Zum Nachdenken anregen

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 Andreas Heinzel und Friederike Höhndorf vom Demokratiezentrum Biberach, Patrick Siegele, Leiter des Anne-Frank-Zentrums in Berl
Andreas Heinzel und Friederike Höhndorf vom Demokratiezentrum Biberach, Patrick Siegele, Leiter des Anne-Frank-Zentrums in Berlin (von links) und Bürgermeister Marcus Schafft (rechts) ließen sich von Schülern über die Ausstellung informieren. Insgesamt haben sich 30 Klassen der verschiedenen Schulen Riedlingens für Führungen angemeldet, ab Klasse 8 bis zu Abiturienten. (Foto: Waltraud Wolf)
Waltraud Wolf

Dank und Lob an die Beteiligten prägte am Mittwochabend die Eröffnung der Anne-Frank-Ausstellung im Riedlinger Rathaus. Überschrieben ist sie mit „Anne Frank – Ein Mädchen schreibt Geschichte“ und wahr wurde auch hier der Wunsch des jüdischen Mädchens, das Ende Februar 1945 mit knapp 16 Jahren im Konzentrationslager Bergen-Belsen starb: „O ja, ich will nicht umsonst gelebt haben wie die meisten Menschen“ und: „Ich will fortleben, auch nach meinem Tod“. Das Zitat aus ihrem in einem Versteck in Amsterdam geschriebenen Tagebuch vorgetragen hat bei der Vernissage der Leiter des Anne-Frank-Zentrums, Patrick Siegele.

Bürgermeister Marcus Schafft betonte, er freue sich, an der Wirkungsstätte von Ludwig Walz, einem von Israel zum „Gerechten unter den Völkern“ Ausgezeichneten, diese Ausstellung präsentieren zu können. Die Stadt sei geschichtsbewusst und gehe sehr reflektiert mit dem darin berührten Geschichtsverlauf der Weimarer Republik und des Dritten Reiches um und trage heute dank hohen bürgerschaftlichen Engagements viel zur Integration bei. Liege der Grund des Treffens auch in der Vergangenheit, so sei die Wirkung in das Jetzt und die Zukunft gerichtet. Hass, Gewalt, Ausgrenzung, Fremdenfeindlichkeit und Diskriminierung dürften keinen Platz in unserer Gesellschaft haben, forderte er, wobei Zwietracht schon im Kleinen anfange.

Landrat Dr. Heiko Schmid sprach die Hoffnung aus: „Auf dass diese Ausstellung und die Arbeit mit den Schulen viel Strahlkraft, Nachdenken und Erinnern bewirke“. In seinem persönlichen Blick auf die Zeit nach dem Nationalsozialismus hielt er das Schweigen um diese Zeit fest, das erst im Geschichtsunterricht oder eben über das „Tagebuch der Anne Frank“ aufgebrochen wurde. Die Studentenbewegung 1968 und die im Januar 1979 ausgesendete TV-Serie: „Holocaust – Die Geschichte der Familie Weiss“, habe in vielen Familien Anstoß gegeben, zu fragen, zu erzählen, auch zu weinen und das Schweigen über „die unsäglichen Verbrechen zu brechen“.

Andere Wege beschreiten

Seit dieser Zeit sei viel passiert, auch dank der Zeitzeugen, KZ-Überlebender, die vom „unbeschreiblichen Leid“ erzählt hätten, aber auch von Zügen an Menschlichkeit und Solidarität. Sie gäbe es bald nicht mehr, umso wichtiger sei es, andere Wege der Erinnerung zu beschreiten, wie zum Beispiel diese Ausstellung.

Positiv wertete er, dass es Gleichaltrige seien, die Annes Geschichte näher brächten und die Bezüge zu unserer Zeit herstellten und darauf hinwiesen, wie verletzlich und fragil unsere freiheitlich demokratische Grundordnung sei. Sie gelte es „gerade in diesen Zeiten von Nationalismus und Populismus um uns herum“, zu verteidigen. Auch er zitierte Anne Frank. „Einmal werden wir wieder Menschen sein und nicht mehr Juden“. Das könne man heute weiter fassen und darin Ausländer, Flüchtlinge oder andere mit sonst einem Stigma Versehene einbeziehen.

