arbeitete nach einem Notplan.

Was die Ausstattung betrifft: Es geht weiter voran. Zuletzt wurden die Duschen und Toiletten modernisiert. Eine Photovoltaik-Anlage, finanziert auch mit Spenden aus der SZ-Aktion „Helfen bringt Freude“, versorgt jetzt nicht nur das Pushpa Home mit Strom, sondern auch die im selben Gebäude untergebrachte zentrale Apotheke der German Doctors für Kalkutta. Dieses Jahr mussten Sturmschäden auf dem Gelände beseitigt werden; der Zyklon hatte Bäume entwurzelt, Dächer beschädigt und ein Solarpanel abgeknickt.

Induktionskochstellen statt Kerosinofen

2021 soll die Wasserversorgung verbessert werden. Kölles möchten das Pushpa Home ans öffentliche Netz anschließen und es damit unabhängiger vom eigenen Tiefbrunnen machen; die Pumpe ist altersschwach und muss erneuert werden. Die Kerosinöfen in der Küche – eine in Indien verbreitete Feuerungsart, die häufig zu Unfällen mit schweren Verbrennungen führt – werden durch Induktionskochstellen ersetzt. Neue Vorgaben für die Kinderbetreuung könnten es erfordern, eine Sozialarbeiterin einzustellen, die die Verbindung zwischen Langzeitpatienten und Elternhaus halten und entlassene Kinder nachbetreuen soll.

Immer noch geschlossen, wie alle Schulen und Wohnheime in Indien, ist das 2009 an das Kinderkrankenhaus angegliederte Mädcheninternat Asha Kiran. Das Personal ist geblieben, der Verein „Projekt 36“ kommt weiterhin für die Kosten auf – irgendwann, hofft Uta Kölle, werden die Frauen ja auch wieder gebraucht.

Nach Kräften unterstützt der Verein auch das St. Thomas Home. Dort ist vor Kurzem ein neues Ambulanzfahrzeug eingetroffen, von „Projekt 36“ finanziert. „Das alte ist fast auseinandergefallen“, sagt Dankwart Kölle.

Der Tb-Erreger wütet weiter

Auf die Hilfe aus Oberschwaben ist – auch dank der SZ-Leserinnen und -Leser – Verlass. Und der Tb-Erreger wird weiter wüten in den Slums. „Die hiesige Tuberkulose-Epidemie hält nicht still, weil gerade auch eine andere Epidemie abläuft“, betont Tobias Vogt. Dankwart Kölle geht davon aus, dass sich in Zeiten wie diesen, in denen wegen der Corona-Restriktionen weniger Tb-Kranke identifiziert und therapiert werden können als sonst, eine hohe Dunkelziffer aufsummiert; und dass die Ärzte in der Folge vermehrt schwere Verläufe zu Gesicht bekommen werden.

„Dieses Jahr wird vieles ändern“, sagen Kölles. Aber ganz bestimmt nicht ihr Streben, den Kindern der „Kleinen Blume“ – das bedeutet Pushpa – eine bessere Zukunft zu ermöglichen.

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