Zuhören, zuhören, zuhören

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Der Unternehmer Jürgen Kübler wollte Berufsschüler in Riedlingen für die Europa-Wahl gewinnen.
Der Unternehmer Jürgen Kübler wollte Berufsschüler in Riedlingen für die Europa-Wahl gewinnen. (Foto: Waltraud Wolf)
Waltraud Wolf

Leidenschaftlich war das Plädoyer des Unternehmers Jürgen Kübler für Europa und die Wahl zum Europa-Parlament am 26. Mai vor 29 Schülerinnen und Schülern der Beruflichen Schule Riedlingen. Dennoch schien er nicht ganz zu den Auszubildenden des dritten Lehrjahres der Feinwerk- und Industriemechaniker vorzudringen. Der Dialog, den er sich nach seinem Vortrag gewünscht hatte, kam kaum zustande. Schließlich äußerte er die Hoffnung, dass sich der eine oder andere unter den jungen Leuten trotzdem noch animieren ließ, sein Mitwirkungsrecht an Europa per Wahl wahrzunehmen.

Mitglieder der Vollversammlung der Industrie- und Handelskammer Ulm haben sich zur Aufgabe gemacht, als Lehrer zu fungieren und mit Schülerinnen und Schülern über Europa und die wirtschaftliche und politische Bedeutung der Europäischen Union zu sprechen. Jürgen Kübler aus Rißtissen, in Sachen erneuerbare Energie als selbständiger Handelsvertreter tätig, hatte sich dies für Riedlingen vorgenommen. Mit seiner eigenen Lebensgeschichte wollte er das Glück unterstreichen, seit 70 Jahren in Frieden leben zu können. Kübler wurde 1950 in einer Notunterkunft auf der Wilhelmsburg in Ulm geboren und spielte als Kind zwischen Trümmern der zerbombten Stadt. Auf dem zweiten Bildungsweg kam er zum Studium und ist seit 30 Jahren als freier Handelsvertreter unterwegs. Die Bedeutung des Handels stellte der 69-Jährige als Bindeglied zwischen produzierender Wirtschaft und Nutzer heraus.

Die EU wirke in das Leben aller hinein, unterstrich er, und nannte dazu Bildung, Gesundheit, Umwelt, Konsum, Verkehr und Arbeitsmarkt. Auch als Verfechter der EU übte er durchaus Kritik: Mitbestimmung und Transparenz seien noch unterentwickelt. Zum EU-Parlament betonte er, die Entscheidungsprozesse müssten nachvollziehbarer werden. Ändern sollte sich seiner Meinung nach auch, dass man auf die Europäische Kommission als „EU-Regierung“ keinen Einfluss nehmen könne. Er forderte eine weitere Demokratisierung.

Seine Maxime in Streitfällen oder bei unterschiedlichen Meinungen: Zuhören, zuhören, zuhören. Unterschiedliche Interessen gelte es auszuloten und einen gemeinsamen Nenner zu suchen. Zivilisiert miteinander umzugehen, war sein Appell. Verbesserungswürdig sei auch die Kommunikation.

Die EU umfasse noch nicht ganz Europa, wobei es in der Perspektive um alle Länder gehe, auch den europäischen Teil von Russland oder die Balkanstaaten. Dabei erinnerte er an die Zeit des Kalten Krieges und an Handelsverträge, die zum Austausch führten. In der Folge habe man Vertrauen aufbauen können. Ohne die Entwicklung von Handel und Wandel wäre es nicht zur Vereinigung gekommen, zeigte er sich überzeugt und betonte ein weiteres Mal, dass Friede das zentrale Thema sei, das ihn bewege.

„Das, was Sie heute haben, ist keine Selbstverständlichkeit“, mahnte er im Blick auf Demokratie, Sicherheit, Recht, Solidarität, Stabilität und Frieden, welche die EU gewähren soll. Obwohl er in Frage stellte, „ob alles richtig läuft“ in der EU, hielt er fest: „Es gibt kein besseres Wirtschaftssystem.“ Er unterstrich die Bedeutung des Binnenmarktes, inklusive Freizügigkeit der Arbeitskräfte und Gewinnung von Fachkräften.

Trotz einer skeptischen Stimme aus den Schülerreihen, zeigte sich Kübler davon überzeugt, dass die Reduzierung von CO² in Deutschland Wirkung zeige, doch dürfe es nicht alleine bleiben. Das Energie-Thema sei für sie existenziell, sagte er. „Was wir an CO² versündigt haben, müssen Sie und meine Enkel ausbaden“, zeigte sich Kübler selbstkritisch. Zum Abschmelzen der Gletscher warnte er, dass hierdurch nicht nur der Meeresspiegel steige, sondern dies wieder Fluchtbewegungen auslösen könne mit Auswirkungen auf die Menschen hier. Sich weg zu ducken, helfe nicht. Zur Wahl zu gehen, heiße auch, Verantwortung zu übernehmen und nicht alles hinzunehmen.

Zu den Prognosen, dass Rechtspopulisten bis zu einem Drittel an Stimmen bekommen könnten, führte Kübler aus: Nationalisten hätten noch nie eine Politik gemacht, die zum Nutzen der Bevölkerung gewesen sei. Mit Sorge betrachtete er darüber hinaus nicht nur den Brexit, sondern auch die Konflikte im Nahen Osten mit ihren Auswirkungen auf Europa.

Jürgen Kübler habe mit seinem Vortrag einen Denkprozess angestoßen, resümierte Gemeinschaftskunde-Lehrer Nicolai Winter und erkannte noch Bedarf, das Thema vor der Europawahl weiter zu vertiefen. Sivlia Geppert, bei der IHK zuständig für den Bereich Schule und Wirtschaft, dankte dem Unternehmer für sein Engagement.

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