Von der Fürsorge hin zur Teilhabe

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 Lebensfreude und Offenheit zeigten Maria Wiegand (links) und Katja Lüke beim Begegnungsnachmittag Inklusion.
Lebensfreude und Offenheit zeigten Maria Wiegand (links) und Katja Lüke beim Begegnungsnachmittag Inklusion. (Foto: Mechtild Kniele)
Mechtild Kniele

Eingeladen haben die evangelische Kirchengemeinde Riedlingen/Ertingen sowie Martin und Maria Wiegand, und gekommen sind viele Menschen mit und ohne Einschränkungen, um sich auf Augenhöhe zu begegnen.

Nach der Begrüßung von Pfarrerin Anne Mielitz stimmte Dorothee Mohr, begleitet von ihrem Vater Bernard, mit einem Klavierstück auf den Begegnungsnachmittag ein. Prälatin Gabriele Wulz aus Ulm betonte in ihrem Grußwort, wie wichtig es sei, die UN-Behindertenrechtskonvention, die seit 2008 in Kraft ist und der Deutschland 2009 beigetreten ist, umzusetzen. „Wir haben alle unsere Grenzen“, betonte Wulz, aber dennoch sollte allen Menschen alles möglich gemacht werden können, „auch wenn nicht alles gemacht werden muss“.

Referentin Katja Lüke, die aus Frankfurt angereist ist, brennt für das Thema Inklusion. Seit ein paar Jahren ist sie Referentin für Inklusion im und durch Sport im Deutschen Olympischen Sportbund und dort so engagiert, dass sie laut eigener Aussage kaum mehr Zeit hat, selbst aktiv Sport zu treiben. Doch die 50-Jährige ist zweimalige Deutsche Meisterin im Säbelfechten gewesen und hat an einem Handbike-Rennen in Alaska teilgenommen. Seit über 20 Jahren hat sie eine Lähmung „erworben“ und sitzt im Rollstuhl, den sie als ihren besten Freund bezeichnet.

Ihrer Meinung nach wird Laufen überbewertet, sie vermisst lediglich ab und zu das Rascheln von Laub unter den Füßen im Herbst. Da sie Venedig sehen wollte und die zahlreichen Treppen und Brücken für sie ein großes Hindernis sind, hat sie die Stadt gemeinsam mit einer Gruppe im Kanu erkundigt.

Katja Lüke hat sich mit dem Deutschen Knigge-Rat getroffen und danach eine Broschüre verfasst, die zehn wertvolle Tipps enthält, wie Nichtbehinderte mit behinderten Menschen umgehen sollen. Hier zeigte sich auch die große Unsicherheit vieler Anwesenden: Da man selbst unsicher ist im Umgang mit Behinderungen und Behinderten, schaut man lieber weg und vermeidet direkte Konfrontation. Wichtig ist, einen Weg zu finden, der weg von der Fürsorge hin zur Teilhabe führt.

Katja Lüke bat Maria Wiegand auf die Bühne, die in Riedlingen lebt und arbeitet und durch eine MS-Erkrankung ebenfalls auf den Rollstuhl angewiesen ist. In einem sehr offenen Austausch der beiden Frauen untereinander und mit den Anwesenden gab es ganz wichtige Ratschläge und Informationen. Viele Betroffene schämen sich, dass sie für die Gesellschaft „teuer“ seien, da Hilfsmittel viel Geld kosten. Maria Wiegand fällt es manchmal noch schwer, den Rollstuhl zu akzeptieren, doch sie möchte nie aufgeben, denn dazu ist das Leben zu wichtig und dazu gehört für sie auch, arbeiten zu können.

Wie begegnet man einem Menschen im Rollstuhl auf Augenhöhe? Dafür muss man sich nicht nach unten beugen, es genügt, ein wenig Distanz zu halten, damit der im Rollstuhl Sitzende sich nicht den Hals verrenken muss. Soll man helfen und wie sieht Hilfe aus? Hilfe darf gerne angeboten werden, jedoch sollte man auch ein höfliches „Nein“ akzeptieren – nicht jeder will beispielsweise geschoben werden.

Die Frage nach der Behinderung als Einstieg in einen „Small-Talk“ ist tabu und ganz wichtig ist der Knigge-Tipp, dass man „mit den Menschen reden solle und nicht über sie hinweg“, etwa mit der Begleitperson. Barrierefreiheit ist ein ganz großes Thema, denn diese ermöglicht erst Teilhabe und ganz schlimm ist es, wenn die wenigen Parkplätze für Behinderte zugeparkt sind und es bei öffentlichen Veranstaltungen keine Behindertentoiletten gibt. Davon kann Martin Wiegand, der als Angehöriger das Wort ergriff, ein Lied singen.

Nach über einer Stunde gab es viel Beifall für die große Offenheit und die Herzlichkeit von Katja Lüke und Maria Wiegand und im anschließenden regen Austausch sollte erreicht werden, dass in Riedlingen ein Arbeitskreis „Inklusion“ entstehen kann, der mit seinen Wünschen und Forderungen auch an die Politik herantreten sollte. Leider waren von der „politischen Prominenz“ trotz Einladung nur Marin Gerster (MdB) anwesend und Franz-Martin Fiesel als Riedlinger Bürgermeister-Stellvertreter.

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