Zustande kam die Ausstellung in Riedlingen auf Initiative des Demokratiezentrums Biberach, für das als Vorsitzender des Kreisjugendringes Andreas Heinzel sprach. Ihm, so Heinzel, sei es ein Herzensanliegen, die Errungenschaften unserer Demokratie gegen Hass-Reden, Verleugnung und Verhöhnung zu schützen und junge Menschen dafür zu sensibilisieren, was Menschenwürde, Toleranz, Religionsfreiheit und Freiheit der Andersdenkenden bedeute. Friederike Höhndorf oblag es, die Wanderausstellung Anne Frank im Kreis Biberach zu organisieren. Ganz bewusst habe man hier eine kleine Stadt mit allen Schularten ausgewählt und sei in Riedlingen sofort auf eine „tolle“ Resonanz gestoßen, sowohl im Rathaus, als auch bei den Schulen. Sie berichtete von den Vorbereitungen und der ausgelösten Begeisterung, sei es beim Rahmenprogramm oder den beteiligten 31 Schülern, die durch die Ausstellung begleiten. Sie bedankte sich bei den Verantwortlichen innerhalb der Schulen und insbesondere bei Schulsozialarbeiterin Karen Maurer und Christine Barth vom Rathaus.

2019 sei für das Anne-Frank-Zentrum in Berlin ein besonderes Jahr, betonte dessen Leiter Patrick Siegele. Denn am 12. Juni hätte Anne Frank ihren 90. Geburtstag feiern können. Das Tagebuch sei zu einem Symbol für den Holocaust geworden. Dabei sei sie keine Heldin, kein Mythos, dürfe auch nicht als Opfer gesehen werden. Sie sei zu allererst ein normales Mädchen mit Hoffnungen und Problemen, mit Ängsten und Sorgen. „Der große Unterschied ist, dass ihr aufgrund ihres Glaubens und ihrer Identität das Recht auf ihr Leben genommen wurde“.

Die Ausstellung schenke einen Einblick in die Welt der Anne Frank vom Aufwachsen in Frankfurt und Amsterdam, gescheiterten Fluchtplänen, dem Leben im Versteck, Verhaftung, Deportation und den letzten sieben Monaten in verschiedenen Lagern. Nur ihr Vater Otto habe überlebt und ihm habe Miep Gies, eine der Helferinnen, das Tagebuch gegeben, das er vor 70 Jahren veröffentlichte.

Wehrhafte Demokratie

Die Auseinandersetzung mit der Geschichte Anne Franks belege die Notwendigkeit einer wehrhaften, lebendigen Demokratie mit einem funktionierenden Rechtsstaat. Die Ausstellung zeige aber auch Menschen, die den Mut besaßen, zu helfen und sich den Nazis zu widersetzen. Zudem gehe sie auf die Perspektive der Täter und Zuschauer ein. So nehme die Ausstellung die gesamte Gesellschaft in den Blick. Denn man könne den Holocaust nicht begreifen, wenn man sich nicht auch mit den Tätern beschäftige und vor allem der großen Masse von Mitläufern, Zuschauern und eventuellen Profiteuren.

Mit der Ausstellung rege man aber auch dazu an, darüber nachzudenken, was die Geschichte Anne Franks mit unserem Zusammenleben heute zu tun habe. Denn Antisemitismus und Rassismus seien „leider so aktuell wie eh und je“. Besonders würdigte er die jungen Begleiter. Drei von ihnen interviewte er und die Gäste der Eröffnung erfuhren, dass es gerade auch der zweite Teil der Ausstellung ist, der sie berührt hat.

Die musikalische Begleitung durch Schüler und Lehrer des Kolping-Bildungszentrums und Freunden unter der Leitung von Bernd Geisler mit Klezmer Musik und Liedern aus der Mauthausen-Kantate, deren Text von Jakobos Kambanellis verfasst wurde, der im dortigen KZ inhaftiert war, schlug einen Bogen auf spätere Veranstaltungen.

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