Neun Wildkräuter würzen diese besondere Suppe

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 Außer Spitzwegerich oder Löwenzahn kennt die Ingerkinger Fachfrau Inge Stöpel sieben andere Kräuter für eine Grünndonnerstags-S
Außer Spitzwegerich oder Löwenzahn kennt die Ingerkinger Fachfrau Inge Stöpel sieben andere Kräuter für eine Grünndonnerstags-Suppe. (Foto: Angela Körner-Armbruster)
Angela Körner-Armbruster

Der Wildkräuterkurs in Ingerkingen beginnt mit einer klaren Ansage. „Pro Pflanze drei Hände voll, immer frisch, immer nur die Spitzen!“ Inge Stöpel fügt ermahnend hinzu: „Wir sammeln generell nur das, was wir hundertprozentig kennen und weil wir wissen, dass die Natur so geschändet ist, gehen wir umsichtig damit um.“ Inge Stöpel ist Berlinerin, lebt aber schon seit 22 Jahren in Ingerkingen und als Wildkräuterguide kennt sie sich bestens mit Kräutern, ihrer Erscheinungsform und ihren Inhaltsstoffen aus.

Der Ort, an dem sie ihr Wissen an diesem Samstag teilt, ist das Ingerkinger Rathaus. Zum Workshop eingeladen hat der örtliche Obst- und Gartenbauverein und das Thema lautet „Gründonnerstagssuppe“. Wer davon noch nie etwas gehört hat, darf sich über Ostern, den ersten Sonntag nach dem Vollmond nach Frühlingsanfang und damit verbundene Bräuche aufklären lassen.

„Lange vor Jesus Christus begrüßten die Menschen den Frühling mit Tänzen und Ritualen,“ weiß Inge Stöpel und dass Kelten und Germanen Frühlingsfeuer entfachten und die Erdgöttin Freya verehrten. Dabei wurde wohl auch eine Kräutersuppe zubereitet. Eine Neun-Kräuter-Suppe. Seit der Christianisierung trägt sie den Namen Gründonnerstagssuppe. „Es ist eine traditionelle Fastenspeise und die Bitterstoffe der Wildpflanzen sollen an das Leiden Christi erinnern.“

Neun erntebereite Kräuter zu finden, kann durchaus Probleme bereiten, wenn Ostern früh im Jahr ist und die Kräuter noch schlummern, doch die Kursleiterin beruhigt: „Es können auch tiefgefrorene Petersilie und Schnittlauch verwendet werden.“

Da in diesem Jahr Ostern zum beinahe spätest möglichen Zeitpunkt stattfindet, ist die Ernte kein Problem. Eine romantische Kräuterwanderung durch die Wildnis gibt es nicht, die kurze Radfahrt endet im Schrebergarten des Vereins. Klingt enttäuschend langweilig, hat aber seinen Grund. „Außerhalb dieses geschützten Bereichs müsste ich ein Territorium finden, wo ich diese Pflanzen unbedenklich sammeln könnte, und das ist in der heutigen Zeit wegen der Landwirtschaft gar nicht so einfach,“ bedauert die Kräuterfachfrau.

Lecker: Kräuter und Schokolade

Statt Wildnis bietet sie nebenher kleine Wissenshäppchen und die Sammlerinnen lauschen aufmerksam. „Das Scharbockskraut ist kräftig im Geschmack und passt auch gut zu Salat und Kräuterbutter!“ Schon wandern kleine Probeblättchen in den Mund und auch der robuste Gundermann wird verkostet. In Zartbitterschokolade getaucht schmeckt er wie „After Eight“ und das klingt natürlich verlockend. Wichtig ist auch der Tipp, dass ein Keramikmesser vorteilhafter ist, als ein Messer aus Stahl, weil die Kräuter oxidieren.

Und so häufen sich die Sternvogelmiere mit ihren winzigen weißen Blüten und Gänseblümchen zum Garnieren der Suppe neben dem bei Gärtnern verhassten, wuchsfreudigen Giersch. Er muss wegen der Bitterstoffe vorsichtig dosiert werden, denn viele Menschen reagieren anfangs sensibel auf Wildkräuter.

Charmant klingt die Geschichte über die Schafgarbe, die wegen ihrer desinfizierenden Wirkung auch Soldatenkraut genannt wird. Ihr weiterer Beinahme ist „Augenbraue der Venus“ und das passt so schön zu dem kleinen Bach, der das Idyll neben den Feldern abrundet.

Zurück in der Küche wird gewaschen und geschleudert und sortiert und emsig geschnitten. Zwiebelchen bruzzeln in der Butter, intensiver Bärlauchduft füllt den Raum. Jetzt kommt der Appetit und das Pieksen der Brennesseln ist vergessen.

„Riecht toll!“ und „Darf ich auch mal reinschmecken?“ oder „Ich möchte auch mal duften!“ wird gefragt. So vielfältig wie die Ausdrucksweise ist auch das Aroma. Nebenbei werden Rezepte für Bärlauchsalz oder Spitzwegerichhustensaft verraten. Geschäftiges Treiben herrscht in der Küche, fröhliches Lachen kündet von einem gelungenen Programm und die Begeisterung der Teilnehmerinnen unterstreicht die Aussage der Fachfrau.

„Ich selbst habe meinen Fachwart vor zehn Jahren gemacht und dann den Guide-Kurs. Der ist so beliebt, dass er bis 2023 ausgebucht ist. Das ist ein echter Boom, denn die Menschen pflegen einen bewussteren Umgang mit ihrer Gesundheit. Sie wollen sich informieren und das auch selbst ausprobieren – und auch heute sind wieder alle zufrieden nach Hause gegangen!“

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