Zeitungsausträger – bei jeder Witterung unterwegs

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Maria Leiman trägt seit acht Jahren die Schwäbische Zeitung aus.
Maria Leiman trägt seit acht Jahren die Schwäbische Zeitung aus. (Foto: Uschi Kliebhan)
Schwäbische Zeitung

Es ist 4.45 Uhr. Eine ungewöhnliche Zeit für ein Zeitungsinterview. Die Straßenlaternen sind noch aus. Es ist stockfinster in der Stadt. So sieht also ein nachtblauer Sternenhimmel aus. Die Silhouetten der Häuser heben sich scharf davor ab. Auf den Dächern um den Marktplatz stehen die Störche, dazwischen die Mondsichel. Auf dem Weg Zeitungsbotin Maria Leiman zu treffen, bin ich dabei, mich aufs Neue in meine Heimat zu verlieben.

Wie gesagt, es ist stockfinster und mucksmäuschenstill. Plötzlich steht sie mir gegenüber. Ich erkenne ihre Stirnlampe, unter den Arm hat sie ein Bündel der aktuellen Ausgabe der Schwäbischen geklemmt. „Schwäbische Zeitung?“ fragt sie mich. „Ja, Schwäbische Zeitung“, antworte ich, stelle mich vor und wir lachen beide. Es sei ein ungewöhnlicher Tag für sie. Der Zufall hat es wohl gewollt, dass wir unser Treffen genau auf den Tag legten, an dem Maria Leiman vor acht Jahren anfing. Sofort beginnt sie zu erzählen. Und sie lacht fröhlich, ein Morgenmuffel ist sie sicher nicht. Jeden Tag um 2 Uhr morgens begibt sie sich mit ihren Zeitungen in ihr Auto. Sie beliefert einen sehr großen Bezirk, von der Klinge bis an den Rand der Altstadt. Je nach Jahreszeit und Witterung ist sie etwa um halb sechs fertig. Als Urlaubsvertretung habe sie damals angefangen und blieb dabei.

„Ich kenne meine Route in- und auswendig, jeden Stein und jede Blume, oft lasse ich die Lampe aus“, sagt sie. Rund 120 Zeitungen verteilt sie, an manchen Tagen „nur“ 98. Es gibt Abonnenten, die beziehen täglich die Zeitung, manche nur samstags. Aber das habe sie alles gespeichert, den Blick auf die Liste könne sie sich sparen. Sie fährt mit dem Auto. Die Abstellplätze wählt sie geschickt. „Schauen Sie, so nehme ich die Schwäbische vom Stapel, falte sie und so kann ich sie hintereinander zack, zack ausliefern“, demonstriert sie geschickt. Dann geht es wieder ein Stück auf vier Rädern voran. Maria Leiman legt täglich zu Fuß, Treppen nicht mit eingerechnet, 15 Kilometer zurück. Das Fitnessstudio könne sie sich sparen. Bein-, Arm- und auch Bauchmuskulatur seien gestärkt: „Ich steige viele Male ein und aus, eine gute Übung.“

Die forsche Zeitungsbotin ist eine Naturliebhaberin. Sie erzählt, wie sehr sie die verschiedenen Jahreszeiten liebe. Und unter dem Sternenhimmel zu arbeiten, genießt sie besonders. Man könne seinen Gedanken nachgehen. „Oft bete ich auch, ich bin gläubig“, sagt sie. Im Winter mache sie die Stirnlampe häufiger an. „Wenn es schneit, das ist sehr romantisch.“ Allerdings empfindet sie Eisregen und überhaupt Regen als sehr hinderlich bei der Arbeit. „Ich war schon bis auf die Knochen nass, habe aber für jedes Wetter die passende Kleidung im Auto.“ Ich habe den Eindruck, die Zeitungen sind der gewissenhaften Austrägerin wichtiger. Sie dürfen auf keinen Fall nass werden. Auf dem Weg zum Briefkasten verschwinden sie bei Sturm und Wetter in einer Plastiktüte. Kälte fürchtet sie gar nicht. „Nicht vergessen, ich bin Russin und komme aus Kasachstan. Temperaturen um Minus 35 Grad machen mir nichts aus, da habe ich als Kind draußen gespielt.“ Die 40-Jährige lebt seit 19 Jahren in Riedlingen. Von Beruf ist sie Grundschullehrerin mit Einser-Diplom. Erst jetzt wurde ihr Abschluss hier anerkannt.

Besonders freue sie sich über Briefkästen, die nicht am Haus angebracht seien, lacht sie. Befänden sie sich am Rand eines großen Grundstückes, sei die Auslieferung einfacher. „Respekt“ habe sie vor Briefschlitzen. Besonders mit der dicken Samstagsausgabe bereiteten diese manchmal Probleme. „In der ersten Woche kam ich versehentlich mitten in der Nacht an eine Klingel, direkt neben dem Briefkastenschlitz“, erzählt sie. Das sei aber ur einmal vorgekommen, sagt Leiman und muss kichern. Viele erwarteten die Zeitung pünktlich zum Morgenkaffee. Anscheinend gibt es viele Frühaufsteher. Unser Stündchen ist um. Maria Leiman wird noch ein paar Mützen Schlaf nehmen. Auch ich begebe mich bei herrlichem Sonnenaufgang auf den Heimweg. Die Störche klappern, ich atme die wunderbare Morgenluft und freue mich, die Zeitungsbotin Maria Leiman getroffen zu haben. 

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