Kretschmann überzeugt als Fastenprediger

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2 glückliche Protagonisten nach einer gelungen Fastenpredigt - tönnis und kretschmann (Foto: müller)

Für die zweite Fastenpredigt hat Pater Alfred Tönnis aus Schemmerhofen den Ministerpräsidenten Winfried Kretschmann in die Wallfahrtskirche eingeladen. Der kam, und das wollten die Leute sehen: Die Kirche musste alles hergeben, um allen Besuchern Platz bieten zu können – rund 500 Gäste aus dem ganzen Landkreis füllten die Dorfkirche.

Pater Tönnis hatte diesen Termin mit dem Ministerpräsidenten schon abgesprochen, bevor er sein Amt angetreten hatte. Und für Kretschmann war der Auftritt dann so wichtig, dass er eine Einladung zu Günther Jauch nicht wahrnahm, obwohl es dort um das wichtige Thema „Atomkraft“ gegangen wäre. „Dort hätte ich 40 Millionen Zuschauer gehabt, hier nur ein paar hundert. Aber wie wäre es gewesen, wenn statt meiner nur ein Schild gekommen wäre: der MP kann heute nicht“, sagte der Landesvater.

Kretschmann nahm sich Lukas 19, 1 bis 10, das Gleichnis des Oberzöllners Zachäus, als Grundlage für seine Predigt. Zachäus steigt auf einen Baum, um Jesus bei seinem Besuch in Jericho besser sehen zu können. Jesus holt ihn von diesem Baum, beschäftigt sich mit ihm und entlässt ihn geläutert. Bei seinen Vorbereitungen entdeckte Kretschmann in den griechischen Urtexten ein verstecktes Wortspiel des „genialen Schriftstellers Lukas“ und stellt dieses mit sichtlichem Wohlgefallen den Kirchenbesuchern dar. Im Griechischen gibt es eine frappierende Ähnlichkeit der Wörter für die Baumart, auf die Zachäus geklettert war und dem Begriff für „Betrügen“. So holt Jesus den Reichen, den Ausbeuter, „sowohl vom Baum, als auch von seinen Betrügereien herunter“. Kretschmann wäre kein Politiker, wenn er das nicht auf die aktuelle Wirtschafts- und Finanzsituation angewandt hätte: Den Spekulanten wirft er vor, die Orientierung verloren zu haben und nur noch an das eigene Wohl zu denken. Aber auch den Anwesenden gab er zu bedenken, dass jeder Oberzöllner Helfer unter sich hat: „Denn wir sind Zöllner, die die Oberzöllner erst möglich machen“. Und konkreter: „Die Banken, die mit geringer Moral arbeiten, die sind Ihnen vermutlich bekannt“.

Der Ministerpräsident rief jeden dazu auf, auf die Bäume zu klettern und ihrer Empörung Stimme zu verleihen. Wenn die Orientierung verloren geht, solle man auf die Suche gehen. „Wo Gefahr ist, wächst das Rettende!“ Er bittet alle, ein Stück weg vom eigenen Egoismus zu kommen und hin zu mehr Gemeinwohl, so wie Zachäus: „Wem ich am Zoll zu viel abgenommen habe, dem gebe ich es vierfach zurück (Lukas 19,7)“. Kretschmann zu dieser Tat: „ Er war danach keinesfalls arm, sondern immer noch reich, aber so verhinderte er wenigstens, dass er seinen Reichtum auf Kosten anderer weiter ausbaut“.

Kretschmann wünschte sich im Nachgang der Predigt mehr solcher Geschichten in den Köpfen der Menschen. „Unsere Kultur lebt von diesen Bildern, die als Leitlinie künftigen Handelns herangezogen werden können.“ Nicht umsonst spenden Christen bei Unglücken auf der ganzen Welt. Wenn die kommenden Generationen diesen Fundus an Orientierung nicht mehr haben, sieht er schlechte Zeiten aufziehen.

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