Whisky für den Sieger, viel Spaß für alle

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Poetry Slam Riedlingen Stadtfest 2019
Poetry Slam Riedlingen Stadtfest 2019 (Foto: Fotos: Thomas Warnack)
Mechthild Kniele

Poetry Slam ist ein moderner Dichterwettstreit, bei dem Künstler mit selbstverfassten Texten gegeneinander antreten und sich dem Urteil einer Publikumsjury stellen. Viele Zuschauer, die am Freitagabend nach Riedlingen zum Stadtfest gekommen waren, haben dieses Format noch nicht gekannt, geschweige denn live miterlebt. Sparkassendirektor Matthias Reichelt hat in Zusammenarbeit mit der Narrenzunft Gole dieses Event nach Riedlingen gebracht und mit Tobias Heil und Tobias Meinhold ein ideales Moderatorenpaar gewonnen, das dem Publikum zunächst die Wettbewerbsregeln erklärte und mit Schwung durch die Veranstaltung führte.

Ganz einfach sind die Wettbewerbsregeln: Für die Dichter gilt ein Zeitlimit von sechs Minuten, die Texte müssen selbst geschrieben sein, und Requisiten und Kostüme sind nicht erlaubt. Oberste Regel für das Publikum heißt: „Respect the Poets“ – also konzentriertes Zuhören während der Vorträge. Bewertet werden die Vorträge, deren Reihenfolge im Vorfeld ausgelost wird, von einer Publikumsjury, die Meinhold rasch gefunden hat. Auf einer Skala von eins bis zehn konnte gewertet werden und mit einem lauten „Uiii“ des Publikums wurden die großen Jurytafeln gleichzeitig hochgestreckt. Gestrichen wurden die höchste und die niedrigste Wertung, und wer nach zwei Wettbewerbsrunden die meisten Punkte hatte, war Sieger und wurde mit einer Flasche Whisky belohnt.

Ideale Kulisse für dieses Format war der Riedlinger Wochenmarkt, wo es sich über 400 Zuhörer an den Biertischen gemütlich gemacht hatten. Zum Wettstreit angetreten sind fünf in der Poetry-Szene bekannte Dichter und alle begeisterten mit ihren so ganz unterschiedlichen Vorträgen: mal nur witzig, mal besinnlich, mal mahnend, mal makaber, mal zart in der Sprache, mal sehr deftig. Die Themen reichten vom Älterwerden über Fernsehkonsum, Bierkonsum, Erziehung, Jahreszeiten, Fortschritt und über menschliche Körper. Gemeinsam war allen Teilnehmern der gekonnte Umgang mit Sätzen und Wörtern, der richtige Einsatz der Stimme und eine passende Performance.

„Eines Tages, Alter, werden wir Babys sein“ war der provokante Titel von Rita Apels Text und sie spielte mit Wörtern und Redewendungen über Zähne, Haare, Augen und Ohren. „Halt die Ohren steif“, auch wenn der „Zahn der Zeit an Dir nagt“ und „die Haare nur noch aus den Ohren wachsen“. Svenja Gräfen machte sich lustig über „offensiv schlecht geschriebene und gespielte Soaps“, und über sich, da sie diese dennoch mit Spannung verfolgt. Gekonnt in Reime gefasst und gestenreich vorgetragen war der Text von Tobi Kunze über das Schicksal einer Kuh, die ausgebüxt ist: „… in der Stadt, die vor ihr lag, gönnt‘ sie sich nen Citytag“. Außerdem hat er gestanden, dass er den Sommer hasst, die Jahreszeit, bei der man gleichzeitig einen Sonnenbrand und eine Erkältung bekommen kann. Rainer Holl machte sich mit „Give Beer a Chance“ Gedanken über Biertrinker, und Alex Stimm, der morgens noch als Lehrer in einem Klassenzimmer geschwitzt hat, berichtete vom täglichen „Klassenkampf“, wo er Kinder stärkt, indem diese (Leonidas, Marlon Legolas und Analena) unter anderem frühes Scheitern lernen: „Lerne Worte zu buchstabieren wie „Xylophonkoryphäe“ oder „Hyazinthenpamphlet“.

Poetry Slam ist ein Wettstreit, und zwar ein sehr vergnüglicher. Kein harter Wettkampf um die letzten Zehntelpunkte, sondern gute, ja sogar sehr gute Unterhaltung mit viel Wertschätzung für die anwesenden Slammer: „Applaus für den Autor und nicht für die erreichte Punktzahl“, sagte Tobias Heil, der sich als Schnellrechner beim Punkte addieren entpuppte. So geriet die Kür des Siegers beinahe zur Nebensache: Rainer Holl, dessen zweiter Vortrag auch dadurch glänzte, dass er seine bissigen Gedanken über den Fortschritt vollkommen auswendig vorgetragen hat, freute sich über die Flasche Whisky.

Immer respektvoll und begeisterungsfähig war das Publikum. Viel Applaus gab es, sehr hohe Punktzahlen für die Teilnehmer, denen es sehr gut gefallen hat in Riedlingen. „Ein toller Platz, eine schöne Atmosphäre und tolles Publikum“, das nun hofft, dass dieses Event wiederholt wird. Auch Moderator Tobias Meinhold deutete an, dass er gerne im nächsten Jahr wiederkommt und auf die Unterstützung der Kreissparkasse hofft. Sogar einer der vielen Riedlinger Störche hat sich blicken lassen und zunächst die Abendsonne genossen und dann sehr konzentriert zugehört, mit dem Schnabel im Gefieder.

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