Vom Krankenbett aus auf den Bussen

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Karl Betz (liegend) entspannt sich mit der VR-Brille. Dabei wird er von Manuel Döbele (von links), Sabine Eggart und Michael Wi
Karl Betz (liegend) entspannt sich mit der VR-Brille. Dabei wird er von Manuel Döbele (von links), Sabine Eggart und Michael Wissussek von der Demenzpflege Riedlingen sowie Andreas Haas begleitet. (Foto: privat)
Schwäbische Zeitung

Für Konsolenspieler sind sie längst Alltag geworden: Virtual-Reality-Brillen, die künstliche Welten ganz real erlebbar machen. Mitarbeiter der Universität Hohenheim wollen solche VR-Brillen künftig auch therapeutisch einsetzen. Für ihre Studie haben sie die Demenzpflege Riedlingen ausgewählt.

Weit, ganz weit schweift der Blick in die Ferne. Die liebliche oberschwäbische Landschaft breitet sich vor dem Betrachter aus: verstreute Dörfer, Äcker, Wiesen, Wäldchen und silberhell und spiegelglatt der Federsee. Im Hintergrund zeichnen sich die Alpen ab. Ein sanfter Wind weht. Und dann hebt St. Johannes Baptist zu Läuten an.

Geht es nach Michael Wissussek, sollen solche Spaziergänge auf dem Bussen bald auch vom Krankenbett aus möglich sein. „Das ist schon etwas Wunderbares, das den Menschen etwas gibt“, schwärmt der Leiter der Demenzpflege Riedlingen von der neuen Technik. In einer auf zwei Jahre angelegten Studie arbeitet die Pflegeeinrichtung mit „Anders VR“ zusammen, einem Start-up-Unternehmen der Universität Hohenheim. Geschäftsführer Manuel Döbele, Dr. Andreas Haas und Stefan Büning wollen dabei herausfinden, ob sich VR-Brillen (VR steht für Virtual Reality, also künstliche Realität) auch therapeutisch einsetzen lassen. Das Eintauchen in eine angenehme Umgebung könnte dazu beitragen, dass Unruhe, Angst oder aggressives Verhalten gemildert werden, erklärt Wissussek. „Wir versprechen uns, dass man so nochmal einen Weg findet, auf das eine oder andere Medikament zu verzichten.“

Eine besondere Erfahrung

Ob diese Rechnung aufgeht, wird sich erst noch zeigen. Die ersten Reaktionen seien aber durchweg positiv gewesen, sagt Wissussek. Zuerst seien die Versuchsteilnehmer erstaunt – dann beginnen sie, die künstliche Welt zu erkunden, entdecken Details, eine besondere Pflanze oder das Blau des Himmels. „Sie können sich in dieser Welt orientieren“, hat Wissussek festgestellt. Dies sei für Demenzkranke, die in ihrem Alltag von der Vielfalt der Eindrücke häufig überfordert werden, eine besondere Erfahrung.

Bei der Anwendung der VR-Brille gelte es denn auch, besonders behutsam vorzugehen. Vier Probanden sind für die Teilnahme an der Studie ausgewählt worden. Wichtig dabei war, dass sie alle die Technik einigermaßen nachvollziehen konnten, ihr also nicht ausgeliefert waren, erklärt Wissussek. Dennoch sei erst ein wenig Überzeugungsarbeit notwendig gewesen. „Aber wer bereit war, die Brille aufzusetzen, wollte sie dann auch tragen“, erzählt der Leiter der Demenzpflege und lacht.

Schließlich biete die VR-Brille auch einfach gute Unterhaltung, ein Erlebnis, das die demenzkranken Menschen aktiviert und ihnen Freude schenkt. Bei den regelmäßigen Anwendungen erleben sie derzeit eine Fahrt auf dem Katamaran über den Bodensee nach Lindau, aufgenommen mit einem speziellen Kameraverfahren, das einen 360-Grad-Blick ermöglicht. Als nächster Film sei dann tatsächlich der Blick vom Bussen geplant, so Wissussek. Damit lassen sich Erinnerungen wecken, an die Biografie des Demenzkranken anknüpfen: „Denn sicherlich jeder Oberschwabe ist ja mal auf dem Bussen gestanden.“

Da die Technik aber einen hohen Aufwand bedeutet, ist die Teilnahme an der Studie mit Kosten in Höhe von 3000 bis 5000 Euro im Jahr verbunden. Wertvoll sei die Brille aber schon deshalb, weil sie „in die Erlebniswelten der Demenzkranken positiv einwirkt“, meint Wissussek. Und: Sie ersetze keine Betreuung, sondern kann nur eingesetzt werden, wenn der demenzkranke Mensch dabei begleitet wird. Technik und Menschlichkeit seien also gleichermaßen notwendig.

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