Wasserschapfe und Wasserstapfe

Lesedauer: 6 Min

Baumaßnahmen wie die Neuerrichtung der Holzbrücke über die Donau, deren Alter ja mit Baujahr 1945 als Notbrücke noch recht jung ist im Vergleich zur schon 1303 erwähnten Donaubrücke, geben die Möglichkeit, etwas tiefer in die Riedlinger Stadtgeschichte einzusteigen.

Hier ist durchaus – auch im Hinblick auf die Bewerbung zur Gartenschau – interessant, wie sich die Südseite der historischen Stadtansicht im Laufe der vergangenen rund 250 Jahre verändert hat. Außer über die Donaubrücke konnte die Stadt von Süden her über die ganze Breite nicht betreten werden. Die Donau bot den optimalen natürlichen Schutz, der durch die Gebäude als Bestandteil der bis zu neun Meter hohen Stadtmauer verstärkt wurde. Nur wenige Durchlässe gab es an das Donauufer, um etwa Wasser zu schöpfen für die Hausgärten.

Nach der Brandkatastrophe

Die damals sogenannten Donaugärten wurden nach dem großen Stadtbrand 1804 seitens der Stadt an Privat veräußert, meistens an die angrenzenden Hausbesitzer. Das umstrittene Vorhaben, nach der Brandkatastrophe den Platz vor dem Kornhaus (das heutige Rathaus) wegen der „fürchterlich wirklich unregelmäßigen und höchst gefährlichen Lage und Bauart dieser hölzernen, neben- , hinter- und aufeinander stehenden Gebäude“ zu bereinigen, verursachte hohe Kosten, die den Stadtsäckel zu sehr belasten würden. Deshalb das große Zögern. Zur Realisierung des Vorhabens hätten von „übergeordneter Stelle 1722 Gulden aufgenommen werden“ müssen, die aber durch den Verkauf von Wiesen im Schwarzachtal, von Allmandwiesen, den so genannten Donaugärten und durch höhere Einnahmen aus Standgebühren auf dem erweiterten Marktplatz hätten abgedeckt werden können.

Die „Hauptstraße“ sollte dadurch auf 18,90 Meter im Bereich des Brunnens und auf 17,10 Meter im Bereich des Kornhauses erweitert werden. Die Maßnahme wurde schließlich umgesetzt und der Bereich des Marktplatzes zwischen dem Georgsbrunnen und dem Rathaus erhielt sein heutiges Gesicht. Der Verkauf der Donaugärten entlang der südlichen Stadtmauer, „die größtentheils mit Gebäuden überbaut, die Höhe beträgt circa 30 Fuß [zirka neun Meter]“ und entlang des Donauufers erbrachte 822 Gulden. Jeder dieser Gärten ist auf einem Situationsplan um 1800 eingezeichnet.

„Schäpfle Thörle“ statt Holzbrücke

Betrachtet man den Plan, lassen sich sehr interessante Einzelheiten entdecken: Man erkennt die drei Durchlässe neben dem Donautor (abgebrochen 1837), die auch im Plan benannt und aktuell rot markiert sind: „Neues Thörle“ (durchgestrichen) im Bereich Donaustraße 11-13, „Wasserstapfen Thörle“ im heutigen Bereich Wasserstapfe-Bergle und links, an der Stelle der heutigen Holzbrücke, das „Schäpfle Thörle“. Das mächtige Gebäude flussaufwärts wird zu jener Zeit „Wirtschaft zum Schäpfle“ genannt. Dort, wo die Gebäude nicht aneinanderstoßen, existierte ein sogenannter Ehgraben, der die Abwässer und Fäkalien aufnahm und der von den Angrenzern innerstädtisch gesäubert werden musste. Zu erkennen sind die acht Öffnungen in der Stadtmauer (gelb markiert), aus denen die Abwässer und Fäkalien flossen und die in kleinen Gräben zwischen den Gärten in die Donau sickerten. Links vom „Wasserstapfen Thörle“ ist ein leeres Feld zu erkennen, das der Stadt gehörte und gegen Gebühr von den Einwohnern als Holzlager und Dunglege benützt werden konnte.

Dem ortskundigen Leser fällt auf, dass die Namensgebung von damals mit der heute gebräuchlichen nicht übereinstimmt. Die heute Wasserstapfe genannte Straße, die über die Holzbrücke zum Tuchplatz führt, hieß wie das weitere Gelände entlang der Donau damals „Wasserschapfen“. Also ein Gebiet, um Wasser zu schöpfen.

Fröhliche Geselligkeit im „Vollmergarten“

Eine reizvolle Ergänzung zum Bereich Holzbrücke liefert das Foto aus dem Jahre 1899. Die Donau wurde an der Stelle der heutigen Holzbrücke mit Stocherkähnen, sogar mit doppelreihiger Sitzbank, überquert. Ob die weiß gekleideten Mädchen und die festlich gekleidete Gruppe Buben und Mädchen am Ufer Fronleichnam oder „Weißen Sonntag“ feierten, bleibt offen. Im Hintergrund das schon erwähnte, heute nicht mehr existente Wirtshaus „Schäpfle“, das seinen Namen von der „Wasserschapfe“ erhalten hatte. Ein Transparent hieß Besucher im „Vollmergarten“, dem beliebten Treffpunkt der Riedlinger Gesellschaft im 19. Jahrhundert, willkommen. Der bemalte Fahnenmast für die Maifeier oder einen anderen Anlass war bereits errichtet. Im Vollmergarten konnte auch gekegelt werden.

Meist gelesen in der Umgebung

Die Kommentarfunktion ist für Sie aktuell gesperrt. Bitte wenden Sie sich an unseren Kundenservice für weitere Infos.
Ihr Kommentar wird nach einer kurzen Prüfung durch unsere Redaktion veröffentlicht.
Kommentare werden geladen

Mehr Themen